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StartseiteRadfunkEpisode 13 - Verkehrswende - aber wie?01.04.2021

Radfunk - Der FahrradpodcastEpisode 13 - Verkehrswende - aber wie?

Radfahren wie in Amsterdam oder Kopenhagen - das wünschen sich viele Radfahrende auch in Deutschland. Doch wie kann die Wende zu einer sicheren, sauberen und stressfreien Infrastruktur gelingen? Der Radfunk gibt Antworten.

Von Paulus Müller und Klaas Reese

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Radfahrer, Rollerfahrer und Fußgänger sind auf der autofreien Berliner Friedrichstrasse unterwegs. Auf einem 500 Meter langen Abschnitt ist der Verkehr für Autos bis Ende Januar 2021 gesperrt. (picture alliance / Jochen Eckel)
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Ein Ausflug ins gelobte Land nach Nimwegen oder verkehrsberuhigte Straßenverhältnisse aufgrund von Corona-Beschränkungen machen Lust auf Städte und Gemeinden, die es einfacher und sicherer machen mit dem Rad den Alltag zu bestreiten.

Im Radfunk diskutieren deshalb die Mobilitätsexpertin Katja Diehl und die Radbuchautorin Kerstin Finkelstein darüber, wie in Deutschland eine Verkehrswende hin zu mehr Gerechtigkeit zwischen den Verkehrsteilnehmern gelingen kann.

Status quo ist, dass sich in Deutschland im Wettstreit der Verkehrsmittel in den letzten Jahrzehnten in ganz Deutschland das Auto durchgesetzt hat, sodass es in der Bundesrepublik Anfang 2019 47,1 Millionen zugelassene Pkw bei 82,7 Millionen Einwohnern gab. Das ergibt pro Pkw nur 1,76 Menschen. Auf diese Autofahrenden wurde das Mobilitätskonzept in Deutschland ausgerichtet und die Mehrzahl der Bürger hat sich an Staus inner- und außerhalb der Städte, an zugeparkte Radwege und an im Schnitt neun im Straßenverkehr Getötete als "notwendiges Übel gewöhnt".

"Es ist schwierig den Leuten zu vermitteln, dass das, was das Auto hat, ein Privileg ist, das geteilt werden muss", meint Katja Diehl. Aus ihrer Sicht "geht es einfach nicht an, dass eine Transportform, die auch noch die meiste Zeit am Tag steht, so viele Rechte hat, die andere nicht haben. Viele denken: geparkte Autos sind so etwas wie Bäume, die gehören zum Stadtmobiliar dazu."

Kerstin Finkelstein fordert deshalb ein Umdenken und entschiedenes Handeln. Die jahrzehntelange Bevorzugung des motorisierten Individualverkehrs müsse beendet und das Fahrradfahren attraktiver gemacht werden: "Was ich mir wünschen würde von Städten wie Berlin, ist den großen Blick zu haben. Wir haben das Mobilitätsgesetz seit 2018, aber es gibt gar keine flächendeckende Umsetzung des Ganzen. Es wäre einfach schön, wenn klargemacht würde, dass das Auto ab jetzt an vierter Stelle steht. Wir denken erst an öffentlichen Nahverkehr, an Radfahrer:innen und Fußgänger:innen und dann an das Auto. Und wenn das einfach gelebt würde, das würde mich sehr froh machen."

(Foto: Johannes Mairhofer)Katja Diehl wünscht sich mehr Mut, um mehr Fahrspaß zu ermöglichen. (Foto: Johannes Mairhofer)

Dazu gehöre die Umwidmung von Flächen, die Herstellung von Mobilitätsgerechtigkeit, das Ende der Bevorzugung des Autoverkehrs und rechtlicher Veränderungen von Dienstwagenregelungen oder Pendlerpauschalen. "Die meisten Menschen wissen gar nicht, was sie ihr eigener Pkw kostet, denn sogar nach ADAC-Berechnungen der Kleinwagen im Komplettbetrieb 300 €uro im Monat kostet über das Jahr gesehen", erklärt Finkelstein im Radfunk. 

Es brauche darüber hinaus auch mehr Vernetzung der Verwaltungen, die sich über Portale wie die Fahrradakademie oder den Nationalen Radverkehrsplan zu neuen Konzepten inspirieren lassen. Es brauche Bewegung in Deutschland, wenn es eine ausgewogenere Verkehrsgestaltung wie in den Niederlanden geben soll. Darüber hinaus brauche es eine aktive Zivilgesellschaft, weniger "adipöse SUVs" (Diehl), Politiker die selber Radfahren, eine agilere Straßenverkehrsordnung und eine willige, tatkräftige Verwaltung, damit es für alle - auch für Kinder möglich ist Rad zu fahren. "Wir brauchen den Mut zu sagen wir wollen alle in Frieden leben in der Stadt und nicht nur die, die ein Auto haben, sollen das tun", meint Katja Diehl.  "Ich wünsche mir, dass Kinder wieder ganz frei ihre Mobilität gestalten können. Ich hab Lust, dass es ruhiger wird. Ich hab Lust, dass der Raum vor meiner Tür befreit wird vom Blech, weil die Leute angeregt werden, wenn sie ein Auto brauchen, es zu mieten und nicht mehr zu besitzen. Ich glaube, wenn wir dann Corona überstanden haben und wir hier in der Straße einfach sitzen und Eis essen können, dann ist schon viel gewonnen."

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Finkelstein wünscht sich, dass Wohngebiete so angelegt werden, dass sie nicht mehr als Durchfahrungsgebiet genutzt werden und die Nutzung von Autos in diesen Gebieten entsprechend mit Gebühren bezahlt werden muss. Frei werdende Plätze sollten für Bäume und Parkbänke genutzt werden, um Menschen zum Verweilen einzuladen. "Ich wünsche mir, dass man ein Kind auf einen Spielplatz, der zwei Straßen weiter ist, einfach alleine schicken kann. Mit dem Fahrrad oder auch zu Fuß." Es müsse allen klar sein, dass dort auch Menschen entlang gehen und der Verkehr entsprechend langsam ist. "Ich wünsche mir, dass es ruhiger und entspannter ist."

Finkelstein wünscht sich, dass Menschen, die von der Freiheit des Autos sprechen, die Freiheit anderer Mobilität kennenlernen, weil sie sehen, wohin man mit dem Fahrrad gelangen kann und erkennen, "dass man mit einem ganz anderen Körpergefühl unterwegs ist, weil man andere Wege sieht."   

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