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Prothesen, die Gedanken lesen

Neurologie. - Die direkte Kontrolle von Prothesen durch Nerven ist nicht nur eine Frage für Science-fiction-Fans, sondern auch für Wissenschaftler. Am Tübinger Institut für Medizinische Psychologie wurden grundlegende Arbeiten auf diesem Gebiet durchgeführt.

    Der Mensch kann die elektrischen Ströme in seinem Gehirn zu einem gewissen Grad kontrollieren. Unter anderem dies fand der Tübinger Neuropsychologe Niels Birbaumer in nunmehr 30 Jahren Forschung heraus. Wenn wir uns eine bestimmte Bewegung vorstellen, aktivieren wir das immer gleiche Gehirngebiet. Diese Aktivität ist an der Schädelaußenseite messbar und kann auch für die Steuerung von Prothesen genutzt werden. Tamara Matuz, Nachwuchsforscherin an Birbaumers Institut: "Das µ ist ein Gehirnsignal, das bei Bewegungsvorstellungen im EEG auftritt. Das kann man so genau zu steuern lernen, dass der Curser bei Bewegungsvorstellungen nach oben und bei Entspannen nach unten geht." Das könnte in Zukunft allen möglichen Patienten nutzen, die die Kontrolle über ihren Körper verloren haben, die gelähmt sind, manchmal so schwer, dass ihnen auch die Sprache abhanden gekommen ist. Sie könnten auf diese Weise Buchstaben auf einem Bildschirm ansteuern und sich verständlich machen.

    An derartigen Hilfen, die sich mit Gedankenkraft steuern lassen, forschen Wissenschaftler rund um die Welt. Birbaumer: "Man wollte die Prothesen an die gelähmten Glieder anbringen und sie dann direkt durch das Gehirn steuert, oder dass man in die Muskeln Elektroden einpflanzt und diese dann mit dem Gehirn direkt steuert". Rhesusaffen, denen Elektroden direkt ins Gehirn implantiert wurden, haben damit kürzlich erstmals ihre eigenen Prothesen dirigiert. Doch der Experimentator, Andrew Schwartz von der Universität von Pennsylvania in Pittsburgh bremst die Euphorie: "Das funktioniert noch nicht so gut wie es sollte. Solange wir keine zuverlässigen, robusten Daten haben, werden wir das keinem Menschen einpflanzen." Implantate sind ohnehin nur für eine Minderheit unter den Betroffenen denkbar. Daher bevorzugt Birbaumer Elektroden, die man auf die Schädeldecke klebt. Sein nächstes Projekt soll Schlaganfallpatienten helfen, ihre gelähmten Gliedmaßen wieder einigermaßen zu kontrollieren: "Wir haben schon mehrere künstliche Hände gebaut, die an die gelähmte Hand angeklebt werden. Der Patient kann nun lernen, direkt mit seinem Gehirn, mit seinem Willen, mit den einzelnen Fingern bis zu einem gewissen Grad Greifbewegungen durchzuführen." Das Projekt führt Birbaumer am Gesundheitsinstitut der USA, dem NIH durch. Langfristig, so hofft er, könnten die Patienten sogar lernen, ihre eigenen, gelähmten Hände oder Beine wieder zu steuern.

    [Quelle: Grit Kienzlen]