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StartseiteSport am WochenendeEx-Skispringer auf dem Weg zum Rundfahrtstar18.05.2019

RadsportEx-Skispringer auf dem Weg zum Rundfahrtstar

Er startete als Skispringer und ist heute einer der Top-Favoriten beim Giro d'Italia: Primoz Roglics erfolgreiche Radsportkarriere startete ungewöhnlich - und stellt so manche Trainingsmethodik in Frage.

Von Tom Mustroph

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Primoz Roglic (Team Jumbo-Visma) während einer Etappe beim Giro d'Ialia 2019 (imago / Sirotti)
Primoz Roglic gilt als Top-Favorit auf den Giro-Sieg (imago / Sirotti)
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Das Dorf Kisovec, eine knappe Autostunde von Sloweniens Hauptstadt Ljubljana entfernt, zählt keine 2.000 Einwohner. Einer von ihnen ist Primoz Roglic. Er war früher Skispringer und ist jetzt ein so exzellenter Radfahrer, dass er den Giro d’Italia gewinnen kann. Ein echtes Wunder. Denn beide Sportarten haben auf den ersten Blick nicht viel gemein. Roglics früherer Skisprungtrainer Zvone Pograjc:

"Im Radsport ist die Ausdauer sehr wichtig, du trainierst 5, 6, 7 Stunden. Im Skispringen musst du schnell und explosiv sein, gut im Stretching sein und eine prima Koordination haben."

Wechsel in den Radsport nach einem Unfall

Mit Pograjc und dessen Sohn Andraz, selbst immerhin mal Weltcupsieger im Mannschaftsspringen auf der gewaltigen Flugschanze von Planica, geht es jetzt hoch ins Allerheiligste, zur Sprungschanze von Kisovec. Dort lernten Roglic und auch Pograjc Junior das Gleiten in der Luft. Im Raum gleich neben dem Schanzentisch eine Überraschung: Ein Hometrainer, das erste Rad, auf das Roglic stieg. Andraz Pograjc: "Er begann sein Training, wenn es regnete, manchmal hier drinnen, auf diesem Hometrainer."

Roglic stieg nach einem Sturz auf der Flugschanze von Planica vom Skispringen auf den Radsport um. Es war ein Horrorsturz. Zwei Jahre mühte er sich danach noch mit dem Sprungtraining, aber das Gefühl auf der Schanze wollte sich nicht wieder einstellen. Die Ärzte empfahlen ihm Radfahren. Bei Amateurrennen verblüffte er so sehr, dass ein paar Radsportenthusiasten bei Radoje Milic vorstellig wurden. Milic, ein ehemaliger Wasserballer, ist Leistungsdiagnostiker am Institut für Sportmedizin in Ljubljana. Wer in Slowenien kraftvoll in die Pedale treten kann, wird von ihm vermessen. Bei Roglic kam aber auch Milic ins Staunen: "Die Ergebnisse waren enorm. Ich sagte ihm nach dem ersten Test: Bereite dich darauf vor, in der Spitzengruppe bei der Pro Tour mitzufahren. Alle lachten. Aber er nahm das ernst. Und ich meinte das auch ganz ernst."

Milic maß bei dem Freizeitathleten Roglic eine Sauerstoffaufnahme des Blutes von 80 ml pro Minute und Kilogramm Körpergewicht sowie eine gewichtsbezogene Leistung von 7,14 Watt pro kg. Das sind absolute Spitzenwerte, gemessen sonst bei Rundfahrtsiegern im Radsport. Milic kontaktierte den Chef des slowenischen Radsportteams Adria Mobil, Bogdan Fink. Der lachte ihn anfangs aus, erinnert sich Milic. Aber dann wagte er es. Fink musste allerdings zunächst seinerseits Widerstand im eigenen Rennstall aushalten.

"Alle waren sarkastisch. Ich sagte dann zu den Trainern und dem Team: ‚Das ist jetzt so. Wir versuchen es mit ihm. Da verhandeln wir auch nicht drüber. Hier ist Primoz. Er wird Rad fahren. Ich weiß, es ist seltsam. Und jeder, auch die Leute vom Hauptsponsor fragten etwas skeptisch: ‚Ok, aber bist du dir sicher?’ Und ich entgegnete: ‚Ich bin mir sicher. Jetzt sagen sie alle: ‚Oh ja, wir wussten doch gleich.’"

Es ist wie immer: Der Erfolg hat viele Väter. Roglic fährt Siege am laufenden Band ein: Drei Rundfahrtstarts in diesem Jahr – drei Gesamtsiege. Er holte Zeitfahren beim Giro d’Italia und Bergetappen bei der Tour de France. Er wurde dort auch 2018 Gesamtvierter. Aktuell liegt er auf Siegkurs beim Giro.

Vorteil durch frühes Krafttraining

Das löst eine Suche nach den Faktoren aus, die einem gelernten Ex-Skispringer beim Radsport helfen. Sprungtrainer Pograjc: "Die Aggressivität, die er beim Absprung hatte, ist von Vorteil. Und auch die Beweglichkeit, die man als Skispringer sehr viel trainiert. Das hilft, um beim Zeitfahren die richtige Position zu halten."

Sportmediziner Milic nennt ebenfalls das frühe Krafttraining als Vorteil. "Manchmal, wenn man sehr früh mit dem Ausdauertraining beginnt, macht man zwei Fehler bei den Kids. Der eine ist, dass man den Kraftaspekt vernachlässigt. Und der andere, dass man nur extensive Trainingsformen  betreibt." 

Rennstallmanager Fink ist hingegen von der Furchtlosigkeit des einstigen Schanzenpiloten begeistert. "Er hat keine Angst, er zieht einfach los. Deshalb ist er so erfolgreich. Er lernt auch unglaublich schnell. Einen Fehler, den er macht, begeht er kein zweites Mal. Das ist einfach einmalig."

Gewinnt Roglic jetzt tatsächlich den Giro, dann dürfte manche Trainingsmethodik im Radsport umgeschrieben werden. Scouts der Rennställe werden nicht gleich die Sprungschanzen überfallen. Aber manch dröge Ausdauereinheit könnte in Zukunft durch Dehnübungen und Schnellkrafteinheiten ersetzt werden.

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