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Radsport-Weltverband
Zweifel an echtem Aufklärungswillen

Der Radsport-Weltverband UCI ist bemüht, das Image eines sauberen Sports zu unterstreichen und demonstriert neue Transparenz. Dazu hatte er auch eine Untersuchungs-Kommission eingerichtet. Aber das, was nun über den CIRC bekannt wird, lässt an dem unbedingten und vollständigen Aufklärungswillen eher zweifeln.

Von Thomas Kistner, "Süddeutsche Zeitung" | 03.07.2015

    Eine Aufnahme der 79. Tour de Suisse (19.Juni 2015). Radfahrer fahren hintereinander einen Hang hoch.
    Eine Aufnahme der 79. Tour de Suisse (19.Juni 2015) (Jean-Christophe Bott, dpa picture-alliance)
    Der Radsport-Weltverband UCI schwört seine Fans auf eine saubere Zukunft ein. Um die neue Transparenz zu untermauern, hatte er eine Untersuchungs-Kommission namens CIRC mit einem Etat von 2,4 Millionen Euro zur Aufarbeitung aller Dopingsünden ausgestattet. Im März wurde der CIRC-Report als Meilenstein der Selbstreinigung gefeiert. Die Kommission attackierte die früheren UCI-Chefs Hein Verbruggen und Pat McQuaid und gab Empfehlungen.
    Nun gerät sie selbst in trübes Licht. Ex-Profis und Dopingsünder berichten, dass sie der CIRC konkrete Vorgänge und Namen geliefert hätten, ohne dass es Konsequenzen gegeben habe. Der Italiener Riccardo Ricco sagt, er habe er bei der CIRC in einer siebenstündigen Sitzung über Profis, Offizielle und Ärzte ausgepackt. Über den Sportdirektor eines heutigen Erstliga-Teams, der gewusst habe, wie ein Athlet mit Hilfe des Teamarztes gedopt wurde, oder über die Spritzen eines Fahrers, der als Anti-Doping-Kämpfer gelte. Der deutsche Ex-Profi Jörg Jaksche will bei der CIRC zwei Ärzte belastet haben, die bei den aktuellen Spitzenteams der Tour mitwirken. Auch der gesperrte Patrick Sinkewitz hatte sich Mitte 2014 auf Anfrage der Circ bereit erklärt, "Wichtiges und Aktuelles" auszuplaudern. Erst sei die CIRC stark an seinem Themenangebot interessiert gewesen. Tage später brach der Kontakt völlig ab. Erst Monate später, auf Sinkewitz´ Drängen, habe sich die CIRC wieder gemeldet. Ein Treffen habe sie aber an der banalen Frage scheitern lassen, wer für das Gespräch zu wem reisen solle.
    Tat die üppig ausgestattete CIRC im Fall Sinkewitz alles, um an dessen Informationen zu gelangen? Der deutsche Anwalt Ulrich Haas, Vize-Vorsitzender der CIRC-Kommission, äußerte sich auf Anfrage dazu ebenso wenig wie zu den Vorwürfen anderer Zeugen. Dabei beruft er sich auf eine für die CIRC vereinbarte Vertraulichkeit. Zudem gäbe es die Kommission ja gar nicht mehr. Das beharrliche Schweigen auf so heftige Vorwürfe nährt jedoch den Verdacht, dass die Kommission, die mit viel öffentlichem Rummel installiert wurde, selektiv mit Informanten und Informationen umgegangen sein könnte. In ihrem Report benennt die CIRC selbst namentlich 135 der insgesamt 174 Personen aus der Radsportwelt, die sie befragt hat.
    Jetzt aber, im Hinblick auf Vorwürfe von Athleten, die gleichfalls keine Vertraulichkeit anfordern, soll das nicht mehr möglich sein. Dieses Taktieren spricht nicht für neue Transparenz, es knüpft eher an die Omertá an: An das alte Schweigebündnis im Radsport.