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StartseiteSport am WochenendeProtest bis zum Bundestag26.04.2009

Protest bis zum Bundestag

Petition der Dopingopfer und Protestaktionen während der Leichtathletik-WM in Berlin

Der Protest von DDR-Dopingopfern gegen eine Generalamnestie von dopingbelasteten Trainern hat eine neue Qualität erreicht: Klaus Zöllig, Vorsitzender des Dopingopferhilfevereins, reicht beim Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages Beschwerde ein. Zugleich wurden Protestaktionen bei der Leichtathletik-WM im August in Berlin angekündigt.

Von Jens Weinreich

Der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Peter Danckert, muss sich mit einer Petition von Dopingopfern beschäftigen. (AP)
Der Vorsitzende des Bundestags-Sportausschusses, Peter Danckert, muss sich mit einer Petition von Dopingopfern beschäftigen. (AP)

Klaus Zöllig prangert in seiner Petition die missbräuchliche Verwendung von Steuermitteln über einen Zeitraum von fast 20 Jahren an. Der Dopingopferhilfeverein (DOH) verlangt die rückwirkende Überprüfung aller vom Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), seinen Vorgängerorganisationen Deutsche Sportbund (DSB) und Nationalen Olympischen Komitee (NOK) sowie den Spitzenverbänden und Stützpunkten seit 1991 erhaltenen Steuermittel. Er fordert den Bundestagsausschüsse für Sport, Haushalt, Gesundheit und Menschenrechte auf, sich umgehend mit dem Thema zu beschäftigen.

Brisant ist das auch deshalb, weil die Mehrheit im Sportausschuss die pauschalen Trainererklärungen deckt und Sportausschuss-Chef Peter Danckert (SPD) sogar eine bedingungslose Amnestie fordert.

Die Erklärungen vom 6. April, die dem DOSB, dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) und dem Bundesinnenministerium (BMI) zur Weiterbeschäftigung dopingbelasteter Trainer dienen, sollen bis zum Abschluss der Untersuchungen suspendiert werden. DOH-Chef Klaus Zöllig:

"Wer Trainer, die dopingbelastet sind, 20 Jahre beschäftigt, verstößt ja ganz offensichtlich gegen die Vergabekriterien von Fördermitteln. Denn dort wird expressis verbis die Beschäftigung von belasteten Trainern untersagt. Wenn Fördermittel also angenommen werden und gleichzeitig ehemalige DDR-Trainer weiterbeschäftigt werden, dann muss das überprüft werden."

Mit der Petition und einer parlamentarischen Überprüfung sei es nicht getan, argumentiert Zöllig. Möglicherweise müsse die Staatsanwaltschaft ermitteln:

"Ob es ein Strafrechtstatbestand ist, das kann ich nicht beurteilen, ich bin kein Jurist. Aber ich denke verwaltungsrechtlich liegt hier Fehlverhalten vor, und wenn ein Straftatbestand dahinter steht, muss er auch verfolgt werden."

Es geht keinesfalls nur um jene sechs Leichtathletik-Trainer, inklusive des Nachzüglers Werner Goldmann, die die Erklärungen bisher unterschrieben haben. Die Dimension der Finanzierung dopingbelasteter Trainer ist eine ganz andere. Und schließlich geht es auch um dopingbelastete Mediziner, diese Tätergruppe kam in der Diskussion zuletzt etwas zu kurz:

"In den Spitzenverbänden schätzen wir eine Zahl von 40 bis 50 belasteten Trainern. Und wenn für die alle Fördermittel entgegengenommen und bezahlt wurden, dann ist das ja eine ganz erhebliche Menge Geld. Und das muss überprüft werden. Mediziner ist sicher eine ähnliche Situation, aber da haben wir keine konkretenm, harten Fakten. In diese Richtung gehen wir im Moment nicht vor."

Die Petition richtet sich explizit gegen das für Sport verantwortliche Bundesinnenministerium. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble hat bereits erklärt, die Trainererklärung akzeptieren zu wollen. Der DOH drängt darauf, dass nicht im Stile eines Duodez-Fürstentums zuwendungsrechtliche Verfehlungen folgenlos bleiben, sondern verlangt, dass bestehende Gesetze, Bestimmungen und Verordnungen eingehalten werden.

Denn letztlich, so argumentieren die Dopingopfer, dienen die Trainererklärungen auch dazu, die Verantwortung von Sportfunktionären und Politikern zu vertuschen.

Die Dopingopfer verlangen ihre sofortige Einbeziehung in Präventionsmaßnahmen von Bund, DOSB, Nada und Sportverbänden. Sie verlangen Gespräche mit jenen Verbänden und Institutionen, die für die Trainererklärungen verantwortlich sind. Sie kündigen zahlreiche Protestaktionen im Umfeld der Leichtathletik-WM im August in Berlin an.

In einer ersten Reaktion darauf behauptete DLV-Präsident Clemens Prokop laut Deutscher Presse-Agentur: "Ich bedauere, dass die Dopingopfer auf unsere Angebote zur Intensivierung des Dialogs nicht eingegangen sind." Prokop war von den Opfern scharf attackiert worden. Ute Krieger-Krause hatte ihm einen Offenen Brief geschrieben - Prokop hatte in einem persönlichen Schreiben geantwortet. Andreas Krieger, 1986 als Heidi Krieger Europameisterin im Kugelstoßen, sagt zur Behauptung Prokops:

"Ich find's schon ziemlich frech, was er da macht. Also er dreht hier unsere Angebote, die wir immer wieder gemacht haben, nicht erst seit der letzten Woche oder seit zwei Monaten, sondern seit Jahren, um mit diesen Thema wirklich mal aufzuräumen, das dreht er einfach um und erklärt nun, wir wären nicht mehr gesprächsbereit. Also das finde ich einfach eine Frechheit von ihm."

DOH-Chef Zöllig legt Wert darauf, dass der Verein längst nicht mehr nur eine Vertretung von DDR-Dopingopfern ist:

"Obwohl unser Verein primär ja mal eingerichtet worden ist, um ehemaligen DDR-Sportopfern zu helfen, haben sich aber in der Zwischenzeit auch einige westdeutsche Sportler an uns gewendet und Unterstützung von uns erhalten. Also auch im westdeutschen Sport gab es sicher Dopingopfer. Nur waren das jeweils aber Aktionen zwischen Trainer und Sportler und kein staatlich gelenktes großes Programm. Insofern ist es schwieriger, an diese Leute heranzukommen, wenn sie sich nicht selbst outen."

Die Dopingopfer kündigen auch eine internationale Vernetzung ihrer Aktivitäten im Vorfeld der Leichtathletik-WM an. Es gebe bereits zahlreiche Kontakte zu osteuropäischen Dopingopfern.

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