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Provokation für alle Gutmenschen

Machiavellismus - dieser Begriff bezeichnet eine rücksichtslose Machtpolitik, die die Erhaltung des Staates und die Staatsraison über alles stellt, auch und vor allem über jedes ethisch-moralische Prinzip. Die Schrift "il principe", zu deutsch "Der Fürst" aus der Feder Nicolo Machiavellis ist mittlerweile fast ein halbes Jahrtausend alt und doch bis heute bestürzend aktuell geblieben. Herfried Münkler stellt Sie Ihnen vor.

14.07.2008
    Der Anlass war marginal, der Zeitaufwand überschaubar, die Wirkung erschütternd und revolutionär: Machiavellis Principe hat die Betrachtung der Politik und das Nachdenken über das Politische grundlegend verändert. Zahllose Autoren haben das später wieder rückgängig zu machen versucht, indem sie Anti-Machiavellis schrieben, zuletzt Kronprinz Friedrich, der bald darauf als preußischer König in Europa Furore machen sollte - mit überaus machiavellistischen Methoden, wie viele einer Zeitgenossen meinten. Keiner dieser Anti-Machiavellis hat die Wirkung des Principe zu relativieren vermocht, zumal schon bald von einer sich auf dieses Buch beziehungsweise seinen Verfasser berufenden politischen Denkschule die Rede war: dem Machiavellismus beziehungsweise den Machiavellisten, für die in der Politik ausschließlich der Erfolg zählte und denen jedes Mittel recht war. So jedenfalls sahen es ihre Gegner, die den Begriff prägten. Vermutlich hat Machiavelli seinen Ruf mehr seinen Feinden als seinen Anhängern zu verdanken: Indem man ihn verdammte, hat man ihn berühmt gemacht.

    Im Sommer 1513 war Machiavelli ein gescheiterter Politiker: Nach der bewaffneten Rückkehr der Medici hatte man ihn der Ämter enthoben, in denen er der Florentiner Republik 14 Jahre lang gedient hatte, dann war er verdächtigt worden, an einer antimedicischen Verschwörung beteiligt zu sein, man hatte ihn gefoltert und schließlich aus der Stadt verbannt. Der geschasste Politiker Machiavelli saß auf seinem Landgut Sant'Andrea in Percussina, von wo aus er die mächtige Domkuppel und den schlanken Turm des Palazzo Vecchio in Florenz sehen konnte, und war zu politischer Untätigkeit verdammt. Er langweilte sich. In einem Brief an seinen zeitweiligen Kollegen Vettori beschreibt er seinen Alltag, der zur Hälfte mit der Beaufsichtigung landwirtschaftlicher Tätigkeiten ausgefüllt ist. Die andere Hälfte bringt Machiavelli mit Gesprächen in der Dorfkneipe und der Lektüre römischer Historiker zu. Im Lichte der neuesten Entwicklungen wie der antiken Texte reflektiert er seine politischen Erfahrungen. Er schreibt seine Überlegungen auf, auch um zu beweisen, dass man auf jemanden wie ihn in der italienischen Politik nicht verzichten kann.

    Gleich zu Beginn umreißt Machiavelli das Thema seines Buches: nicht um die Verteidigung von Republiken geht es, auch nicht um Erbmonarchien, sondern um neue Herrschaften, und zwar solche, die man durch Glück erworben hat. Wie lässt sich die Gunst des Augenblicks in eine stabile politische Ordnung verwandeln? - das ist die leitende Frage des Principe. Fast alle humanistisch geprägten Zeitgenossen Machiavellis hätten diese Frage beantwortet, indem sie dem neuen Fürsten ein tugendhaftes Agieren angeraten hätten. Sie hätten dabei selbstredend unterstellt, dass gute Absichten zu guten Ergebnissen führen. Nicht so Machiavelli. Seine Grundthese lautet, dass Intentionalität und Funktionalität gesondert berechnet werden müssen. Und demgemäß zeigt er an zeitgenössischen und klassischen Beispielen, wie gute Menschen politisch versagt haben, schlechte Menschen dagegen nicht nur politisch erfolgreich waren, sondern auch noch zum Wohlergehen ihres Gemeinwesens beigetragen haben. Dementsprechend verabschiedet Machiavelli die vier Kardinaltugenden der Weisheit, Klugheit, Stärke und Gerechtigkeit beziehungsweise legt nahe, man solle sich bloß um ihren Anschein bemühen, sich aber nicht darauf festlegen lassen; so habe man mehr Optionen und sei für den Gegner nicht so leicht auszurechnen.

    Bis heute ist Machiavellis Principe eine Provokation für alle, die meinen, man müsse es gut meinen, um etwas gut zu machen. Um erfolgreiche und gute Politik zu machen, so Machiavellis Einwand, sei mehr vonnöten als ein aufrechter Charakter. Machiavelli hat die politische Führungslehre von der Ethik abgekoppelt und eigene Regeln entwickelt. Dabei hat er nie erklärt, der Zweck heilige die Mittel. Die Vorstellung einer Heiligung war ihm fremd; dafür war er viel zu nüchtern und realistisch. Er hat die Gutmenschen und Mittelwegsucher nicht verachtet, aber er hat bezweifelt, dass sie politisch erfolgreich seien. Er hat ihnen ihre Misserfolge vorgerechnet, und das hat ihn dort so verhasst gemacht.