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Prophet im eigenen Land

Der umbrische Maler Pietro Vanucci, besser bekannt unter dem Künstlernamen Perugino, lebte von 1450 bis 1523, er war Vorbereiter und Zeitgenosse des Höhepunktes der italienischen Renaissance-Kunst. Jetzt widmet ihm seine Heimatstadt Perugia und die ganze umgebende Region eine Reihe von fünf splendiden Ausstellungen, an einem Dutzend Orten zwischen Perugia und Cerqueto, Assisi und Trevi. Außerdem gibt es viele "Eventi und Itinerari", also Ereignisse und Rundfahrten, um Perugino vor Ort im Rahmen des jeweiligen Genius Loci seiner Werke genauer kennenzulernen, jenen Maler, der Lehrer des "göttlichen Raphael" war.

Von Thomas Migge |
    Der Blick aus dem hohen Fenster in die weite hügelige Landschaft verblüfft. Hat man nicht gerade eben eine ähnliche Landschaft mit Zypressen und fernen Ortschaften, die auf Hügelkuppeln liegen, auf einem der Gemälde gesehen? Man geht zurück zu dem entsprechenden Bild und tatsächlich: bis auf eine Strasse scheint sich zwischen dem Blick aus dem Fenster und der gemalten Landschaft nichts verändert zu haben. Auch auf der Fahrt mit dem eigenen Wagen von einem Ausstellungsort zum anderen hat man immer wieder den Eindruck, als ob weite Teile der umbrischen Landschaft noch so erhalten geblieben sind wie auf dem Gemälden und Fresken von Pietro Vannucci, der auch Perugino genannt wird und zwischen 1445 und 1523 lebte. Es war eine Idee von Vittoria Garibaldi, der Verantwortlichen für die Kunstgüter in der mittelitalienischen Region, dass Kunstliebhaber auf der Fahrt zu den einzelnen Ausstellungsteilen der großen Perugino-Schau das reizvolle Wechselspiel zwischen der damaligen und der heutigen Landschaft Umbriens erleben:

    Wir wollen einen globalen, Eindruck des Schaffens von Perugino zu vermitteln. Dieser Renaissancekünstler war Zeit seines Lebens ständig in ganz Italien unterwegs. Vor allem in Umbrien. Also zeigen wir die rund 400 Ausstellungsobjekte an insgesamt 6 Orten. In Perugia und Umgebung.

    Eine gerade für ausländische Besucher sehr schöne Idee, um Ort für Ort Umbrien und die verschiedenen künstlerischen Phasen des Perugino kennenzulernen - zu dem es übrigens noch nie eine eigene und umfassende Ausstellung gegeben hat. Das gesamte Schaffen Peruginos wurde aus verschiedenen Ländern zusammen geliehen. Zum ersten Mal überhaupt werden Hauptwerke wie beispielsweise der berühmte Albani-Flügenaltar gezeigt, der seit Jahrhunderten der römischen Torloniafamilie gehört und noch nie ausgeliehen wurde. Den Ausstellungsmachern geht es darum, Perugino wiederzuentdecken, jenen Maler, der, wie Vittoria Garibaldi meint, unverdienterweise immer noch im Schatten seines Schülers Raffael steht:

    Es ist falsch, Perugino einfach nur als Lehrer von Raffael zu bezeichnen. Ich würde eher sagen, dass Raffael nichts anderes war als ein Schüler seines Lehrers. Ohne Perugino hätte es den uns bekannten Raffael nicht gegeben.

    Und das wird vor allem im ersten und umfangreichsten Ausstellungsteil im frisch restaurierten Nationalmuseum für umbrische Kunst in Perugia deutlich. Da werden die ersten Madonnen Peruginos gezeigt, die sich zaghaft von der spätmittelalterlichen Ikonographie lösen. Schritt für Schritt schuf Perugino den Urtypus der entrückt wirkenden Madonna - einer Muttergottes, wie sie durch Raffael berühmt wurde. Dass aber sein Lehrer Perugino dieses Sujet entwickelte und zu einer solchen Meisterschaft führte, das ist eher unbekannt. Peruginos Madonna mit dem Kind aus der Washingtoner National Gallery zeigt es deutlich: man weiß nicht ob man einen Raffael oder einen Perugino vor sich hat. Das Interessante der großen Kunstschau in Perugia und Umgebung ist es, dass sie Perugino endlich aus dem Schatten seines Schülers hervorholt und in das richtige Licht rückt.

    Perugino revolutioniert mit diesen entrückten Antlitzen seiner Madonnen und Heiligen die Malerei und wird damit so erfolgreich, dass er gar nicht weiß, wie er allen Aufträgen nachkommen soll. Kein anderer Maler der italienischen Kunstgeschichte hat in so vielen Städten Italiens so viele Werke hinterlassen.

    Seine religiösen Werke bestechen durch geometrische Anordnungen und die Zentralperspektive, die Abwesenheit menschlicher Leidenschaften in den Gesichtszügen seiner Protagonisten und flämisch inspirierte Landschaftshintergründe. Bei Äbten, frommen Bürgern und Adligen sowie beim Papst hatte er damit großen Erfolg. Als Perugino für Papst Sixtus IV. die Wände der sixtinischen Kapelle ausmalte, erreichte seine Karriere ihren Höhepunkt. Danach geriet er langsam in Vergessenheit. Erst die Nazarener des 19. Jahrhunderts - wie zum Beispiel der Deutsche Friedrich Overbeck - kopierten Perugino mehr schlecht als recht. Ihre Perugino-Rezeption ist daran Schuld, dass dieser Maler vielen immer noch als kitschig gilt. Vittoria Garibaldi:

    Perugino ist nie gründlich studiert worden. Wir versuchen das hier nachzuholen, in dem wir den Besuchern zeigen, wie der Negativmythos dieses Malers entstanden ist. Eine eigene Sektion zeigt die Peruginorezeption des 19. Jahrhunderts. Die gesamte Geschichte dieses Malers rekonstruieren wird hier.

    Als sich Raffael und die anderen Malerstars der Renaissance vor Aufträgen kaum mehr retten konnten, zog sich Perugino nach Umbrien zurück. Der neue Geschmack verlangte nach einer individuelleren und realistischeren Darstellung von Madonnen und Heiligen. Nur noch einige wenige Klöster, die sich die begehrten teuren Maler nicht erlauben konnten, bestellten Werke bei Perugino. Noch vor seinem Tod war er vergessen und verschmäht. Sein Stil galt fortan als überholt.