Dienstag, 28. Juni 2022

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Radiolexikon: Verbrennungen

Etwa 400-500 Menschen kommen jedes Jahr in Deutschland durch Verbrennungen ums Leben. Insgesamt sind die Zahlen zum Glück leicht rückläufig, was offenbar auf immer bessere Brandschutzbestimmungen und immer höheren Sicherheitsstandards bei bestimmten Geräten wie Gasherden zurückzuführen ist. Dennoch geht den Verbrennungsmedizinern die Arbeit nicht aus.

Von Thomas Liesen | 28.04.2009

Jetzt eine deftige Linsensuppe. Irene W. kommt von der Arbeit und ihr knurrt der Magen. Sie wärmt die bereits fertige Suppe auf dem Herd auf:

"Und ich habe einen Gasherd, da ist eine Klappe, die man so aufmacht und die man zumacht, wenn man nicht mehr kocht. Und in der Ecke, da habe ich einen kleinen Mülleimer, da wollte ich was entsorgen und da ist die Klappe zugefallen und der Topf ist mir genau über den Rücken mit der heißen Suppe."

Ihr Lebensgefährte ruft den Notarzt. Irene W. wird in das Klinikum Köln-Merheim gebracht, dort ist man spezialisiert auf Verbrennungsopfer. Oberarzt Dr. Walter Perbix untersucht ihren Rücken. Er sieht eine Brandblase, so groß wie drei Handteller. Für den Verbrennungsspezialisten Walter Perbix ist die Versorgung dieser Wunde reine Routine, denn er ist Schlimmeres gewohnt:

"Wir haben die Blase abgetragen, sie hat dann heute einen Kunststoffverband darauf bekommen. Der braucht jetzt mindestens 24 Stunden, dann haftet er ganz fest, dann kann sie sich mit dem Verband aufstehen, bewegen und sie hat keine weiteren schmerzhaften Verbandswechsel mehr nötig und erst wenn die Wunde abgeheilt ist, wird der Verband dann entfernt."

Irene W´s Wunde wird nach rund zwei bis drei Wochen ausgeheilt sein. Weil sich bei ihr Brandblasen entwickelt haben, ist ihre Wunde laut Definition bereits eine Verbrennung zweiten Grades. Durch die Hitze ist ein Teil der Hautzellen zerstört, die Zellwände werden durchlässig für Flüssigkeit, die sich dann unter der obersten Hautschicht ansammelt. In vielen Fällen heilen Verbrennungen zweiten Grades von selbst ab. Anders die Verbrennungen dritten Grades. Bei ihnen sind Oberhaut und die darunter liegenden Lederhaut bis hinein ins Fettgewebe zerstört. Und manchmal kommt es sogar noch schlimmer, erklärt Walter Perbix:

"Grad 4 heißt drittgradige Hautverbrennung plus tiefe Verbrennung der Muskulatur, der Knochen und Gelenke und diese Verbrennungen müssen entweder amputiert werden oder rekonstruktiv behandelt werden, je nach Ausmaß dieser Verbrennung."

Und sehr schwere Brandwunden sieht Walter Perbix keineswegs nur als Folge von schlimmen Arbeitsunfällen, Explosionen oder Hausbränden:

"Eine Patientin, die ist unter einer Wärmelampe eingeschlafen, ihr Pyjama ging in Flammen auf, sie hat sich dann unter die Dusche gestellt. Sie kam dann mit 30 Prozent Verbrennungen zu uns, davon war ein Großteil drittgradig, damit die Hände und auch der Brustkorb nicht abgeschnürt wurden, mussten wir erst Entlastungsschnitte machen, in mehreren Operationen hat man die verbrannte Haut entfernt und ersetzt. Sie hat dann Komplikationen bekommen, eine Lungenentzündung und dann schließlich auch eine Blutvergiftung, aber sie hat das dann letztlich überstanden und konnte jetzt vor kurzem entlassen werden. Sie muss jetzt Druckverbände tragen, damit die Wunden gut ausheilen und die Haut feucht halten durch entsprechende Cremes."

In jedem zweiten Fall haben sich die Patienten von Walter Perbix direkt an Flammen verbrannt. Jeder Fünfte verbrüht sich an heißen Flüssigkeiten und etwa jeder Zehnte erleidet Verbrennungen durch Explosionen. In all diesen Fällen reicht schon sehr kurzer Kontakt mit der Hitzequelle aus, um die Haut stark zu schädigen, erklärt Walter Perbix:

"Da sind also Experimente mal gemacht worden, dass ein Zelltod bei 69 Grad nach einer Sekunde aufgetreten ist, dagegen bei 45 Grad erst nach einer Stunde."

Wenn man bedenkt, dass schon eine Kerzenflamme mehrere hundert Grad heiß wird, bedeutet das: Schon in Bruchteilen von Sekunden wird die Haut beim Kontakt zerstört. Und was ist als erstes zu tun, wenn es zu einem kleinen oder auch großen Unfall kommt?

"Sofort unter kaltes Wasser, 15 bis 25 Grad, so wie es aus der Leitung kommt. Man soll also kein Eis nehmen, weil dann eben zusätzlich noch Erfrierungsschäden auftreten können. Und für die Länge: Wenige Sekunden genügen, um die Hitze aus dem Gewebe wegzunehmen, man kann aber längere Zeit das fortführen, weil das schmerzstillend ist."

Danach lautet die Frage: Muss ein Arzt gerufen werden? Wie schlimm ist die Verbrennung? Auf zwei Dinge sollte man achten. Erstens: das Schmerzempfinden. Schwere Verbrennungen zweiten Grades oder sogar dritten Grades sind fast schmerzfrei, weil Nerven in der Haut zerstört sind. Mit ihnen muss man unbedingt zum Arzt. Zweites Kriterium: Ist die Haut rötlich und wird blasser, wenn man darauf drückt? Dann ist sie noch gut durchblutet und heilt mit hoher Wahrscheinlichkeit von selbst.

Walter Perbix und sein Team haben fast täglich mit neuen Brandopfern zu tun. Allein zwei Fälle in den letzten Tagen, bei denen sich Menschen beim Anzünden einer Zigarette auch ihre Kleidung in Brand gesteckt haben. Einer starb trotz aller Hilfe, den anderen Patienten musste das Team großflächig operieren. In solchen Fällen wird zunächst die verbrannte Haut oberflächlich abgetragen. Anschließend wird von einer anderen Körperstelle, häufig von den Oberschenkeln, eine gleich große Hautfläche ebenfalls ganz dünn abgetragen und verpflanzt. Auch sehr große verbrannte Hautflächen können im Prinzip mit Eigenhaut behandelt werden, aber das geht nicht ohne Tricks:

"Die Haut wird, wenn es sich um größere Flächen handelt, gedehnt, indem man die zum Beispiel maschenförmig oder gitterförmig zuschneidet, es gibt auch die Möglichkeit, dass man kleine Quadrate schneidet und die dann auseinander zieht, aber vom Ästhetischen ist immer am Schönsten, wenn man die Haut nicht expandiert aufträgt."

Immerhin schaffen es die Verbrennungsmediziner auf diese Weise, auch Menschen zu retten, deren Haut zu 80 Prozent verbrannt ist. Das war vor Jahren noch undenkbar. Allerdings sind bei großflächigen Verbrennungen Komplikationen eher die Regel als die Ausnahme. Häufig bekommen die Patienten Infektionen, Blutvergiftungen oder Lungenentzündungen. Angesichts dieses Leids ist es um so erstaunlicher, dass Walter Perbix immer wieder mit den gleichen, typischen Unfallhergängen konfrontiert wird. Daher seine Appell:

"Man sollte keine Zigaretten im Bett rauchen, insbesondere, wenn man unter Alkohol steht, man sollte beim Grillen keinen Spiritus reinschütten. Oder wenn das Fett in der Pfanne brennt, dass man nicht das Fett hinausträgt, dann kann man dort ausrutschen und hinfallen, sondern das brennende Fett durch einen Deckel erstickt. Und was fast unglaublich ist: Es gibt immer noch Leute, die prüfen ihren Dieselstand mit einem Feuerzeug. Und da kommt es dann also zu Verpuffungen und auch wenn Diesel nicht direkt brennbar ist, sollte man es aus dem Grunde nicht machen."