Archiv


Radioaktive Spuren in Flugzeugen

In mindestens zwei Flugzeugen der British Airways sind Reste des hochgiftigen Poloniums 210 gefunden worden. Damit haben britische Ermittler eine möglicherweise entscheidende Spur entdeckt, um den mysteriösen Tod des russischen Ex-Agenten Alexander Litwinenko aufzuklären. Martin Zagatta berichtet.

    Drei Flugzeuge hat die Gesellschaft British Airways am Abend aus dem Verkehr gezogen, nachdem Reste einer radioaktiven Substanz in den Maschinen gefunden worden sind. Zumindest in zwei der Flieger soll es sich um das hochgiftige Polonium 210 handeln, das in London zum Tod von Alexander Litwinenko geführt hat. Die Spuren könnten nach Moskau führen. Die verseuchten Maschinen sollen vor allem zwischen der britischen und der russischen Hauptstadt unterwegs gewesen sein, haben aber auch die deutschen Städte Frankfurt und Düsseldorf angeflogen.

    British Airways will die Passagiere der betroffenen Flüge ausfindig machen, immerhin rund 33 000 Menschen. Die Fluggesellschaft spricht aber von einem sehr geringen Risiko, eine Einschätzung, die die britische Behörde für Gesundheitssicherheit noch in der Nacht bestätigt hat.

    "Nach den bisherigen Erfahrungen scheint es keine besondere Gesundheitsbedrohung zu geben für Leute, die mit niedrigen Dosen radioaktiver Strahlung in Berührung kommen","

    so versucht die Behördenchefin Pat Troop die Betroffenen zu beruhigen. Wie das Polonium 210 in die Maschinen gekommen ist, dazu kann oder will sie noch nichts sagen. Laut Einschätzung der BBC könnte die Verstrahlung aber über die beiden Russen erfolgt sein, mit denen sich der verstorbene Litwinenko zu Monatsbeginn in einem Londoner Hotel getroffen hatte und die dann nach Moskau zurück geflogen sein sollen. Oder aber: ein Passagier könnte das Nukleargift nach London transportiert haben. Scotland Yard ist schon dabei, die Namen der Reisenden auszuwerten. Innenminister John Reid , so heißt es, muss noch im Laufe des heutigen Tages eine Erklärung im Unterhaus abgeben.

    So wie bis gestern, das Ableben von Alexander Litwinenko lediglich als einen "verdächtigen Todesfall" einzustufen, davon werden Reid und die Polizei wohl abrücken müssen, wenn sich bei der morgen vorgesehenen Obduktion herausstellt, dass der 43-Jährige die radioaktive Substanz tatsächlich geschluckt hat. Spuren von Polonium 210 sind bisher an sieben Orten in der Londoner Innenstadt gefunden worden, in Räumen, die Litwinenko vor seiner Einlieferung in das Krankenhaus noch besucht hatte. Der frühere Agent soll nach Ansicht der Ermittler in einer Sushi-Bar vergiftet worden sein, wo er sich mit dem Italiener Mario Scaramella getroffen hatte. Der Professor aus Neapel ist wieder in London, will aber zu seiner Begegnung mit Litwinenko keine Stellung nehmen, öffentlich zumindest nicht.

    ""Dazu will ich nichts sagen, aber sobald ich von der Vergiftung gehört habe, bin ich in Kontakt mit den britischen Behörden getreten,"

    beteuert Scaramella. Ob er nur als Zeuge verhört wird, ist unklar. Denn der Italiener hat sich auch selbst verdächtig gemacht. Litwinenko sei sich sicher gewesen, von dem Professor vergiftet worden zu sein, behauptet jetzt in der Zeitung "Sun" Juri Feltschinski, ein früherer Kollege des Toten - ein Verdacht, den Alexander Litwinenko, in seinem letzten Interview noch auf dem Totenbett auch der BBC gegenüber geäußert hatte:

    "Er hat mir Papiere gegeben, angeblich mit Namen von denjenigen, die etwas mit der Ermordung der russischen Journalistin Anna Politkowska zu tun haben - und einige Stunden nach dem Treffen habe ich angefangen, mich krank zu fühlen."

    Der Italiener, so wird Litwinenko noch zitiert, habe nervös gewirkt bei diesem Treffen und darauf verzichtet, etwas zu essen - Aussagen, die jetzt die gerichtliche Untersuchung beschäftigen werden, die heute offiziell aufgenommen werden soll. Das Verfahren dürfte kompliziert und langwierig werden, und nicht wenige Experten zweifeln schon jetzt daran, dass er überhaupt aufgeklärt wird, der mysteriöse Tod des Alexander Litwinenko.