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Radiolexikon Schwangerschaftsstreifen

Schwangerschaftsstreifen sind zwar nicht gefährlich, betroffene Frauen empfinden sie aber als äußerst unangenehm und störend. Wer bekommt sie, warum gibt es sie und wie wird man sie wieder los?

Von Mirko Smiljanic | 10.11.2009

Sommer und Sonne, Meer und Strand – da macht das Leben Spaß. Wäre da nicht der – zugegebenermaßen selbst gesetzte Zwang – einen Badeanzug zu tragen und nicht den Bikini. Nein, der geht nicht mehr, seit der Geburt des zweiten Kindes hat sich einiges verändert.

"Zu Beginn der Schwangerschaft habe ich so an den Oberschenkeln und am Bauch eben gemerkt, dass sich etwas verändert."

Erzählt diese Mutter. Sie hat Schwangerschaftsstreifen, und sie leidet unter ihnen:

"Weil, man sieht sich auch so im Spiegel und das ist ja für einen selber nicht schön, und wenn man dann einen Bikini tragen möchte, dann ist das einfach in der Zone, wo man das auch sieht."

Wobei man ehrlicherweise sagen muss: Schwangerschaftsstreifen beeinträchtigen das psychische Wohlbefinden, nicht aber die körperliche Gesundheit. Letztlich sind sie harmlos.

"Schwangerschaftsstreifen sind frisch rote, vielleicht auch entzündlich geschwollene relativ breite Streifen, die sehr auffällig sind. Wenn sie dann älter sind, werden sie schmaler und etwas heller als die normale Hautfarbe und es sieht ein bisschen schrumpelig aus."

Erklärt Dr. Anne Hundgeburth, Leiterin einer Hautarztpraxis in Köln. Striae gravidarum heißen Schwangerschaftsstreifen in der Fachsprache - die übrigens nicht nur in der Schwangerschaft auftreten, aber darüber später mehr -und es sind genau genommen Dehnungsstreifen. Mehr als die Hälfte aller Frauen bekommen während der Schwangerschaft die Streifen. Sie entwickeln sich in der Regel ab dem 6. Schwangerschaftsmonat an den seitlichen Bauchpartien, den Oberschenkeln und im Bereich der Brüste.

"Wenn unter der Haut es schneller wächst, als die Haut sich dehnen kann, dann kommt es zu Brüchen im Fettgewebsbereich, es reißt auseinander, und das sind dann anschließend Wunden unter der Haut, die Hautoberfläche selbst bleibt geschlossen, der Riss ist unter der Haut, und das muss dann wieder vernarben, zusammenwachsen, es entsteht dann neues Gewebe, aber im Endeffekt bleibt eine kleine Narbe unter der Haut, was wir dann auch langfristig als zarten Streifen weiter sehen."

Begünstigt werden Schwangerschaftsstreifen durch das Hormon Kortison, das die Nebennierenrinde vermehrt bildet. Kortison beeinflusst die Elastizität der Haut und des Gewebes negativ. Das Bindegewebe in der Lederhaut, das für die Elastizität der Haut verantwortlich ist, besteht aus Kollagenfasern. Kollagene sind extrem stabile Proteine, die dafür sorgen, dass Knochen, Sehnen und Haut in ihrer Form bleiben. Werden diese Fasern überdehnt, entstehen irreparablen Rissen in der Unterhaut, die zu äußerlich sichtbaren blaurötlichen Streifen führen.

Intuitiv wissen dies natürlich die allermeisten Frauen und beugen während der Schwangerschaft vor, indem sie zum Beispiel ihre Risikozonen regelmäßig mit Öl einreiben. Das tut gut, keine Frage, aber – liebe Schwangere, jetzt müsst ihr tapfer sein – es hilft nicht! Bei Schwangerschaftsstreifen bricht ja nicht die Haut, sondern das darunter liegende Gewebe. Weit wichtiger als das Einreiben der Haut mit Öl, ist das Fördern der Hautdurchblutung:

"Durch Wechselbäder, warm-kalt, leichte Massagen, Zupfen sollte man im Bauchbereich nicht machen, damit man nicht eine Frühgeburt auslöst, sonst wäre auch das eine Möglichkeit, aber die wichtigste Vorsorge ist, dass man nicht exorbitant zunimmt, dass man wirklich nur im Rahmen des Normalen bleibt, was der Gynäkologe einem sagt, die und die Gewichtszunahme ist in Ordnung. Das ist die beste Vorsorge von Schwangerschaftsstreifen, dass das Gewebe nicht so überdehnt wird."

Die Strategie ist also denkbar einfach: Möglichst langsam und wenig zunehmen, während gleichzeitig das Unterhautgewebe durch eine verbesserte Durchblutung mit mehr Sauerstoff und Nährstoffen versorgt wird. Gleiches gilt – und jetzt lassen wir mal die Streifen der Schwangeren links liegen – für alle Menschen.

"Meine Tochter ist sehr groß, die ist jetzt 1,80 mit gerade 17, und die ist im Alter zwischen knapp 15 und jetzt 17 sehr schnell, sehr viel gewachsen, und ich wusste gar nicht, dass es da Schwangerschaftsstreifen gibt und sie hat es verstärkt an der Brust, am Oberschenkel und Bauch. Meine Tochter ist jetzt nicht gerade superzart, aber ihre Freundin, die sehr dünn ist, hat das auch, weil sie auch stark gewachsen ist."

Heftige Wachstumsschübe führen schon bei Kindern und Jugendlichen zu unansehnlichen Dehnungsstreifen. Auch hier ist die Ursache vergleichsweise einfach: Die Knochen wachsen schneller als die Haut mitwachsen kann.

"Dann bekommen wir Schwangerschaftsstreifen insbesondere im Oberschenkel-Po-Bereich, bei Mädchen im Brustbereich, aber dann auch im Hüftbereich. Das sehen wir auch bei Bodybuildern zum Beispiel, wenn die sehr starken Muskelaufbau betreiben, gibt es Schwangerschaftsstreifen."

Die armen Bodybuilder: Da wollen sie besonders chic aussehen, und dann diese Streifen.

"Bei den Jugendlichen sind dann die Eltern verstört und kommen, was können wir machen, weil sie haben natürlich Angst, es wird immer schlimmer, und die schöne ebenmäßige Haut ist auf einmal zerstört, da werden wir häufig um Hilfe gefragt."

Und die gibt es. Die Haut mit Öl einzureiben – darüber ist schon gesprochen worden – hilft wenig, allerdings schadet es auch nicht. Weit effektiver sind Methoden, die dem Unterhautgewebe zu einem stärkeren Wachstum verhelfen.
Dr. Anne Hundgeburth, Hautärztin aus Köln.

"Wir haben ein Gerät, damit wird über die Haut gefahren, was die Haut ansaugt, das in dem Moment, wenn die Haut angesaugt wird, Strom in die Haut gibt und Wärme. Wir wissen, dass mechanische und Wärmereize die Bindegewebszellen stimulieren, und die wiederum produzieren dann besser Collagen und es heilt dann einfach schneller und die Ergebnisse sind besser, als wenn man es der Natur überlässt."

Die manchmal auftretenden roten Äderchen – kosmetisch alles andere als schön – lassen sich übrigens weglasern. Gleichgültig, welche Therapie angewandt wird, bis sie wirkt, dauert es einige Wochen.

"Wir unterscheiden in der Medizin immer eine Anschubphase, wo wir etwas in Gang bringen, und wir empfehlen dann schon, dass man einmal im Monat eine gewisse Zeit weiter macht, denn endgültige Narbenbildung braucht immer ein halbes Jahr, dass man sagt, am Anfang jede Woche und anschließend einmal im Monat."

Die Kosten für diese Behandlung zahlt übrigens keine Krankenkassen – es sind kosmetische Korrekturen, die privat finanziert werden müssen. Je nach Aufwand kann das teuer werden, wobei der Erfolg nicht wirklich sicher ist.

"Die Prognose ist so, dass wir es schaffen, dass die Streifen schmaler werden, und dass wir es vor allem schneller in diese kaum noch sichtbare Phase übergeht, ein gänzliches Verschwinden können wir leider auch nicht erzielen."

Wer den Mut zum Bikini nicht mehr hat, muss also doch einen Badeanzug tragen.