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StartseiteSport am WochenendeFrauenpower in der alten Männerdomäne25.04.2021

RadsportFrauenpower in der alten Männerdomäne

Lange Zeit führte der Frauenradsport ein Schattendasein. Das hat sich mittlerweile geändert. Die Rennen und die Rennställe sind professioneller geworden. Die Anbindung an Männerrennen sorgen für größere Aufmerksamkeit. Dennoch müssen Frauen immer noch mit männlichen Attributen aufwarten.

Von Tom Mustroph

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Ina-Yoko Teutenberg, Sportliche Leiterin des Team Trek Segafredo Women bespricht sich mit den Fahrerinnen des Teams (picture alliance / Augenklick/Roth | Roth/Augenklick)
Nur das Radsportteam Trek Segafredo Women hat zwei sportliche Leiterinnen, neben Ina-Yoko Teutenberg (M.) noch die Italienerin Giorgia Bronzini. (picture alliance / Augenklick/Roth | Roth/Augenklick)
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Die Britin Cherie Pridham ist die erste sportliche Leiterin in einem Rennstall der World Tour der männlichen Radprofis. Seit dem 19. April bestimmt sie für den israelischen Rennstall Israel Start-Up Nation die Renntaktik für den vierfachen Toursieger Chris Froome. Für sie fühlt sich das ganz normal an.

"Ich habe immer gesagt, ich sehe mich nicht als weiblichen sportlichen Leiter, sondern bin sportlicher Leiter wie alle meine Kollegen. Ich denke, ich bin gut genug für den Job und wenn jemand gut genug ist für einen Job, jeden Alltagsjob überhaupt, dann ist nicht wichtig, wer du bist."

Pridham war früher selbst Profifahrerin. Nach der aktiven Karriere managte sie aber ausschließlich Männerteams. Acht Jahre lang war sie sogar Eignerin eines Männerrennstalls auf Continental-Niveau. Auch das als erste Frau.

"Ich wurde als vieles bezeichnet, als Wegbereiterin, als Pionierin, als Glaswanddurchbrecherin, die erste Frau, die dies macht, die erste Frau, die das macht, und ja, ich bin eine Frau, und ich bin sehr stolz darauf. Und die Bedeutung, die dem Ganzen beigemessen wird, die ganze mediale Aufmerksamkeit, hat mir klar gemacht, dass ich auch Verantwortung trage", blickt Pridham auf die vergangenen Jahre zurück.

Schwierigkeiten eher bei Sponsoren und Geschäftspartnern 

Sie sieht sich auch als Beispiel dafür, dass sich Frauen in der Männerbastion Radsport durchsetzen können. "Ja, ich habe das getan. Und selbst wenn ich das getan habe, ohne mir dessen Bedeutung bewusst zu sein, so kann ich die Erfahrung weitergeben, dass es möglich ist. Alles ist möglich. Ich sage da klipp und klar: Wenn du die Eier hast, das zu tun, dann machst du das, du träumst groß, du riskierst was – oder du verpasst die Gelegenheit."

Doch sie musste auch Hindernisse überwinden und mit Vorurteilen kämpfen. Nicht direkt im Radsport, dafür aber in der Wirtschaft. Zum Beispiel bei Geschäftstreffen oder -essen, die sie als Teambesitzerin mit potentziellen Sponsoren und Geschäftspartnern hatte.

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Sportliche Leiterin ist auch Ina-Yoko Teutenberg. Auch sie macht den Job schon länger. Nach ihrer aktiven Laufbahn arbeitete sie zunächst beim US-amerikanischen Radsportverband, kümmerte sich um Frauen, aber auch den männlichen Nachwuchs und arbeitete später beim Frauenrennstall Rally Cycling. Seit 2019 ist sie sportliche Leiterin bei Trek Segafredo, dem Frauenteam des gleichnamigen World-Tour-Rennstalls. Ihr Tätigkeitsfeld beschreibt sie so:

"Man muss organisieren können, man muss mit Menschen umgehen können, man muss leiten können. Und dann muss man ein bisschen Rennverständnis haben, würde ich sagen. Auto fahren sollte man auch können, das wäre ganz hilfreich in der Karawane."

Nur zwei Frauen führen Rennställe in der obersten Frauen-Rennserie 

Keine Zauberdinge also. Dennoch werden aktuell sieben der neun Rennställe der Womens World Tour, der obersten Rennserie im Frauenradsport, von Männern geführt. Nur Trek Segafredo hat zwei sportliche Leiterinnen, neben Ina-Yoko Teutenberg noch die Italienerin Giorgia Bronzini. Team Ale BTC Ljubljana gehört sogar einer Frau, der Italienerin Alessia Piccolo. Beim deutschen Team Canyon SRAM ist die Australierin Beth Durea immerhin als eine sportliche Leiterin dabei. Das war es dann aber auch schon.

Eine prinzipielle Benachteiligung von Frauen sieht Teutenberg aber nicht. In ihrer aktiven Zeit hatte auch sie bereits sportliche Leiterinnen. Und ihren eigenen Weg sieht sie nicht als sonderlich dornenreich an. "Ich glaube nicht, dass das mühsam war. Ich glaube, dass manchmal manche Frauen einfach nicht weiter machen wollen, weil sie nicht mehr reisen wollen. Viele wollen nach der Karriere Kinder kriegen. Dann ist so ein Job unterwegs kompliziert."

Dass ein Job, bei dem man viel reisen muss, nicht nur für Mütter kompliziert sein sollte, sagt sie nicht. Für Frauen müssten aber weitere Anreize da sein, in Form von bezahlten Jobs zum Beispiel. Da konstatiert Ina-Yoko Teutenberg eine positive Tendenz. "Das Gute ist, dass der Frauenradsport mehr und mehr professionell wird. Dadurch gibt es auch mehr Jobmöglichkeiten für Frauen, dann eben da auch weiterzumachen, wenn sie es machen möchten."

Keine Beschwerden über das Gehalt

Nur: Häufig werden sie dafür schlechter entlohnt als ihre männlichen Pendants, die die gleiche Arbeit verrichten. Ob es einen solchen Gender-Pay-Gap auch in ihrem Rennstall gibt, kann Teutenberg nicht sagen: "Weiß ich nicht. Es ist ja auch, wie viele Tage arbeiten wir, für wie viele Tage werden wir bezahlt? Wie viel Arbeitserfahrung habe ich? Das gehört auch dazu. Ich kann mich nicht über mein Gehalt beschweren."

Einen Aufwärtstrend im Frauenradsport und verbesserte Chancen für Frauen beobachtet auch Iris Slappendal, Chefin der Fahrerinnengewerkschaft Cyclists Alliance: "Das ist schon eine gute Entwicklung, dass die Karrieremögklichkeiten sich langsam entwickeln im Frauenradsport." Slappendal, deren Organisation 180 Profifahrerinnen vertritt, strebt aber noch mehr an. "Wir als Cylists Alliance wollen auch einen generellen Kulturwandel im Sport. Das meint nicht nur, dass es mehr Frauen im Sport geben sollte, sondern auch, dass Frauen ihre Erfahrungen in den Sport zurückgeben und ihn verbessern." 

Vorreiterinnen beim Thema Sicherheit

Daran würden die Frauen mit zahlreichen Initiativen arbeiten. Ein wichtiges Feld ist dabei die Sicherheit bei Rennen. "Wir haben eine Gruppe von Teambotschafterinnen. Jeden Monat schicken wir eine kurze Umfrage an jedes Team. Jedes Team hat eine Person, die sich darum kümmert. Wir fragen dort nach Sicherheitsproblemen bei jedem Rennen, das in diesem Monat stattfand und geben so den Veranstaltern und auch der UCI ein Feedback."

Seit mehr als einem Jahr werden diese Abfragen durchgeführt. Der Weltradsportverband UCI kündigte hingegen erst in diesem Frühjahr an, mit einer eigenen Datensammlung zu Sicherheitsproblemen beginnen zu wollen. Die Frauen als Pionierinnen. Vielleicht ja ein erstes Anzeichen für den beginnenden Kulturwandel.

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