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Radsport
Es brodelt hinter den Kulissen

Die Radsport-Saison hat begonnen, doch es herrscht Umut bei den Teams: Die Veranstalter wollen die Teams bei den großen Rennen verkleinern, die World-Tour wurde um zehn Rennen aufgestockt, ohne dass Rennställe oder Fahrer profitieren. Für einen Wettkampf gibt es gar Boykottdrohungen.

Von Holger Gerska | 15.01.2017

    Der Australier Caleb Ewan (Team ORICA-Scott) gewinnt den Saisonauftakt der Sprintelite in Adelaide (Australien).
    Der Australier Caleb Ewan (Team ORICA-Scott) gewinnt den Saisonauftakt der Sprintelite in Adelaide (Australien). (imago - Mario Stiehl)
    Es war wie immer ein großes Radsportfest: Saisonauftakt in Adelaide – zehntausende Zuschauer, ein milder Sommerabend, ein australischer Sieger. Doch hinter den Kulissen der Radsportwelt brodelt es gewaltig. Der Weltverband gegen die Veranstalter der großen Rennen und die Teams zwischen allen Stühlen. Wie immer geht es um Geld und Macht, aber es stellt sich mehr denn je die Frage – ob der Profiradsport in seiner aktuellen Struktur überhaupt noch seriös zu finanzieren ist.
    Sportler am Ende der Nahrungskette
    Die Chefs der beiden deutschen World-Tour-Teams Ralph Denk und Ivan Spekenbrink sind zum Saisonstart persönlich in Australien. Ivan Spekenbrink ist Besitzer der Mannschaft, die voriges Jahr noch unter dem Namen Giant-Alpecin firmierte und jetzt Sunweb heißt. Und der Niederländer ist ein Feind des jetzigen Systems, das da lautet: Die Veranstalter und der Weltverband machen Fernsehverträge, kassieren die Gelder und leiten nichts an Fahrer und Teams weiter:
    "Für einen erfolgreichen Sport muss am Ende der Sportler oder die Mannschaft Teil des ökonomischen Modells des Sports sein. Das heißt, bei uns sind die Sportler am Ende dieses ökonomischen Modells, aber in jedem erfolgreichen Sport sind der Sportler und die Mannschaft in der Mitte."
    Kaum noch Sponsoren aus traditionellen Radsportländern
    Ivan Spekenbrink spricht ganz offen von einem harten Kampf zwischen Teams und Veranstaltern. Aus seiner Sicht geht es so nicht weiter. Schon längst stehen Sponsoren aus den traditionellen Radsportländern nicht mehr Schlange. Die Konsequenz für 2017: Unter den 18 World-Tour-Mannschaften ist keine italienische mehr, nur noch eine spanische. Stattdessen ein Team mit Geld aus Abu Dhabi und eines privat von einem äußerst dubiosen Scheich aus Bahrain finanziert. In diesem Umfeld feiert auch die bayerische Bora-Mannschaft mit Teamchef Ralph Denk ihr Debüt. Den Raublingern ist es tatsächlich gelungen, mit seriösen Wirtschaftspartner eine World-Tour-Lizenz zu lösen:
    "Ich würde es begrüßen, wenn ehrliche ... oder wenn Sponsoren an Bord kommen, die auch einen wirtschaftlichen Hintergrund haben. Ich weiß nicht, was Bahrain oder auch Abu Dhabi dahinter verfolgt, aber die werden sicherlich auch ihre Strategie haben. Begrüßenswerter wäre es meiner Ansicht nach, wenn Sponsoren wie Bora oder Hansgrohe oder auch wie Lidl bei Etixx-Quickstep sich engagieren. Finde ich toll, dass sich die deutsche Firma Lidl da engagiert."
    Radsport macht nur Veranstalter reich
    Aber solche Kontrakte werden spürbar seltener. Selbst der windige russische Geschäftsmann Oleg Tinkoff hat seine gleichnamige Mannschaft vor der Saison aufgelöst. Der Radsport würde nur die Veranstalter der Tour de France reich machen. Das sieht auch Ivan Spekenbrink so. Eine Gesamtvermarktung der Rennserie unter Beteiligung der Teams ist mit den Franzosen nicht machbar:
    "Die Tour de France braucht es einfach nicht. Die sagen: Ja, wir haben soviel Gewinn. Aber für den Sport generell wäre es gut, dass andere die Sachen bündeln und vermarkten."
    Verschärft hat sich die Lage durch zwei Entscheidungen für die neue Saison. Die Veranstalter wollen die Teams bei den großen Rennen verkleinern, um damit Geld für Hotels und so weiter zu sparen. Eine prekäre Entscheidung für die Teams, die längst personell geplant haben – diesbezüglich ist aber das letzte Wort noch nicht gesprochen. Festgezurrt dagegen ist die Aufstockung der World-Tour um zehn auf jetzt 37 Rennen. Ein unglaublicher Kalender, der jetzt in Australien beginnt und im Oktober mit einem Retorten-Rennen in China enden soll. Ohne dass Teams und Fahrer wie der Tour-de-France-Etappensieger Simon Geschke finanziell profitieren:
    "Die Leute, die Sport gucken, wollen ein klares System. Und wenn es dann heißt, wir haben eine Rennserie, aber nicht jedes Team muss jedes Rennen fahren und jeder Fahrer fährt sowieso nicht jedes Rennen. Die besten Fahrer fahren halt nicht alle Rennen, manchmal fährt sogar das Team sogar nicht. Ich glaube, die Idee ist ein bisschen .... ja, vielleicht nicht ganz durchdacht."
    Können die Teams die Anstrengungen bewältigen?
    Sagt er diplomatisch. Sein Kollege Roger Kluge ist direkt von einem Sechstage-Rennen aus Rotterdam nach Australien gekommen. Dienstagabend noch Bahnradsport im kalten Europa, Sonntag ein Straßenrennen bei 30 Grad in Australien:
    "Klar, sind eine ganze Reihe Rennen dazugekommen. Man muss erst mal sehen, ob es die Teams überhaupt bewältigen können, oder ob es nächstes Jahr wieder nur 26 Rennen sind."
    Dabei gibt es ein Rennen, das schon für 2017 auf der Kippe steht. Zu den neuen World-Tour-Rennen gehört auch die Türkei-Rundfahrt im April. Offen oder versteckt haben Teams und Fahrer schon mit Boykott gedroht. Angesichts der politischen Situation in der Türkei haben sie Angst. Radrennen sind eine niemals zu 100 Prozent zu schützende Sportveranstaltung. Auch darüber wird in Australien gesprochen. Die Tour Down Under dauert noch bis zum kommenden Sonntag.