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StartseiteForschung aktuellSquare Kilometre Array: Deutschland ist raus01.07.2015

RadioteleskopSquare Kilometre Array: Deutschland ist raus

Mit Ablauf der Kündigungsfrist ist es jetzt endgültig: Deutschland ist aus dem weltweit größten Astronomie-Projekt ausgestiegen, dem Square Kilometre Array (SKA). Das Bundesforschungsministerium hält dessen Finanzierung für unsolide. Das weltweit größte Radioteleskop entsteht in den nächsten Jahren in Südafrika und Australien.

Dirk Lorenzen im Gespräch mit Ralf Krauter

Künstlerische Darstellung eines Teils des Square Kilometer Arrays (SKA-MID) in Südafrika (SKA Organisation)
Künstlerische Darstellung eines Teils des Square Kilometre Arrays (SKA-MID) in Südafrika (SKA Organisation)
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Raumfahrtexperte Dirk Lorenzen fasst für "Forschung aktuell" den Streit um das SKA zusammen.

Ist Deutschland wirklich raus aus dem Projekt?

Seit heute ist Deutschland nicht mehr Teil der Organisation. Astronomen und Unternehmen aus Deutschland sind nur noch in der Zuschauerrolle - denn die Regelung, die im letzten Jahr noch mit deutscher Beteiligung beschlossen wurde, ist glasklar: Mit dem Teleskop dürfen in der Regel nur Astronomen aus Mitgliedsstaaten arbeiten - und auch Aufträge gehen nur an Firmen aus Staaten, die mit am Tisch sitzen.

Was sind die Gründe für den Austritt?

Das Bundesforschungsministerium hat im vergangenen Jahr finanzielle Gründe angegeben. In der ersten Ausbauphase von SKA hätte Deutschland von 2016 an rund 10 Millionen Euro pro Jahr zahlen müssen. Am wissenschaftlichen Wert des Projekts hatte man ausdrücklich keine Zweifel, aber man hielt die Kostenschätzungen für nicht solide genug. Das SKA-Konsortium hat die Kosten für die erste Phase auf 650 Millionen Euro gedeckelt.

Wie glaubhaft ist so ein Deckel? Auch in der Wissenschaft gibt es ja durchaus astronomische Kostensteigerungen.

Das Teleskop ist modular aufgebaut: In Südafrika sollen über 200 Radioschüsseln mit jeweils 15 Metern Durchmesser entstehen, am zweiten Standort in Australien entsteht ein Antennenfeld mit über 100.000 Antennen. Angenommen, das alles wäre nun doch etwas teurer als geplant, könnte man einfach ein paar Schüsseln und Antennen weniger aufstellen. Damit wäre das Instrument zwar weniger empfindlich als geplant, aber es wäre immer noch das größte Radioteleskop der Welt. SKA kann aufgrund dieser Bauweise kaum zur Investitionsruine werden. Das ist ganz anders als etwa bei großen Beschleunigern: Die müssen wirklich erst komplett fertig gebaut sein, bevor sich mit ihnen arbeiten lässt.

Bei der Finanzierung von Großprojekten spielt in Deutschland die Roadmap eine große Rolle, die politische Prioritätenliste. Ist SKA da vertreten?

Nein, allerdings war SKA auch bei Deutschlands Beitritt 2012 nicht auf dieser Liste. Es ist auch nicht ganz klar, wie neue Projekte auf diese Liste kommen können. Ohnehin ist fraglich, ob das etwas brächte. Dann schon vor dem Erstellen dieser Liste hatte sich Deutschland verpflichtet, beim Röntgenlaser XFEL in Hamburg und dem Beschleuniger FAIR in Darmstadt mitzumachen. Beide kosten mehrere hundert Millionen Euro im Jahr - da bleibt für kleinere Projekte praktisch kein Geld mehr. Die zuständige Abteilung im Forschungsministerium kann einem fast leidtun - ihr Gestaltungsspielraum ist äußerst gering.

Sie haben mit vielen Beteiligten in Wissenschaft und Politik gesprochen. Wie ist die Stimmung - besteht die Chance, dass Deutschland bei SKA doch noch mitmacht?

Mitglieder des Forschungsausschusses des Deutschen Bundestages waren im vergangenen Jahr über Deutschlands abrupten Ausstieg genauso überrascht wie die Astronomen. Der Austritt tut allen Beteiligten weh. Schließlich betritt SKA nicht nur wissenschaftlich völliges Neuland. Es passt auch perfekt zur Afrika-Strategie des Forschungsministeriums. Denn SKA entsteht nicht nur in Südafrika, es gibt Außenstellen in mindestens acht weiteren Staaten Afrikas. Und Radioastronomie ist perfekt geeignet, um in diesen Ländern technische Fähigkeiten und Spitzenforschung zu fördern. Zugleich geht es um "Big Data", also den Umgang mit riesigen Datenmengen, die dieses Teleskop liefern wird. SKA hat ganz viele unterschiedliche Aspekte neben der Astronomie - vielleicht sind diese Aspekte beim Austritt etwas übersehen worden.

Wie bedeutend ist SKA Ihrer Meinung nach?

SKA wird eine klassische Entdeckungsmaschine. Man baut dieses Teleskop nicht, um bestimmte Dinge zu beobachten, die man ohnehin schon lange erwartet hat. SKA blickt im Radiobereich so intensiv und vielseitig in den Kosmos wie kein Instrument zuvor. Von extrasolaren Planeten über den Aufbau der Milchstraße bis zur Kosmologie wird SKA enorm wichtige Messungen machen. Ich war anfangs selbst von diesem Projekt keineswegs überzeugt. Aber man arbeitet sehr akribisch, hat gezeigt, dass man es kann, und wird es nun bauen - ob mit oder ohne Deutschland.

Zum Schluss Ihre Einschätzung: Wird Deutschland dauerhaft außen vor bleiben?

Vielleicht gelingt es doch noch, aus der verfahrenen Lage herauszukommen. Dafür müsste sich die Entscheidungsgrundlage für das Ministerium ändern. Außenpolitisch tut sich einiges: Im Dezember ist Großbritannien dem Röntgenlaser XFEL in Hamburg beigetreten und übernimmt damit einige Kosten - das macht den Astronomen Hoffnung, denn die SKA-Zentrale befindet sich im englischen Manchester. Vielleicht gibt es auch einen Schritt auf die Briten zu. Dass deutsche Universitäten mit großer Tradition in der Radioastronomie beim größten Radioteleskop der Welt nicht dabei sein sollen, erscheint vielen absurd. Aber zunächst einmal gilt: Es gibt kein Geld und Deutschland ist seit heute nur noch Zuschauer. Ob wirklich auf Dauer, wird sich zeigen.

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