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StartseiteCampus & Karriere"Hochstapler setzen beim Problem des Vertrauens an"17.07.2020

Psychogramm des Hochstaplers"Hochstapler setzen beim Problem des Vertrauens an"

Manche Menschen schaffen es, ohne Studium oder eine entsprechende Ausbildung ins Pilotencockpit oder den OP-Saal zu gelangen. Teilweise arbeiten sie so jahrelang als falscher Professor, falscher Flugzeugführer, falscher Arzt – ohne aufzufliegen. Was macht einen „erfolgreichen“ Hochstapler aus?

Von Manfred Götzke

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Hochstapler geben vor jemand zu sein, der sie nicht sind. Manchmal äußerst erfolgreich. (imago images / PhotoAlto)
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Was wohl die meisten erfolgreichen Hochstapler eint: ihre Intelligenz. Genauer: ihre soziale Intelligenz. Es gehört schließlich Einiges dazu, seiner Umwelt dauerhaft Kompetenzen vorzugaukeln, die man eigentlich nicht besitzt. Besonders erfolgreich war darin Deutschlands wohl bekanntester Hochstapler, Gert Postel. Jahrelang hat er als Psychiater praktiziert – obwohl er nur einen Hauptschulabschluss und eine Ausbildung zum Postboten gemacht hat:

"Der Schlüssel ist, dass ich über eine extreme, fast pathologische Empathie verfüge und eine Intuition, die Regeln zu beherrschen, ohne sie zu kennen", so Postel über sich selbst.

"Wenn sie lange etwas heucheln – irgendwann sind sie es."

Seit Anfang der Achtziger hat sich Postel immer wieder als Arzt ausgegeben, in verschiedenen Kliniken und Einrichtungen gearbeitet. Das Fälschen von Urkunden und Zeugnissen sei für ihn das geringste Problem gewesen, erzählt er im Interview.  Entscheidend war, dass ihm seine Umgebung die Rolle abnahm:

"Urkunden fälschen – damit ist es ja nicht getan, das interessiert auch keinen. Es prüft auch niemand diese Urkunden. Sie prüfen überhaupt nur dann, wenn sie zweifeln, sonst prüfen sie ja nicht, sonst gibt es keine Notwendigkeit zu prüfen."

Bildnummer: 58194442 Datum: 04.07.2012 Copyright: imago/Michael Bahlo Der in Bremen geborene und zu mehreren Jahren Haft verurteilte Hochstapler Gert Postel las am Mittwoch (04.07.2012) in Bremen aus seinem Buch Doktorspiele . Der gelernte Postbote Postel gab sich immer wieder als Doktor bzw Arzt aus. Gert Postel im Portrait Gesellschaft People Porträt x0x xkg 2012 quer Spinner Angeber Dr. med. Dr. phil. Clemens Bartholdy stellvertretenden Amtsarztes in Flensburg Pseudologia phantastica Hochstapler Felix Krull Dr. Postel Oberarzt Der Unwiderstehliche Narzissmus Narzist 58194442 Date 04 07 2012 Copyright Imago Michael Bahlo the in Bremen born and to several Years Arrest condemned Impostor Gert Postel Las at Wednesday 04 07 2012 in Bremen out his Book Doctor games the learned Postman Postel GAB to Always again as Doctor or Doctor out Gert Postel in Portrait Society Celebrities Portrait x0x xkg 2012 horizontal Spinner Angeber Dr Med Dr Phil Clemens Bartholdy Deputy in Flensburg Impostor Felix Krull Dr Postel Upper doctor the irresistible Narcissism (imago images / Michael Bahlo)Der gelernte Postbote und zu mehreren Jahren Haft verurteilte Hochstapler Gert Postel gab sich mehrfach als Arzt aus. (imago images / Michael Bahlo)

Irgendwann ging Postel in seiner Rolle auf. War selbst davon überzeugt, ein guter Psychiater zu sein.

"Wenn sie lange etwas heucheln – irgendwann sind sie es. Die Fachkunde ist eine Sache, sie müssen sich aber in einer Klinik bewegen können. In Mimik Gestik müssen sie sich dem Milieu anverwandeln. Und das habe ich sehr schnell hingekriegt."

Für Stephan Porombka zeichnet erfolgreiche Hochstapler aber noch etwas anderes aus: Sie sind exzellente Geschichtenerzähler – und Improvisationskünstler. Porombka ist Professor für Texttheorie an der Berliner Universität der Künste. Er hat eine Kulturgeschichte der Hochstapelei geschrieben:

"Ein guter Hochstapler muss in der Lage sein, eine gute Geschichte über sich selbst erzählen können. Und er muss vor allem in der Lage sein, in dieser Geschichte selbst mitspielen zu können. Das wichtige an der Geschichte ist, sie muss nach vorne, in die Zukunft hin offen sein. Er muss also auch extrem gut improvisieren können. In Situationen, die neu auftauchen, in der er seine Geschichte aufrecht erhalten muss, muss er sehr präsent sein und wissen, wie es eigentlich weiter geht."

Wir können und wollen nicht immer alles nachprüfen

Dass Betrüger und Hochstapler immer wieder mit ihrem Tun durchkommen, hängt für den Kulturwissenschaftler mit den Erfordernissen des alltäglichen Lebens zu tun. Wir können und wollen nicht immer alles nachprüfen. Wir müssen in der Regel darauf vertrauen, dass Menschen tatsächlich sind, was sie vorgeben zu sein:

"Die Hochstapler setzen bei dem Problem des Vertrauens an. Sie wissen, man kann es nicht nachprüfen. Es gibt den Moment, wo ich als Arzt auftauche und es wird nicht jemand sagen: kann ich mal bitte sehen, worüber sie promoviert haben? Nein, es reicht der weiße Kittel mit dem Schild dran, Dr. sowieso. Hochstapler agieren dabei aus dem Moment heraus, es ist eine Performance im Moment", so Porombka.

Eine ausgefeilte Strategie, um Mitmenschen dauerhaft zu täuschen, entwickeln Hochstapler in den seltensten Fällen, sagt Porombka. Oft kommt eines zum anderen:

"Es ist selten so, dass Leute in Situationen rein gehen und sagen, jetzt wollen sie ein Arzt sein oder wie auch immer. Meistens ist es eine kleine Verwechslung, man rutscht sozusagen klein rein und dann wird die Sache irgendwann groß, weil die Tür geht nach hinten hin zu, man kann nicht mehr sagen: ich bin es nicht. Und dann wird es immer größer und wird die Geschichte immer größer. Und so ist der Anfang oftmals gar nicht so kontrollierbar, wie das manchmal scheint."

"Selbstermächtigung und auch ein Machtgefühl"

Irgendwann stellen die Hochstapler dann fest: Ich komme damit durch, immer und immer wieder. Porombka beschreibt dieses Phänomen als Take-off. Wie beim Fliegen:

"In dem Moment, wo man abhebt, das kennt man vielleicht aus Träumen, jetzt verliere ich den Boden unter den Füßen, huch ich kann ja fliegen. Und dann gibt es plötzlich eine Selbstermächtigung und auch ein Machtgefühl – das geht einfach, die glauben das, die spielen mit und wenn ich das sage, dann machen die das. Und dann wird ein bisschen ausprobiert und dann machen sie weiter und dann bewegen sie sich hoch, hoch oben in der Luft."

Bis sie irgendwann doch auffliegen.

"Sie fliegen hoch und fallen tief. Die können nicht einfach wieder landen. Und in dem Moment des tiefen Falls entdecken wir etwas über den Menschen, der betrogen hat und wir entdecken gleichzeitig etwas über die Welt, die betrogen worden ist", so Porombka.

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