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StartseiteSport am WochenendeRugby-Weltverband schließt Tür für trans* Athletinnen20.09.2020

Protest aus den eigenen ReihenRugby-Weltverband schließt Tür für trans* Athletinnen

Schon seit Jahrzehnten beschäftigt die Sportgemeinschaft die Frage, ob transgender Frauen gegen cisgender Frauen antreten dürfen. Der Welt-Rugbyverband hat darauf eine klare Antwort gefunden: nein. Eine Entscheidung, die auf viel Protest stößt - auch in der Rugby-Familie selbst.

Von Raphael Späth

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Eine Szene aus einem Rugbyspiel am 9. April 2012 in Perpignan in Frankreich. (picture alliance / dpa / Michel Clementz)
Der Welt-Rugbyverband will transgender Athletinnen von Wettkämpfen gegen cisgender Athletinnen ausschließen (picture alliance / dpa / Michel Clementz)
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Der Rugbysport – ein Sport "for all shapes and sizes", für alle Körperformen und –größen, so steht es auf der Website von World Rugby, dem internationalen Rugbyverband. Inklusion hat sich der Verband seit Jahren auf die Fahnen geschrieben. Seit diesem Sommer ist aber klar. Jeder darf mitmachen – außer trans* Athletinnen.

Nach einer im Februar einberufenen Tagung mit Expertinnen und Experten aus allen gesellschaftlichen Bereichen verfasste World Rugby ein 38-seitiges Dokument, in dem begründet wird, weshalb trans* Frauen in Zukunft nicht mehr gegen Cis-Frauen – also Frauen, die sich dem Geschlecht identifizieren, mit dem sie geboren wurden – antreten dürfen. Der Grund: Cis-Frauen wären einer Studie nach bis zu 30 Prozent verletzungsgefährdeter, wenn sie gegen vermeintlich körperlich überlegenen trans* Frauen antreten. Diese Studie, sagt Anne-Marie Kortas vom Deutschen Rugby-Verband, sei als Argument allerdings völlig ungeeignet.

Kortas: "Keine transgender Sportlerinnen bei Studie involviert"

"Wir führen auch einfach eine Phantomdiskussion hier, ohne dass wir wirklich wissen, wo das Problem liegt, weil man auch sagen muss, dass die Studie, auf die sich World Rugby bezieht, eine Studie ist, die mit elf Personen in Schweden durchgeführt wurde. Da waren keine transgender Sportlerinnen involviert. Und es wurde eine Muskelgruppe betrachtet, die für Rugby gar nicht so wichtig ist, weil die Waden betrachtet wurden und nicht zum Beispiel der Oberkörper, der ja beim Tackeln viel wichtiger ist."

(190504) -- DOHA, May 4, 2019 -- Caster Semenya of South Africa competes during the women s 800m final at 2019 IAAF Diamond League at Khalifa International Stadium in Doha, Qatar, May 3, 2019. Caster Semenya won the gold medal with 1 minute and 54.98 seconds. ) (SP)QATAR-DOHA-ATHLETICS-IAAF DIAMOND LEAGUE Nikku PUBLICATIONxNOTxINxCHN (imago | Xinhua) (imago | Xinhua)"Vorschriften sind nicht das einzige Mittel der Wahl"
Die Soziologin und ehemalige Leichtathletin Madeleine Pape kritisiert, dass Athletinnen mit erhöhtem Testosteronwert unter den Regeln der Entscheidungsgremien kaum Chancen auf Gerechtigkeit hätten.

Anne-Marie Kortas ist selbst als Spielerin beim RK 03 Berlin aktiv, und hätte selbst auch kein Problem damit, gegen trans* Athletinnen anzutreten. "Ich bin eher eine kleinere Frau, wenn ich Rugby spiele, spiele ich oft gegen Frauen, die auch wesentlich größer und wesentlich stärker sind. Und ich denke, das gehört halt irgendwie auch dazu. Es ist Teil des Rugby-Sports, dass unterschiedliche Körpergrößen aufeinanderstoßen."

Zahlreiche Spielerinnen haben die Entscheidung von World Rugby deshalb in den letzten Wochen scharf kritisiert. Auch der Deutsche Rugby-Verband lehnt diesen Regeländerungsvorschlag, wie auch viele andere nationale Verbände, mit aller Deutlichkeit ab – ein wichtiges Zeichen, meint Joanna Harper. Sie ist Wissenschaftlerin an der britischen Loughborough Universität, und war die einzige trans* Frau, die beim Forum von World Rugby im Februar dabei war.

Harper: "Von Entscheidung nicht überrascht"

"Ich war enttäuscht über die Entscheidung. Es gab einige Indizien, dass World Rugby sich schon einer Meinung war, bevor sie dieses Meeting einberufen haben. Deshalb war ich nicht überrascht von der Nachricht, sondern nur sehr enttäuscht."

Das Meeting selbst war so konzipiert, dass die drei Sprecher*innen, die für einen Ausschluss von transgender Athletinnen plädierten, die prominentesten Redeplätze und die längste Redezeit bekamen, behauptet die Kanadierin. Harper hatte für ihre Präsentation nur 20 Minuten Zeit – obwohl sie eine der wenigen Wissenschaftlerinnen ist, die in der Vergangenheit Studien über trans* Athletinnen durchgeführt hat.

Auch deshalb gilt sie als Hauptansprechpartnerin für das Internationale Olympische Komitee, das mithilfe von Joanna Harper im Jahr 2015 seine Regularien für trans* Personen gelockert hat. Trans* Athletinnen müssen seitdem keine geschlechtsangleichende Operation mehr hinter sich haben, allerdings müssen sie 12 Monate lang einen Testosteronwert von maximal 10 Nanomol pro Liter Blut nachweisen – der Normalwert bei Frauen liegt zwischen 0,5 und 2 Nanomol.

Für trans* Frauen ist das aber selten ein Problem – durch Hormontherapien liegt der Testosteronwert vieler trans* Frauen schon nach wenigen Monaten sogar unter dem Wert vieler Cisgender Frauen.

Harpers Studien sehen keine Vorteile für trans* Frauen

Und auch Joanna Harpers Studien belegen, dass trans* Frauen zumindest im Ausdauersport keine signifikanten Vorteile gegenüber cisgender Athletinnen haben. Allerdings betont Harper auch, dass die Vorschriften des IOC nicht für alle Sportarten geeignet sind. "Das IOC ist eine Organisation, die hunderte Sportarten unter einem Dach vereint. Deshalb müssen sie diese allgemeinen Eingrenzungen vornehmen, ich halte es für unangemessen, dass das IOC zu strenge Vorgaben gibt. Im Gewichtheben oder auch im Rugby könnte man zum Beispiel eine etwas schärfere Eingrenzung vornehmen. Aber eine Eingrenzung ist nicht gleichbedeutend mit einem kompletten Ausschluss."

Joanna Harper weiß auch, dass es Sportarten gibt, in denen trans* Frauen auch mit Hormontherapie Vorteile haben werden. Sportarten, in denen Größe entscheidend ist, wie zum Beispiel Basketball, Volleyball oder Rudern. "Und es gibt natürlich Dinge, die man dagegen tun kann. Man könnte eine Maximalzahl einführen für trans* Spielerinnen, die pro Team erlaubt sind. Aber es gibt größenbasierte Sportarten, die schon seit über 10 Jahren trans* Athletinnen zulassen. Und trans* Frauen haben diese Sportarten noch nicht übernommen. Wir haben also noch keine wirklichen Beweise dafür, dass es eine Sportart gibt, in der trans* Frauen dominieren würden."

Harper selbst arbeitet momentan auch an einer neuen Langzeitstudie, die untersuchen soll, inwiefern sich die Stärke, aerobe und anaerobe Kapazitäten einer Athletin während ihrer Geschlechtsumwandlung verändern. Aussagekräftige Ergebnisse werden aber erst in fünf oder zehn Jahren vorliegen – bis dahin müsse man mit den wenigen Studien arbeiten, die bekannt sind.

DOSB: "Wir sind noch am Anfang"

"Wir stehen aber dabei noch relativ am Anfang",sagt Inklusionsbeauftragte Kirsten Witte-Abe vom Deutschen Olympischen Sportbund. "Und da braucht es halt auch sicherlich noch einmal wissenschaftliche Erkenntnisse, es braucht intensivere Prozesse mit Betroffenen, also ich glaube wir sind da einfach noch am Anfang, da braucht es noch viel."

Der Deutsche Olympische Sportbund beschäftigt sich seit gut drei Jahren intensiv mit dem Thema Transidentität, arbeitet eng mit zahlreichen Organisationen zusammen. Der Fokus hierbei liegt aber nicht etwa auf wissenschaftlicher Beweisfindung – sondern auf Aufklärung im Breitensport. Es geht darum, die Mythen und Vorurteile gegenüber trans* Athletinnen so aktiv wie möglich zu bekämpfen.

World Rugby scheint daran nicht interessiert zu sein. Auf Änderungsvorschläge von Joanna Harper hat der Verband bisher nicht reagiert, Ende November entscheidet der 52-köpfige World Rugby Council darüber, ob trans* Spielerinnen tatsächlich vom Rugby-Sport ausgeschlossen werden.

Harper fürchtet Kettenreaktion

Es wäre die erste Entscheidung dieser Art – und könnte eine Kettenreaktion auslösen, befürchtet Joanna Harper. "Ich glaube, dass Sportarten wie Leichtathletik oder Radfahren sehr darin bemüht sind, trans* Athletinnen teilnehmen zu lassen, wenn Testosteronregeln erfüllt sind. In diesen Sportarten ist das Verletzungsrisiko aber auch geringer. Aber ich weiß, dass es andere Verbände gibt, zum Beispiel im Volleyball, die ähnlich skeptisch sind, was trans* Frauen betrifft. Deshalb könnte der Volleyball-Verband dem Beispiel von World Rugby folgen, wenn dieser Ausschluss durchgesetzt wird."

Bisher kann über solche Vorgänge aber nur spekuliert werden. Was feststeht ist, dass wahrscheinlich schon in Tokio im kommenden Jahr die ersten trans* Athletinnen an den Start gehen werden. Für Joanna Harper ist das aber nur ein erster Schritt.

"Wenn wir nur auf die Statistiken schauen, müssten eigentlich 30 trans* Frauen an den Olympischen Spielen teilnehmen. Aber ja, es wird vermutlich auch schon kontrovers sein, wenn eine trans* Athletin in Tokio dabei sein wird. Ich denke aber nicht, dass es das sein sollte. Wenn trans* Sportlerinnen die Olympischen Spiele in Tokio dominieren würden, wäre das ein Desaster. Aber wenn nur ein paar Athletinnen an den Start gehen? Nein, wir sollten sogar mehr erwarten."

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