Montag, 22. April 2024

Archiv

Radsport
Wie Fahrer aus Afrika den Radsport aufmischen

Der afrikanische Radsport kommt ins Rollen. Talente aus Äthiopien, Südafrika und vor allem Eritrea erhalten Profiverträge. Die Straßenrad-WM 2025 wurde an Ruanda vergeben. Und beim Giro d'italia wird deutlich: Auch den ersten großen Siegfahrer hat der Kontinent in Biniam Girmay aus Eritrea bereits.

Von Tom Mustroph | 22.05.2022
Biniam Girmay reißt die Arme hoch, als er ins Ziel fährt.
Jubel auf der Ziellinie: Biniam Girmay gewinnt eine Etappe beim Giro. (IMAGO/Independent Photo Agency)
Afrika hat seinen ersten großen Radstar. Biniam Girmay heißt er, und er verblüfft mit seiner Explosivität und Unbekümmertheit die Szene. Das Klassikerrennen Gent – Wevelgem gewann er gleich im ersten Anlauf. Er kannte nicht einmal die schwierigen Pflastersteinabschnitte vom Training. Bei ihm vereint sich Talent mit Unerschrockenheit.
Girmay sagt selbst: "Ja, tatsächlich, ich kam einfach nur für ein gutes Resultat zum Rennen. Wir haben nicht mit Top 3, nicht einmal mit Top 5 gerechnet. Wir wollten nur ein gutes Rennen machen. Das ist enorm."

Girmay Sprintsieger gegen van der Poel

Als er nach gut einem Monat Rennpause zurück nach Europa kam, empfing ihn beim Eintagesrennen Eschborn - Frankfurt eine begeisterte Fangemeinde. Der Klassikersieg in Belgien machte ihn zu einem Idol. Beim kurz darauf beginnenden Giro d’Italia legte der Profi des belgischen Rennstalls Intermarche Wanty Gobert nach.
Biniam Girmay hält sich das Auge, der Champagner sprudelt aus der Flasche.
Verletzung bei der Feier: Biniam Girmays Auge nahm durch den Champagnerkorken Schaden. (IMAGO/Independent Photo Agency)
Bei der ersten Etappe in Budapest wurde er nur ganz knapp vom Superstar Mathieu van der Poel geschlagen. Anderthalb Wochen später drehte er den Spieß um. In einem langen Sprint bezwang er van der Poel. Girmay war erneut ein historischer Moment geglückt. Zum ersten Mal gewann ein Man of colour vom afrikanischen Kontinent eine Etappe bei einer der drei großen Rundfahrten.

Erster afrikanischer Teamkapitän

Groß waren die Emotionen bei der Siegerehrung. Allerdings geschah dort auch ein Missgeschick. Beim Öffnen der Sektflasche flog der Korken ins Auge des Siegers. Girmay musste ins Krankenhaus. Auf Instagram gab Girmay später Entwarnung:
"Ich bin ein bisschen traurig darüber, was mit dem Champagner passierte. Aber als ich zurück kam ins Hotel, waren alle glücklich. Sie waren auch besorgt. Aber als ich ok aussah, waren alle froh. Das Rennen konnte ich leider nicht fortsetzen, denn mein Auge braucht Ruhe muss wieder zu Kraft kommen."

Redaktionell empfohlener externer Inhalt

Mit Aktivierung des Schalters (Blau) werden externe Inhalte angezeigt und personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt. Deutschlandradio hat darauf keinen Einfluss. Näheres dazu lesen Sie in unserer Datenschutzerklärung. Sie können die Anzeige und die damit verbundene Datenübermittlung mit dem Schalter (Grau) jederzeit wieder deaktivieren.

Zur nächsten Etappe trat er nicht mehr an. Ein Schlag für seinen Rennstall. Der sportliche Leiter Valerio Piva: "Wir haben jetzt unseren Kapitän verloren. Das ist traurig, weil wir Ambitionen haben. Aber der Giro geht weiter. Wir haben Fahrer in  Topform und wollen mehr erreichen."
Piva erwähnt hier eine weitere Neuigkeit im Verhältnis von Profiradsport und Afrika. Denn mit Girmay ist zum allerersten Mal überhaupt ein afrikanischer Fahrer Kapitän eines europäischen Profirennstalls bei einem großen Rennen. Zuvor waren sie bestenfalls Helfer, eingekauft vor allem, um den Radsport diverser zu machen, und auch, um die Sponsoren in Afrika bekannter zu machen. Für Girmay arbeitete bis zu seinem Ausscheiden aber das gesamte Team.

2015 für Kudus der Schlüssel

Diese Veränderung der Wertigkeiten spürt auch Merhawi Kudus. Er stammt ebenfalls aus Eritrea, dem Radsportland schlechthin in Afrika. Die Liebe zum Radsport ist ein Erbe aus der italienischen Kolonialzeit.
Kudus fährt jetzt beim Giro. Und er war auch in der ersten großen Stunde des afrikanischen Radsports dabei. 2015 trat er gemeinsam mit seinem Landsmann Daniel Teklehaimanot als erster schwarzer Sportler aus Afrika bei der Tour de France an. Teklehaimanot trug sogar für einige Tage das Bergtrikot der Tour.
Merhawi Kudus fährt in Schräglage durch eine Kurve.
Afrikanische Fahrer mischen den Radsport immer mehr auf. 2025 findet die Rad-WM in Ruanda statt. (IMAGO/Sirotti)
"Als wir mit Daniel die erste Tour de France fuhren 2015, war die Atmosphäre enorm. All die Feierlichkeiten danach mit dem Präsidenten, den Ministern – so etwas habe ich nie wieder erlebt, auch nicht als Bini Gent - Wevelgem gewann oder WM-Zweiter wurde. Diese Atmosphäre damals war der Schlüssel, um die Tür zu öffnen, für alle von ihnen, auch für Bini. Er war damals ja noch ein Kind."

Neue, bessere Strukturen

Der Erfolg von 2015 veränderte den Radsport in Eritrea, sagt Kudus: "Das Training ist jetzt sehr professionell, mit Intervallen und Ruhezeiten. Die lokalen Teams haben Wohnungen für die Fahrer, sie behandeln sie wie Profis. Das ganze Management der Fahrer in Eritrea wurde verändert. Die Fahrer sind jetzt noch mehr zu Kämpfern geworden. Und sie werden ermuntert, Profis zu werden. Denn sie sehen, was die Zukunft für sie bereithält. Biniam ist einer von ihnen."
Kudus ist überzeugt, dass ihm noch viele andere nachfolgen können. Aus Eritrea, aber auch aus Ruanda. Im modernen Radsportleistungszentrum in Ruanda trainierte in diesem Frühjahr bereits der estnische Radprofi Rein Taramäe. Der frühere Etappensieger bei Giro und Vuelta war des Lobes voll über die Infrastruktur. In Ruanda wird 2025 auch die Rad-WM ausgetragen, das erste Mal auf afrikanischem Boden. Eritrea möchte dort mit Biniam Girmay den Titel holen.