Sonntag, 29. Januar 2023

Archiv


Psychologisch gründende Emo-Studie

Die Geschichte der Witwe Judith, die unbewaffnet in das Heerlager des nebukadnezaischen Generals Holofernes geht, ihn erst zum Beischlaf verführt und dann mit seinem eigenen Schwert enthauptete, hat Friedrich Hebbel zu seinem Erstlingsdrama inspiriert. Dieses wird jetzt am Deutschen Theater Berlin inszeniert.

Von Hartmut Krug | 19.03.2011

    Die Schauspieler treten als Chor der Judiths in Alltagskleidung vor eine weiße Wand im engen Bühnenkasten, als kämen sie direkt aus einer Gosch-Inszenierung. Neben einem Frauenkopf mit Palästinensertuch steht "I am not a terrorist", und über die Wand ergießt sich eine mediale Bilderflut zu Göttern und Kriegen unserer Zeit. Mit Hochhäusern, Panzern und Hubschraubern, mit Nachrichtensprechern, Julian Assange, Obama und Gaddafi, und mit Frauen, mal den Körper religiös-ethnografisch bemalt, mal in Burka oder Bikini gekleidet. Die Schauspieler schwärzen mit langen Malerbürsten die Wand, bis weiße Flecken übrig bleiben, die wie aus großer Höhe gesehene Menschenumrisse wirken. Die Darstellerin der Judith patscht Blutflecken in sie hinein, und der Darsteller des Holofernes schreibt mit großen Lettern OPFER auf die Wand.

    So ist von Beginn an klar, dass Hebbels "jungfräuliche Witwe", die aus religiösem und erotischem Antrieb zur Tyrannen-Mörderin wird, uns etwas über Gewalt, Interessen und Gotteskrieger unserer Zeit erzählen soll. Und, man merkt: hier wird Theater mit Material aus dem Kunsthandwerkskasten gebastelt.

    Nun gilt Hebbels selten gespielter Erstling, auch wegen seiner pathetischen Sprache, als unzeitgemäß und schwierig. Und doch liefert Regisseur Andreas Kriegenburg Hebbels Text in fast drei Aufführungsstunden weitgehend vollständig ab. Allerdings nimmt er ihm durch gelegentliches Ironisieren und durch eine oft unterspielende Figurengestaltung sein Pathos. Wenn Alexander Khuons Holofernes einmal hitlert, ist das nicht drohendes Zitat, sondern augenzwinkerndes Handwerk. Khuon, der wie ein braves Hämelchen und harmloses Tom-Cruise-Double wirkt, spielt kein blutrünstiges Monster, keinen pompös negativen Helden, sondern eine glatte, leicht aasige Medienfigur. Er ist eine Projektionsfläche und, wie alle in dieser Inszenierung, keine psychologisch gestaltete Figur. Die Judith der ungemein präzisen und präsenten Katharina-Marie Schubert verbirgt sich erst unterm bühnenbreiten Tuch wie unter einer Burka. Später robbt sie, nur mehr mit dünner Bluse über der Unterwäsche, Gesicht und Körper geweißt, lange zum in doppeltem Sinn ausgewälzten Suchmonolog auf dem sie schwärzenden Boden herum. Diese Judith besitzt weder die von Hebbel vorgesehene überwältigende Schönheit noch ist sie eine Jungfrau von Orleans oder eine sich ihrer selbst sichere Politaktivistin. Sie geht mit hilfloser Zielgerichtetheit zu Holofernes, um Klarheit über sich selbst zu finden. Während andere Darsteller sich immer mal wieder als eine Judith mit anderem Lebenslauf vorstellen.

    Das Geschehen öffnet sich zu immer neuen leeren Räumen, bis schließlich Holofernes auf einer Matratze vor nackter Brandmauer getötet wird: Judith setzt sich auf ein Schwert und treibt es ihm durch den Hals.

    Insgesamt ist diese Inszenierung mit ihren überdehnten szenischen Einfällen leider ein ungemein selbstverliebtes Kasperle-Erklär-Theater. Judiths Dienerin wird von einem Mann im Rock gespielt und Holofernes und seine Soldaten tragen lange, blutrote Mäntel. Wenn Holofernes während einer albern bedeutungsvollen Vergewaltigungs- und Saufszene Soldaten ersticht, zieht er deren Mäntel über den eigenen. Und wenn er Judith erotisch erkundet, beschnüffelt er sie wie ein Hund, macht Spielchen mit einer Wasserflasche zwischen ihren Beinen und zwängt sich zu ihr durch den Ausschnitt ihres weißen Opferhemdchens. Dazu erklingt ein Song mit der Zeile "open your legs". Und das Volk ist bei seinen Diskussionen und Streitigkeiten in ein riesiges (Leichen-)Tuch eingebunden, aus dem alle immer wieder, schrecklich schwitzig grimassierend und brüllend, in alle Richtungen auszubrechen suchen. Eine Szene von eindringlich unfreiwilliger Komik. So jagt ein Klischee-Darstellungsbild das nächste, und man ist zuweilen peinlich berührt von all den aufgedonnerten Symbolen und szenischen Bedeutungshubereien. Das wie immer sittsame Berliner Premierenpublikum zeigte zwar Erschöpfung, aber es klatschte den zähen Abend brav ab.