Streitkultur 15.08.2020

Proteste gegen Corona-MaßnahmenSollen wir dieser Minderheit noch zuhören?Moderation: Christiane Florin

Beitrag hören Auf einem Mundschutz steht der Schriftzug Maulkorb. (picture alliance/dpa-Zentralbild)Sollen Meinungen gegen Abstand und Maske berücksichtigt werden? (picture alliance/dpa-Zentralbild)

Eine klare Mehrheit hält Maske und Abstand zum Schutz gegen das Coronavirus für notwendig, für rund zehn Prozent sind sie überflüssig. Man darf über diese Minderheit nicht hinweggehen, meint die Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot. Doch Zuhören hat Grenzen, findet Logiktrainer Thomas Thielen.

Ulrike Guérot, Politikwissenschaftlerin, Leiterin des Departements Europapolitik und Demokratieforschung an der Donau-Universität Krems

Ja, wir sollten zuhören, weil die Diskussion das zentrale Element der Demokratie ist. Machtworte sind problematisch. Sie erschüttern Vertrauen und Eigenverantwortung. Die Attitüde "Wer nicht für uns ist, ist gegen uns!" treibt in die gesellschaftliche Polarisierung voran. Wir dürfen beim Zuhören Sprecherposition und Argument nicht verwechseln. Diffamierung von Personen ist kein guter Ratgeber. Noch der vermeintlich größte Tor kann ein gutes Argument haben. Noch der faktenbasierteste Blick kann etwas übersehen. Es gibt keine absoluten Wahrheiten. Wir sollten auch deshalb zuhören, weil wissenschaftliche Evidenzen nicht automatisch eine gesellschaftliche Handlungsanleitung sind. Die Gesellschaft muss Argumente sortieren, Maßnahmen abwägen und ihre Schlüsse ziehen. Es gibt keinen Königsweg bei den Corona-Maßnahmen. Deutschland ist bisher gerade deshalb gut gefahren, weil wir genau das gemacht haben. Weil wir eine permanente, offene, selbstreflexive Diskussion geführt haben und Maßnahmen stets angepasst und korrigiert haben. Deshalb: Hände waschen, Maske auf, lüften – und zuhören.

Thomas Thielen, Gymnasial-Lehrer und Logik-Trainer

Das Zuhören hat Grenzen. Diffamierung von Personen ist nicht statthaft, da stimme ich völlig zu. Der Protest gegen Maßnahmen wird oft an Personen festgemacht und nicht an Argumenten. Das zu trennen wäre ein wichtiger Schritt. Ich bin allerdings nicht der Ansicht, dass Kritik derzeit stigmatisiert wird. Es gibt Faktenchecks, die sich präzise zum Beispiel mit den Argumenten von Herrn Bhakdi auseinandergesetzt haben. Die Argumente haben sich als wissenschaftlich weniger plausible Hypothesen dargestellt als die, denen wir gefolgt sind. Argumentative Vorträge muss man hören, um Lösungen zu finden. Wo ich aber widerspreche: Es gibt so etwas wie Richtigkeit und Plausibiltitätskriterien, anhand derer wir dann nach dem Zuhören entscheiden, was wir berücksichtigen. Im Englischen wird zwischen "hear" und "listen" unterschieden, "listen" bedeutet "hören auf". Es soll jeder sprechen dürfen, aber Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass auf jeden gehört werden muss. Wenn Leute immer dasselbe in den Raum brüllen, gegen jede Plausibilität, kann das die Entscheidungsfindung sehr lähmen.

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