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StartseiteEuropa heute"Radioaktiver Urlaub? Nein danke"28.08.2012

"Radioaktiver Urlaub? Nein danke"

Polnische Ostseeküste soll Standort für Atommeiler werden

Polens Industrie boomt - und braucht Strom. Der soll spätestens in zehn Jahren auch aus einem Atomkraftwerk an der Küste kommen. Hoteliers, Restaurantbesitzer und weite Teile der dort lebenden Bevölkerung sind dagegen. Chancen sich durchzusetzen haben sie aber kaum.

Von Henryk Jarczyk

Langgestreckt: Polens Ostseeküste (picture alliance / dpa /Klaus Grabowski)
Langgestreckt: Polens Ostseeküste (picture alliance / dpa /Klaus Grabowski)

Sie sind wunderschön, die langgezogenen Strände der polnischen Ostseeküste. Mit ihrem feinkörnigen Sand und den schier nicht enden wollenden Dünenfeldern. Dementsprechend stark wird die Region im Sommer auch frequentiert.

Vielerorts sind schicke Hotels und Pensionen entstanden. Vor allem im Nordwesten des Landes boomt das Geschäft. Seit einigen Jahren auch dank zahlungskräftiger ausländischer Touristen. Doch das könnte sich bald ändern, behaupten Hoteliers und Restaurantbesitzer. Denn irgendwo entlang der Küste soll spätestens in zehn Jahren der erste polnische Atommeiler stehen. So zumindest der dezidierte Wunsch der Regierung von Donald Tusk. Doch je konkreter die AKW-Pläne der Warschauer Regierung, um so stärker auch der Protest dagegen.

"Wenn ich daran denke, wie in Polen gebaut wird, dann bekomme ich Angst. Ich bin nicht sicher, ob alles wohlüberlegt ist und gemäß den Vorschriften realisiert wird."

"Die Vorteile der billigen Energiegewinnung sind uns durchaus bewusst, aber bitte nicht bei uns."

Solange die Pläne zum Bau von Atommeilern ganz tief in den Schubladen der Warschauer Ministerien lagen, da machte sich kaum jemand in Polen Sorgen. Eine öffentliche Diskussion fehlte nahezu ganz und auch die Medien interessierte das Thema kaum. Das ändert sich nun. Und zwar rapide. Kein Wunder, denn der größte Energiekonzern des Landes PGE prüft seit geraumer Zeit ganz konkret, wo die Atommeiler in naher Zukunft gebaut werden könnten. Nicht mit uns, sagen die Küstenbewohner. Radioaktiver Urlaub – nein danke, lautet ihre Parole.

"Ich habe keine besondere Angst vor Kernkraftwerken, aber ob sie ausgerechnet hier gebaut werden sollen? Hier wo es so viele Erholungs- und Kurorte gibt. Wohl kaum."

"Wir als Einwohner der Ostseeregion werden das nicht zulassen. Kommt nicht infrage."

"Ich kann mir nicht vorstellen, dass Menschen mit Kindern kommen und im Meer baden, dessen Wasser zur Kühlung von Reaktoren verwendet wird. Das kann ich mir einfach nicht vorstellen."

Manch ein regierender Kommunalpolitiker dagegen schon. Die polnische Ostseeküste, so die Argumentation, sei nicht die Costa Brava. Außer Touristen und ein paar landwirtschaftlichen Betrieben, habe die Region keinerlei Einnahmequellen, sagt ein Gemeindevorsteher. Und rechnet vor, dass der staatliche Energiekonzern PGE jährlich rund zehn Millionen Euro Steuern zahlen würde. Viel Geld für eine Region mit einer Arbeitslosenquote von knapp 20 Prozent. Doch so verlockend die Argumente für den AKW-Bau auch klingen mögen. Die wenigsten wollen da mittlerweile zustimmen. 94 Prozent sprachen sich beim letzten Referendum ganz klar gegen das Projekt aus. Viele Küstenbewohner bleiben dennoch skeptisch:

"Auch wenn die Menschen dagegen protestieren, wird die Regierung ihre Pläne realisieren und niemand wird etwas dagegen tun können. Und wenn sie die Meiler tatsächlich bauen, dann wird es mit dem Urlaubsgebiet zu Ende gehen. Die Menschen werden nicht mehr hierher kommen."

Fatalismus, der nicht von ungefähr kommt. Wenn es darum gehe, Polen vom russischen Gas unabhängig zu machen, sagen polnische Atomkraftgegner, dann hätten Ökologie und Sicherheitsargumente kaum eine Chance.

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