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Qualität vor Billigessen

Im vergangenen Herbst entbrannte eine heftige Debatte um die Qualität des Mittagessens an Berliner Ganztagsschulen. Zu billig, um gut zu sein, war das einhellige Urteil. Bildungssenatorin Sandra Scheeres will nun für mehr Qualität sorgen - die hat aber auch ihren Preis.

Von Wolf-Sören Treusch | 15.01.2013
    "Ich finde das sehr eklig. Das ist einfach nur aufgetaut. Und aufgewärmt. Und das schmeckt nicht so lecker. Mein Essen ist ganz gut, außer die Köche verkochen das richtig, die Nudeln sind schwabbelweich, und sie machen viel zu oft das gleiche Gericht, immer Kartoffeln, Rindergulasch ... ei uns gibt es fast jede Woche Linsensuppe."

    Das Urteil der Kinder ist ebenso schonungslos wie eindeutig. Die Berliner Bildungssenatorin schlägt deshalb für 2014 vor: um den Qualitätsstandards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung annähernd zu genügen, muss der Preis fürs Essen steigen: von jetzt etwa zwei Euro auf drei Euro oder mehr pro Mahlzeit. Sabine Schulz-Greve von der Vernetzungsstelle Schulverpflegung in Berlin spricht von einem Meilenstein, sollten die Caterer künftig tatsächlich nach Qualitätskriterien und nicht mehr über den Preis ausgesucht werden.

    "Ein gutes Schulessen gehört wirklich zum Bildungsangebot von Ganztagsschulen. Bislang war häufig das Mittagessen so ein Annex, um den man sich ungern kümmerte, es gibt hoch engagierte Schulleitungen, aber es gibt eben nach wie vor noch Schulen, die dieses Essen nicht unbedingt als Teil ihres Bildungsangebots verstehen oder aus mangelnder Kompetenz es auch nicht verstehen können."

    Auch die Opposition ist von dem Vorschlag der Schulsenatorin angetan. Fordert aber, dass er sofort umgesetzt wird. Martin Delius, bildungspolitischer Sprecher der Piratenfraktion, würde wie beim neuen Großflughafen am liebsten gleich einen Nachtragshaushalt verabschieden.

    "Praktisch zu finanzieren wäre es aus dem Landeshaushalt. Wir haben auch berechnet, dass es ungefähr 23 Millionen Euro kosten würde pro Jahr, und das Geld sind wir bereit auszugeben."

    Bildungssenatorin Sandra Scheeres, SPD, will dagegen die Eltern sehr viel stärker zur Kasse bitten. 37 Euro im Monat statt wie bisher 23 Euro sollten sie künftig für die Vollverpflegung ihrer Kinder in der Grundschule dazu bezahlen. Das wäre eine Erhöhung des Elternbeitrages um etwas mehr als 60 Prozent. Kein Problem, sagt diese Mutter:

    "Wenn besseres Essen auf dem Tisch ist, dann denke ich, ist das angemessen."

    Skeptisch bleibt sie aus einem anderen Grund:

    "Das Problem ist das lieblose Kochen an sich. Also ich glaube nicht, dass man das wesentlich verbessern kann, nur wenn man ein bisschen teurere Zutaten in den Topf reinpackt."

    Deshalb, so sieht es der Gesetzentwurf aus der Bildungsverwaltung vor, sollen die Eltern künftig mehr Mitspracherecht erhalten. An allen Berliner Grundschulen werden sogenannte Essensausschüsse gebildet, in denen die Eltern mitarbeiten. Sie sollen die Qualität des Essens kontrollieren und geeignete Caterer für ihre Schule empfehlen. Sabine Schulz-Greve von der Vernetzungsstelle Schulverpflegung:

    "Die finale Entscheidung aber zum Beispiel über den Anbieter bleibt beim Bezirk. Das wird auch künftig so bleiben. Dennoch kann man vermutlich in der Qualitätssicherung auch über das Schulgesetz diesen schulischen Kommissionen noch eine größere rechtliche Bedeutung beimessen, das muss natürlich nach einem ganz klaren einheitlichen Verfahren sein."

    Die Bezirke müssten es künftig begründen, wenn sie sich nicht an die Empfehlungen der Essensausschüsse hielten. Ein schwieriges Unterfangen, sagt Jutta Kaddatz, Bildungsstadträtin von Tempelhof-Schöneberg. Schulverpflegung in diesen Mengen müsse europaweit ausgeschrieben werden. Da käme ein enormer Verwaltungsaufwand auf die Bezirke zu.

    "Wir haben im offenen Ganztag im Bezirk Tempelhof-Schöneberg in einem Jahr etwa 1.100.000 Portionen abzugeben, nur im offenen Ganztag, das ist also schon eine Menge, die deutlich macht, über welche Größenordnungen wir hier reden."

    Die neue Regelung soll erst ab Februar 2014 gelten, der Gesetzentwurf geht jetzt erst einmal durch den Parlamentsausschuss. Dabei ist es so einfach, die Kinder zufrieden zu stellen.

    "Das leckerste Essen ist Nudeln mit Käsesoße, also da hauen Lotti und ich immer rein."