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StartseiteTag für TagWas Rassismus mit Narzissmus zu tun hat18.06.2020

PsychologieWas Rassismus mit Narzissmus zu tun hat

Die US-amerikanische Psychologin Ramani Durvasula vergleicht das Verhältnis von weißer Mehrheit und schwarzer Minderheit in den USA mit dem "Gaslighting" in Paarbeziehungen. Wer zu Opfern von Diskriminierung "sei nicht so empfindlich" sage, verhalte sich narzisstisch statt zuzuhören, erklärte sie im Dlf.

Von Andreas Robertz

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June 8, 2020, Los Angeles, California, U.S: Demonstrators take part in a procession to honor the life of George Floyd on Monday. Floyd died in police custody on Memorial Day in Minneapolis. Los Angeles U.S. - ZUMAc68 20200608zafc68008 Copyright: xRingoxChiux (imago images / ZUMA Wire)
Black Lives Matter ist der Kampf gegen systemischen Rassismus (imago images / ZUMA Wire)
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"Ja, das war doch gar nicht so gemeint. Sei doch nicht so empfindlich. Das sind doch Einzelfälle. Das ist doch Schnee von gestern. Ach, das ist doch schon ewig her. Damit muss jetzt doch mal Schluss sein."

Solche Sätze fegen die Realität einfach vom Tisch. Zu hören bekommen sie Menschen, die in Beziehungen mit einem narzisstischen Partner oder einer narzisstischen Partnerin leben. Zu hören bekommen sie auch Minderheiten, die in rassistisch geprägten Gesellschaften leben. Mit dem Zusammenhang zwischen Rassismus und Narzissmus beschäftigt sich die US-amerikanische Psychologieprofessorin und Therapeutin Ramani Durvasula besonders intensiv.

Chancengleichheit: "Das ist Realitätsverleugnung"

Was sie derzeit im Verhältnis zwischen Minderheit und Mehrheit beobachtet, bezeichnet sie als Gaslighting – ein Begriff, der bisher vor allem auf Paarbeziehungen angewendet wird. Er bezeichnet eine subtile Form psychischer Gewalt und Manipulation, unter anderem wird dem Opfer der Eindruck vermittelt, es nehme die Wirklichkeit falsch wahr.

"Wenn man sich die Communities of Color in den Vereinigten Staaten ansieht, ganz besonders die schwarze Community, dann wurden hier Menschen 400 Jahre lang gaslighted. Ihre Gefühle wurden nicht gehört, ihre Anliegen bestritten, alles, was sie je geäußert haben, wurde durch Gesetze und Versklavung minimiert. Und auch Jahre später noch, lang nachdem die Jim-Crow-Gesetze abgeschafft wurden, gab es immer noch das Gefühl, keine Rechte zu haben. Das größte Problem, das wir in den USA haben, ist doch die Idee, dass jeder die gleichen fairen Chancen hat, schwarz oder weiß. Das ist völlige Realitätsverleugnung, weil es einfach nicht wahr ist."

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Ramani Durvasula verweist auf eine Statistik Anfang Juni in der L.A. Times: In den letzten 20 Jahren waren von 885 Toten, die in Polizeieinsätzen gewaltsam gestorben sind, 80 Prozent Schwarze und Latinos, obwohl sie nur eine kleine Minderheit der Bevölkerung stellen. Bei besonders gewalttätigen Polizisten ist dabei immer wieder die Rede von den "Bad Apples" – den faulen Äpfeln, den Ausnahmen in einem ansonsten gesunden System:

"Wenn man solche Statistiken sieht, muss man doch von etwas System-Immanentem reden. Aber wenn wir das tun, wird ganz schnell von den 'faulen Äpfeln' geredet: Das minimiert, entschärft, trivialisiert die Situation. Das ist Gaslighting. Es beraubt der Situation ihre Realität. Bei all den Namen der Opfer, die wir sehen, handelt es sich um offizielle Fälle. Dahinter stehen hunderte von Fällen, in denen jemand keine Kamera dabei hatte."

Die Täter klammern sich an den Status quo

Das erinnert Ramani Durvasula an viele Fälle in ihrer Praxis als Therapeutin. Menschen, die in Beziehungen mit narzisstischen Partnern leben, wollen immer die Gespräche mit einem Handy aufnehmen, damit sie endlich einen Beweis für die psychische Gewalt haben. Aber wenn sie es tun, wird ihnen vorgeworfen, engstirnig und kleinlich zu sein.

"Was sind die Kernelemente des Narzissmus? Mangel an Empathie, Arroganz, Egozentrik, Überlegenheitsgefühle, die Behauptung, man selbst sei Opfer. Dieses  'Du wirst mir nichts wegnehmen, was mir gehört.' Dazu kommt das Gefühl von ständiger Opposition und das Bedürfnis, den Status Quo zu erhalten; sehr eigennützig, nicht wahr? Und genau darauf beruht auch Rassismus: der völlige Mangel an Empathie für den anderen, es fehlt jegliches Bewusstsein für die Bedürfnisse anderer, es gibt nicht einmal den Versuch, sich in andere hineinzuversetzen.

Narzissten haben die Arroganz zu sagen: Ich verdiene, was ich habe, aus was auch immer für Gründen mehr als du, im Falle eines Rassisten wegen der Hautfarbe. Das sind dieselben Gefühle von Überlegenheit und Opferrolle, sehr ähnliche Prinzipien, sehr ähnliche Persönlichkeitsstrukturen."

Dr. Ramani Durvasula ist Professorin für Psychologie an der Universität von Kalifornien und praktizierende Psychotherapeutin (privat)Dr. Ramani Durvasula sieht Parallelen zwischen Rassismus und pathologischem Narzissmus (privat)

Aber was kann uns diese Parallele lehren? In ihrer langjährigen Erfahrung mit narzisstischen Beziehungen ist Ramani zum Ergebnis gekommen, dass es vergebliche Liebesmühe ist, einen Narzissten ändern zu wollen. Die Aufgabe, sagt sie, muss immer darin liegen, dem Narzissten die Energie und Aufmerksamkeit zu entziehen, zu lernen, klare Grenzen zu setzen, und die gesamte Aufmerksamkeit dem Schutz und dem Heilen der Opfer zu widmen; bis es die kranke Beziehung endlich loslassen kann.

"Es geht darum, den Schmerz der Anderen auszuhalten"

Dasselbe Rezept empfiehlt sie gegenüber Rassisten:

"Wir können Rassisten in Sensibilitäts- und Achtsamkeitstrainings ohne Ende schicken, es wird nichts nützen. Alles, was wir über Polarisierung wissen, sagt uns, dass je mehr wir versuchen, jemandes Meinung zu ändern, desto mehr wird er sich in seiner Ecke verschanzen. Es handelt sich hier aber um systemischen Rassismus, den man auf der Ebene des Systems lösen muss.

Etwas, was ganz dringend passieren muss, ist, dass privilegierte, in unserem Falle überwiegend weiße Menschen, die Machtpositionen bekleiden, innehalten müssen und beginnen zuzuhören. Ohne sich angegriffen zu fühlen und ohne zu unterbrechen, auch wenn es wirklich schwierig auszuhalten ist. Es geht darum, den Schmerz der anderen so lange auszuhalten, bis man sich wirklich einfühlen kann, bis man versuchen kann, die Realität der anderen zu verstehen. Dann können die, die Privilegien haben, diese abgeben und das System nachhaltig verändern. Wie kann das aussehen?"

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In diesem Zusammenhang ergibt für sie der vehemente Ruf vieler Demonstranten nach der Ent-finanzierung der Polizei Sinn: Denn was ist Geld anderes als Aufmerksamkeit? Dabei geht es nicht etwa um den Ruf nach Anarchie, wie viele amerikanische Medien sensationslüstern unterstellen, sondern um das Umschichten öffentlicher Gelder, weg von strukturell rassistischen Institutionen wie der Polizei hin zu einem nachhaltigen Schutz benachteiligter Gemeinden, für gerechtere Chancen auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt, bei Bildung und Gesundheit.

In einer Umfrage der Monmouth-University in New Jersey glaubt seit dem gewaltsamen Tod von George Floyd zum ersten Mal die Mehrheit der Amerikaner, dass schwarze Bürger überproportional an exzessiver Gewalt durch die Polizei leiden und dass systemischer Rassismus tatsächlich existiert. Vielleicht fühlt sich deshalb die ansonsten so allmächtige Polizeilobby plötzlich in die Ecke gedrängt. Es scheine, dass den Opfern auf breiter gesellschaftlicher Ebene endlich Gehör geschenkt werde. Das könnte das Ende des Gaslighting und ein Anfang für wirkliche Veränderung sein.

Dossier: Rassismus (picture alliance / NurPhoto / Beata Zawrzel)Dossier: Rassismus (picture alliance / NurPhoto / Beata Zawrzel)

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