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Radsport
Viele Aufgaben für die Katarrundfahrt der Frauen

Seit 2009 fahren Radsportlerinnen im kurzen Dress durchs muslimische Katar. Anfangs ein Schock, ist die "Ladies Tour of Qatar" inzwischen eine liebgewordene Routine für Teilnehmerinnen und Veranstalter. Doch die ganz großen Veränderungen bleiben aus.

Von Tom Mustroph | 07.02.2015
    Radfahrerinnen posieren vor der Skyline von Doha bei der Ladies Tour of Qatar
    Radfahrerinnen posieren vor der Skyline von Doha bei der Ladies Tour of Qatar (Tom Mustroph)
    Neben dem Parcours röhren die Motoren der Buggies, mit denen Katars Jugend durch die Dünen pflügt. Ein feiner Sandschleier legt sich über Asphalt und Gesicht, wenn der Wind über die Wüste fegt. Beleuchtet wird die Szenerie von Flammen aus den Türmen der Raffinerien. Hier entsteht der Reichtum, der es dem Wüstenstaat erlaubt, Radrennen auf Pro Tour-Niveau der UCI auszurichten. Und wer mag, kann sich die lodernden Flammen auf den Raffinerien als gigantische olympische Feuer zurechtgucken. Radsport in Katar ist anders als in Europa. Bei den Sportlerinnen ist die Katarrundfahrt dennoch ziemlich beliebt.
    Lisa Brennauer, Weltmeisterin im Zeitfahren: "Es ist immer ein angenehmer Start in die Saison hier. Noch einmal Wärme, bevor es mit den Frühjahrklassikern losgeht und auch das Hotel ist super. Es ist eigentlich immer ein ganz cooler Saisonauftakt."
    Auch Teamkollegin Trixi Worrack ist beglückt. "Es ist etwas ganz anderes als das ganze Jahr über. Es ist einfach hier anzureisen, keine langen Transfers, schönes Hotel. Es war von Anfang an richtig gut organisiert."
    Attraktive Siegprämien
    Die lukrativen Siegprämien finden die Fahrerinnen ebenfalls prima. 1200 Euro erhielt Gesamtsiegerin Elizabeth Armitstead, insgesamt werden über 20.000 Euro in den vier Tagen ausgeschüttet. "Das ist gut. So könnte das immer sein. Aber die anderen Veranstalter können sich das wohl nicht leisten.", meint Trixie Worrack. Mit einem zweiten Etappenplatz und Rang vier im Gesamtklassement erhielt sie hier auch ihren Anteil.
    Für den Wüstenstaat spielt Geld keine Rolle. Er bastelt an einer Zukunft nach dem Öl mit Schwerpunkten in Bildung, Sport und Entertainment. Radsport ist ein Baustein. "Im Nahen Osten war Katar das erste Land, das mit Radsport begann. Dann kamen Oman und Dubai. Das ist gut für den Radsport", sagt Eddy Merckx.
    Der Belgier organisierte gemeinsam mit Tour de France-Ausrichter ASO und den katarischen Gastgebern 2002 die erste Männerrundfahrt und ließ 2009 das Frauenrennen folgen. Das Engagement hat Folgen. Mehrere Radpisten sind in der Wüste angelegt. Erste Fahrradwege sind im Stadtgebiet zu sehen. In den Fahrradläden kaufen inzwischen nicht nur Gastarbeiter aus Europa und Nordamerika, sondern auch immer mehr Einheimische ein. Aber es ist ein langsamer Prozess. Die Kataris seien vom Kamel direkt aufs Auto umgestiegen, ohne den Weg über das Fahrrad zu nehmen, bringt ein hiesiger Fahrradhändler die Sache auf den Punkt.
    Dass Radsport weiterhin exotisch ist, weiß auch Ronny Lauke, sportlicher Leiter von Brennauer und Worrack: "Es ist natürlich kein traditionelles Radsportland. Aber die hiesige Politik findet das gut. Die wollen die Gleichstellung zwischen den Geschlechtern fördern. Das ist das Interessante hier. Das wird ja in der arabaischen Welt nicht unbedingt als normal angesehen, dass Frauen in Lycra über die Straßen fahren."
    Nackte Frauenbeine verstörten anfangs
    Der Anblick der engen Renntrikots, die auch viel Bein frei lassen, führte am Anfang durchaus zu Verstörungen. "Im ersten Jahr als ich hier war, war es wirklich neu für sie. Sie haben sehr nach uns angeschaut, auch als wir uns auf der Straße umgezogen haben. Das war schon etwas beängstigend. Aber jetzt ist das normaler geworden und die Leute schauen mehr aufs Rennen", meint Amy Pieters vom Liv Plantur-Rennstall und beim Rennen mit der Nummer 1 unterwegs.
    Im Bewusstsein bleibt dennoch, dass frau sich hier in einem anderen Land mit einer anderen Kultur bewegt. Und dass Aufmerksamkeit angebracht ist. "Es ist auf jeden Fall so, dass man die ganzen Regeln, die Kleiderordnung im Hinterkopf behalten sollte, gerade wenn wir uns hier bewegen in dieser Kleidung und uns auch nach dem Rennen umziehen sollen, dann ist das schon was, was man im Hinterkopf behalten sollte", erzählt Lisa Brennauer.
    Dem internationalen Frauenradsport verhilft das Rennen in Katar vor allem wegen der Einbindung in die Infrastruktur der Männer zur weiteren Entwicklung. Geld für den Frauenradsport kommt aber auch aus anderen Quellen: von Sponsoren, die Frauen als Konsumenten im Auge haben. "Das ist ja das Hauptsächliche. Es ist in vielen Haushalten so, dass da die Frauen die Entscheider sind. In vielen Firmen ist es so, dass die Frauen an den Schnittstellen arbeiten. Es ist eigentlich das Ziel, diese Personen zu erreichen. "
    Sportliche Niveau in Katar lässt noch zu wünschen
    Mehr Sponsorengeld schafft bessere Strukturen und erhöht auch das sportliche Niveau. Nur in Katar selbst hapert es daran noch. Eddy Merckx hält Katars Frauennationalmannschaft für zu schwach, um überhaupt im Peloton mitzuhalten. "Sie sind noch sehr jung und sie haben sehr viel zu arbeiten, denn das Niveau im Frauenradsport ist sehr hoch."
    Bis zur Rad-WM 2016, die hier in Doha stattfinden wird, ist da noch viel zu tun. Oder der Verband kauft sich die Sportler aus anderen Ländern, wie jüngst im Handball.