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StartseiteCorso"Es braucht Stoffe, die einem Mut machen" 04.04.2018

Queerer Roman "Solo""Es braucht Stoffe, die einem Mut machen"

Sex-Apps, Fitnessstudios und Selfies auf Partys: Die queere Clique im Roman "Solo" lebt als Großstadtbohème in der digitalen Filterblase. "Es gibt einen Attraktivitätsmarkt, auf dem man bestehen muss", sagte Autor Christopher Wurmdobler im Dlf. Dennoch zeige er ein lebensfrohes Bild vom schwulen Alltag.

Christopher Wurmdobler im Corsogespräch mit Adalbert Siniawski

Autor Christopher Wurmdobler und das Cover des Romans (Czernin Verlag/ Gregor Hofbauer)
Autor Christopher Wurmdobler erzählt in seinem neuen Roman "Solo" von einem queeren Freundeskreis in Wien (Czernin Verlag/ Gregor Hofbauer)
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Adalbert Siniawski: Der Song "It was us" von "Arms & Sleeper aus den USA. Ein Track, der dem queeren Freundeskreis aus Wien womöglich gefallen würde, um den sich im Roman "Solo" alles dreht. Christopher Wurmdobler erzählt in "Solo" von einem Kinderarzt, dessen Freund, der Architekt ist, von einem 50-jährigen Landschaftsplaner und von einer bloggenden Schwulenmutti. Es geht viel ums Gutaussehen, Selfies und vegane Gerichte im Instagram-Blog, Sex über Datingapps, Probleme mit dem Älterwerden, Cocktails und Partys unter der Woche, Hadern mit der offenen Beziehung. Eine rasant erzählte und kurzweilige Geschichte einer homosexuellen Großstadtbohème, mit Erste-Welt-Problemen und ihrer eigenen Wiener Filterblase. Ist das wirklich so in der Szene, die Sie beobachten, Christopher Wurmdobler, - womöglich im eigenen Umfeld?

Christopher Wurmdobler: Natürlich kann ich nur über das schreiben, was ich kenne. Es ist aber nicht wirklich meine Welt. In meinem Freundeskreis erkennen sich Leute ständig wieder in diesem Buch. Und ich denke: Du bist das nicht! Das bist nicht du. Aber natürlich sind wir irgendwie alle so. Es ist kein Bild von "die Szene" oder "die queere Blase" oder sowas. Sondern es ist einfach ein Freundeskreis. Und es ist ja auch ein Buch über Freundschaft, ein Buch darüber, wie man in verschiedenen Generationen mit verschiedenen Themen umgeht. Jetzt sind zufällig die meisten schwul. Es gibt auch ein paar Lesben in dem Buch und es gibt einige Heteros - und die Schwulenmutti. Und die meisten Heteros haben nicht mal Namen.

"Was bleibt denn jetzt noch? Da ist Selbstoptimierung ein guter Ausweg"

Siniawski: Ja, wo Sie von Heteros sprechen - im Leben von heterosexuellen Mittdreißigern steht oftmals das Kinderkriegen an. "Welches Lebensereignis bliebe Schwulen Anfang, Mitte dreißig?", fragt einer ihrer Protagonisten. Diese Frage würde ich gerne an Sie zurückgeben, was meinen Sie?

Wir haben noch länger mit Christopher Wurmdobler gesprochen - Hören Sie hier die Langfassung des Corsogesprächs

Wurmdobler: Einer meiner Protagonisten beschließt dann die Selbstoptimierung mit Mitte Dreißig. Also er hat eine gute Karriere, er lebt in einem perfekten Loft mit einer perfekten Beziehung und irgendwas fehlt. Und er überlegt, wie Sie gerade gesagt haben: Was bleibt denn jetzt noch? Kinderkriegen kommt nicht in Frage. Er ist zwar Kinderarzt, aber es kommt nicht in Frage. Er steht eher auf die Väter. Was bleibt denn jetzt noch? Und da ist die Selbstoptimierung ein guter Ausweg. Also: ins Fitnesscenter laufen und den Körper dahin trimmen, dass er immer noch attraktiv und perfekt ist, weil es auch einen Markt gibt. Also es gibt natürlich einen Attraktivitätsmarkt, auf dem man bestehen muss. Es gibt Apps wie Grindr, auf denen man irgendwie hotte Fotos posten muss, damit man geliked wird oder damit man auch ein Date kriegt.

Siniawski: Ja, Sie machen sich da ziemlich drüber lustig, finde ich. Ewig erfolgreich, hip und jederzeit auf der Höhe des Zeitgeists zu sein, das macht eben nicht glücklich und kann nicht "alles" gewesen sein! Ist das vielleicht dann die Quintessenz?

Wurmdobler: Das kann eine Quintessenz sein. Diese Protagonisten - ich will nicht zu viel verraten - suchen ja auch nach etwas, das in ihrem Leben noch besser werden könnte, und finden das am Ende, wie ich finde, auch.

"Es geht um mehr, als dass ich als schwuler Leser meine eigene Welt lesen möchte"

Siniawski: Für wen ist der Roman denn dann geschrieben? Für Schwule? So als Lebenstipp? Oder eben nicht, weil Sie manchmal auch solche Apps, wie eben Grindr, wo man Online-Dating betreiben kann, dann auch erklären, was das ist?

Wurmdobler: Mein Verlag hat eine deutsche Presseagentur und die haben mich auf der Leipziger Buchmesse in Interviews gesehen und auch lesen sehen. Und vorher haben die in Deutschland beschlossen, diesen Roman eher so in einem queeren Umfeld, also an schwule Medien und sowas zu vercheckern. Und als Leserschaft praktisch den schwulen Leser zu sehen dadrin. Das habe ich aber irgendwie nie so gefunden. Und auf dieser Messe hat eben diese Pressefrau, die für mich zuständig ist, gesagt: Wir müssen dich über die Frauen-Schiene verkaufen. Meinte ich: Okay, auch eine gute Idee, weil ich glaube tatsächlich, es geht um mehr, als dass ich als schwuler Leser meine eigene Welt lesen möchte. Oder: Ich glaube, es ist interessant auch zum Beispiel für Frauen mittleren Alters, die immer davon träumen, eine Schwulenmutti zu sein. (lacht) Es gibt diesen Traum - offenbar.

Siniawski: Ja?

Wurmdobler: Und die dann in dieser Schwulenmutti-Rolle wahnsinnig aufgehen. Und meine Protagonistin tut das am Anfang auch. Und dann möchte sie das auch nicht mehr, sie möchte da aussteigen.

Siniawski: Ja eben, weil …

Wurmdobler: Also ich glaube auch, das es ein Buch ist für Frauen, für Heteros und für alle.

"Diese Schwulenmutti sieht sich als Kylie zwischen all diesen Badehosen-Hotties"

Siniawski: Aber die Frauen sollten gewarnt sein, denn Sie schreiben ja auch an einer anderen Stelle … Andererseits rechnen Sie dann hart mit der Szene ab, etwa eben mit diesen Schwulenmuttis, die angeblich besten Freundinnen, die eben noch im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen, dann aber merken, dass sie ein "dankbares Publikum spielten für die Attitüde oberflächlicher Selbstdarsteller".

Wurmdobler: Das klingt so kritisch. Unglaublich, was in diesem Buch alles drin steht. (lacht) Ich kann mich gar nicht … Nein, ich kann mich daran erinnern. Nein. Ich vergleiche das mal mit dem, auch an einer anderen Stelle, mit diesem Kylie-Minogue-Video zu "Slow". Wo die Protagonistin, diese Schwulenmutti, sich immer sieht als Kylie zwischen all diesen Badehosen-Hotties im Video, die um sie herum liegen und sich langsam rekeln und bewegen und sie ist die einzige Frau drauf. Und irgendwann hat sie einfach keinen Bock mehr, diese Kylie-Position zu spielen, sondern sie möchte ausbrechen.

"Es wird auch jetzt noch 16-Jährige geben, die damit hadern, dass sie lesbisch oder schwul sind"

Siniawski: Sie wollten kein "Problembuch" schreiben, habe ich in einem Interview gelesen, nicht schon wieder über das schwule Leben als Leidensweg. Im Kino läuft derzeit der Coming-of-Age-Film "Call me by your name" - sehr empfehlenswert - auch dort eine Geschichte ohne die typischen Erzählmuster des verstoßenen Schwulen. Ist dieser Stoff 2018 auserzählt, braucht es solche Figuren eben nicht mehr, die es jahrzehntelang immer gab?

Wurmdobler: Es braucht sie natürlich immer noch, weil: Es wird auch jetzt noch 16-Jährige geben, die damit hadern, dass sie lesbisch oder schwul sind und es sich nicht trauen. Und das wird auch so weitergehen. Und es braucht diese Stoffe, die einem auch Mut machen, das Coming-Out zu machen und öffentlich zu sein mit seiner Sexualität. Aber ich wollte das nicht.

Siniawski: Die gesellschaftlichen, die politischen Umstände - darum geht es bei Ihnen bewusst nicht in "Solo". Wie sehen Sie sozusagen das schwule Leben im Österreich von 2018?

Wurmdobler: Das schwule Leben in Österreich 2018 ist sicher nicht so eitel Sonnenschein, wie man sich das immer gerne einredet. Mein Ding ist zum Beispiel: Wir haben eine CSD-Parade, die heißt die Regenbogenparade, die seit mehr als 20 Jahren über die Prachtstraße, den Ring, geht. Und ich denke: Macht doch mal diese Parade in irgendeiner Ecke der Stadt, wo vielleicht Lesben und Schwule nicht so wahnsinnig willkommen sind. Fahrt doch mal in die Außenbezirke damit und schaut, was dann passiert. Vielleicht passiert eh nichts, vielleicht ist es dort genauso willkommen und vielleicht ist es auch genauso lustig, bunt und schön - was ich begrüßen würde. Aber vielleicht ist es auch nicht so.

Siniawski: Also wir verharren so ein bisschen in unserer Komfort-Zone.

Wurmdobler: Ja, finde ich auch.

"Kirsche, Kirsche Dame"

Siniawski: Die Überschriften der einzelnen Kapitel Ihres Buches sind Anspielungen bzw. Übersetzungen bekannter Songtitel. Aus "I will survive" wird "I werde es überleben", "Single Ladies" wird zu "Alleinstehende Damen" und so. Welche Rolle spielte die Popmusik beim Schreiben?

Siniawski: Die ist im Hintergrund gelaufen und Sie sind der zweite, der das irgendwie bemerkt, lustigerweise. Es geht alles ein bisschen so unter, dass diese Titel da so drüber stehen, die eingedeutscht ein bisschen lustig oder doof klingen sollen. Eigentlich wollte ich nur coole Musik, also Musik, die ich wirklich mag, auf die ich tanze und die ich oft höre, drin haben. Aber dann ist es dann doch passiert, dass dann im Hintergrund der Szene im Buch Modern Talking läuft, weil es einen Flashback in die 80er-Jahre gibt und dann über dem Kapitel stehen musste: "Kirsche, Kirsche Dame".

Siniawski: (lacht) Oh Gott. Und das war dann immer so eine Inspirationsquelle dann?

Wurmdobler: Ich wollte, dass dieses Buch tönt. Das soll nach Wien klingen, was es auch sprachlich, glaub ich, tut. Obwohl ich kein gebürtiger Wiener bin, aber von meinen frühen 20ern in dieser Stadt lebe. Und es sollte auch nach Musik und nach Club und nach jetzt klingen, in irgendeiner Form. Und da ist Musik eine gute Möglichkeit, das einspielen zu lassen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Christopher Wurmdobler: "Solo"
Czernin Verlag, Wien 2018. 248 Seiten, 20 Euro.

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