Samstag, 15.08.2020
 
Seit 10:05 Uhr Klassik-Pop-et cetera
StartseiteCorsoDas Kunstjahr in Berlin 30.12.2019

Punktekunst und VerhüllungDas Kunstjahr in Berlin

Corso-Skop – Darüber spricht man 2020

Verhüllungskünstler, die Meisterin der Punktekunst und Skulpturen mit philosophischem Tiefgang – all das hat das Kunstjahr 2020 in Berlin zu bieten. Doch eine Kunstmesse von internationalem Format wird es im neuen Jahr nicht geben.

Marie Kaiser im Kollegengespräch mit Anja Buchmann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Verhüllter Reichstag 1995, ein Projekt von Christo und Jeanne-Claude (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm)
Verhüllter Reichstag, ein Projekt von Christo und Jeanne-Claude (dpa / picture alliance / Wolfgang Kumm)
Mehr zum Thema

Ausstellung im Vitra Design Museum Das zeitlos gute Design der Obstkiste

Instagram-Ausstellung "Link in Bio" Insta Karma

Ausstellung "Freiheit der Malerei" in Hamburg Bilder als Dokumente des Aufbruchs

Alicja Kwade auf dem Met Sonnensystem aus Stahl und Stein

Anja Buchmann: Was bringt das neue Jahr in Sachen Kunst, welche großen Ausstellungen eröffnen und was verändert sich in der Kunstwelt? Wir blicken in unserem Corso-Skop nach Berlin und fragen: Was macht die Kunst im Jahr 2020? Darüber spreche ich mit Marie Kaiser, schönen guten Tag.

Marie Kaiser: Hallo.

Buchmann: Einer der Ausstellungshöhepunkte erwartet uns im März. Da erinnert sich Berlin zurück an ein Kunstgroßereignis, das dann tatsächlich schon wieder 25 Jahre zurückliegt. Was ist das?

Kaiser: Genau, ein Kunstgroßereignis, für das das Künstlerpaar Christo und Jeanne Claude damals insgesamt 110.000 Quadratmeter Stoff verbraucht hat, natürlich die Verhüllung des Reichstags. Fünf Millionen Besucher haben sich das damals angeschaut, und die Piloten haben damals sogar bei der Flugüberwachung angefragt, ob sie den Kurs ändern dürfen, damit sie den Reichstag überfliegen können. Ja, und im März zeigt dann das Palais Populaire, Unter den Linden in Berlin Mitte, also ganz in der Nähe des Reichstags, eine Ausstellung, die einen chronologischen Überblick geben will über alle Projekte von Christo und Jeanne-Claude in fast sechs Jahrzehnten. 'Projects 1963 bis 2020' heißt diese Ausstellung, und das sind alles Arbeiten aus der Sammlung des Paars Ingrid und Thomas Jochheim. Die haben immer wieder Originale gekauft und natürlich dadurch auch finanzielle Unterstützung geleistet für diese großen Kunst-Projekte von Christo und Jeanne-Claude und ja, vor zehn Jahren ist Jeanne-Claude gestorben. Christo verwirklicht jetzt also die damals schon gemeinsam geplanten Projekte alleine.

Buchmann: Und jetzt gibt es ein ganz großes nächstes Jahr noch.

Kaiser: Genau, da kann man auch den Ausblick draufbekommen im Palais Populaire. Da gibt es eine Aktion in Paris 2020. Da wird er dann eine Idee umsetzen, die er geplant hat mit Jean Claude, schon 1962. Da wird nämlich dann der Arc de Triomphe verhüllt.

Buchmann: Im September wird dann in Berlin ein japanischer Superstar der zeitgenössischen Kunst geehrt, die dieses Jahr 90 Jahre alt geworden ist. Die japanische PopArt Künstlerin  Yayoi Kusama. Was erwartet uns da?

Kaiser: Wahrscheinlich ein über und über gepunkteter Martin-Gropius-Bau, denn da wird diese erste große Yayoi Kusama-Retrospektive in Deutschland überhaupt gezeigt. Und die will wirklich so einen Überblick über ihr Schaffen in den letzten 70 Jahren geben. Solange ist sie nämlich schon aktiv als Künstlerin, sie ist ja für ihre Punkte weltberühmt, die sie auf allem verteilt. Da gibt es zum Beispiel diese berühmten gepunkteten Kürbis-Skulpturen. Und auch die Künstlerin selbst ist mit 90 immer noch unterwegs mit so grellrot gefärbtem Pagenschnitt und gepunkteten Kleidern.

Buchmann: Aber der Pagenschnitt ist nicht gepunktet?

Kaiser: Nee, der nicht. Er ist einfach nur rot, genau. In jedem Punkt steckt für sie auch so die Unendlichkeit des Universums und diese Unendlichkeit, die können die Besucher dann auch erleben in Yayoi Kusamas Infinity-Rooms. Das sind also Unendlichkeitsräume, bunte Räume über und über mit Punkten übersät. Auch so Spiegel-Räume mit vielen LED-Lichterpunkten, und die eignen sich wirklich hervorragend für Selfies. Und diese Yayoi Kusama Retrospektive, die wird im neuen Jahr auf Instagram auf jeden Fall der große Renner werden. Da bin ich mir sicher. Die wird garantiert viele Besucher anziehen, denn Yayoi Kusamas Kunst ist super zugänglich. Und beim Publikum in aller Welt ist sie einfach eine wahnsinnig beliebte Künstlerin.

Buchmann: Welche persönliche Ausstellungs-Empfehlung haben Sie denn für 2020 noch für uns?

Kaiser: Also ich freue mich schon ganz besonders auf die Ausstellung der Berliner Künstlerin Alicja Kwade. Das ist eine gebürtige Polin und eine Künstlerin, die sich an philosophischen, an naturwissenschaftlichen Fragen abarbeitet und mit so Kategorien umgeht, wie mit der Zeit, der Energie, der Materie. Und die benutzt für ihre Skulpturen und Installationen gerne so Materialien wie Gold, Kohle, Stein oder auch so symbolisch aufgeladene Gegenstände wie Uhren und Lampen als Verweis auf die Zeit. Und das ist eine Kunst, die sich nicht immer auf den ersten Blick erschließt, aber sehr viel Tiefgang hat. Und zuletzt hat Kwade eine große Skulptur gezeigt auf dem Dach des Metropolitan Museum in New York. Da hat sie eine Art Sonnensystem aus Stahl und Stein aufgebaut. Und zum Gallery Weekend in Berlin Anfang Mai eröffnet Alicja Kwades Ausstellung mit dem schönen, rätselhaften Titel 'In Anwesenheit der Abwesenheit' in der Berlinischen Galerie.

15.04.2019, USA, New York: Eine Skulptur der in Berlin lebenden Künstlerin Alicja Kwade steht auf der Dachterrasse des New Yorker Metropolitan Museums. Besucher können die aus Stangen und Kugeln bestehenden Werke mit dem Namen "Parapivot" bis zum 27. Oktober auf dem Dach des Museums besichtigen. Foto: Christina Horsten/dpa | Verwendung weltweit (dpa / Christina Horsten)Werke von Berliner Künstlerin Alicja Kwade auf New Yorker Met Museum (dpa / Christina Horsten)

Buchmann: Etwas zum Freuen, aber über eine Neuerung im Jahr 2020, da dürfte in Berlin dann wenig Freude herrschen. Denn Mitte Dezember ist bekannt geworden, dass Berlin im neuen Jahr ohne die große Kunstmesse Art Berlin auskommen muss. Wie sehr trifft das die Kunsthauptstadt Berlin?

Kaiser: Das ist schon ein harter Schlag, also die Art Berlin, die war ja gerade erst 2017 mit Unterstützung der Kölnmesse überhaupt ins Leben gerufen worden. Und genau die Kölnmesse hat die Messe jetzt auch wieder abgesagt in Berlin und die letzten beiden Ausgaben, die haben ja in diesen alten Hangars des stillgelegten Flughafens Tempelhof stattgefunden. Also keine cleane Galerien-Umgebung, alles ziemlich heruntergekommen. Da sind auch mal Tauben durch die Hallen geflattert. Offiziell heißt es, es habe keine Planungssicherheit gegeben. Übersetzt heißt das soviel, wie: Na ja, Berlin hat nicht zusagen können, dass die Art Berlin auch in den nächsten drei Jahren am selben Standort, also am Flughafen Tempelhof, überhaupt stattfinden kann, und zum anderen hatten manche auch gehofft, wenn Sie da so was Großes anfangen, dass dann irgendwie auch das Land Berlin einsteigt und das Ganze finanziell unterstützt. Und das hätte diese Messe wirklich auch gebraucht, das lief alles offensichtlich in diesem Jahr schon auf Sparflamme.

Buchmann: Und das hat das Land Berlin nicht garantiert oder garantieren können?

Kaiser: Nein, also, da gab es gar keine Zusage, kein Versprechen. Und jetzt ist es so, jetzt hat die Art Berlin eben nur dreimal stattgefunden, bevor Sie jetzt wieder eingestellt wurde, und ich finde es wirklich absurd, dass Berlin als Stadt mit Hunderten Galerien, mit dem besten Ruf als Kunststadt in Europa keine international ausgerichtete Kunstmesse mehr haben soll. Und dieses Aus der Art Berlin, das schadet den Berliner Künstlern und Künstlerinnen und den Hunderten Galerien hier. Denn eins ist sicher: 2020 werden definitiv weniger internationale Sammler in die Hauptstadt kommen.

Buchmann: Was macht die Kunst im Jahr 2020? Darüber hab ich gesprochen mit Maria Kaiser. Vielen Dank.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk