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RadsportZwischen Altlasten und Neuorientierung

Die Radsportsaison beginnt traditionell in Australien. Während sich in Deutschland viele über eine Renaissance des Radsports freuen, laboriert die Sportart immer noch an ihrer Dopingvergangenheit - zu allem Überfluss droht noch ein Machtkampf zwischen Teams, Veranstaltern und dem Weltverband.

Von Holger Gerska | 25.01.2015

Saisonstart in Australien. Auf den ersten Blick - Business as usual. Wieder pilgerten Hunderttausende an den sieben Wettkampftagen an die Strecken Rund um Adelaide - ein Sommerfest, zumal die Australier auch sportlich mit Platz 1 bis 3 dominierten. Aber es gibt auch den zweiten Blick und der gehört der Startliste. Dem Weltradsportverband ist es erstmals nicht gelungen, seine auf 18 Teams ausgerichtete World Tour vollzubekommen - es sind nur noch 17, darunter die Skandaltruppe von Astana. Trotz der fünf Dopingfälle in den letzten Monaten erhielten die Kasachen für viele überraschend die Lizenz für 2015. Auch der achtmalige Tour-de-France-Etappensieger Marcel Kittel muss das wohl oder übel akzeptieren: "Letzten Endes hat die UCI ja an der Stelle einfach eine Entscheidung gefällt, weil sie auch ein bisschen in ihrem eigenen Reglement gefangen waren. Sie hatten keine wirkliche Möglichkeit scheinbar um eine andere Entscheidung vielleicht herbeizuführen, wie auch immer die aussehen kann und deswegen muss man jetzt erst mal damit leben."
Offensichtlich wäre ein Ausschluss der Astana-Mannschaft vom Sportgerichtshof CAS gekippt worden. Zu schwammig formuliert ist das Reglement des Weltverbandes. Dessen Präsident Brian Cookson - Stammgast bei der Tour Down Under - gelobt Besserung. Zu spät für Astana, aber immerhin: "Wir haben ja nun einen neuen WADA-Code, damit können wir jetzt arbeiten. Und wir haben seit Beginn des Jahres neue UCI-Anti-Doping-Regeln. Wir nehmen die Probleme schon ernst und versuchen die neuen Regeln effektiv zu nutzen. Aber ehrlich: Wir sind doch nicht der einzige Sport, der solche Probleme hat. Nur im Gegensatz zu anderen haben wir viel geändert und glauben Sie mir, wir werden die Früchte in den nächsten Jahren ernten."
Brian Cookson während einer PK.
UCI-Präsident Brian Cookson. (Laurent Gillieron, dpa)
Bei Astana mischen viele überführte Ex-Doper mit
Wie eiskalt Astana mit der Kritik eines großen Teils der Radsportszene umgeht - zeigt die Startliste dieser Tour Down Under. Teammanager ist immer noch der Doper Alexander Winokurow. Als sportlicher Leiter fungiert hier in Australien der Slowene Gorazd Stangelj - zu aktiven Zeiten überführter Doper. Und Kapitän ist Luis Leon Sanchez - Doper unter den Fittichen des spanischen Arztes Fuentes. Marcel Kittels deutscher Teamkollege John Degenkolb rang schon bei der Präsentation seines Giant-Teams hörbar um Fassung: "Ich will da jetzt auch nicht irgendwelche Reden schwingen, aber ich bin damit mehr oder weniger nicht einverstanden."
Trotzdem fährt Astana mit, wie vier bis fünf andere Teams mit zwielichtigem Leumund. Ihnen gegenüber stehen Mannschaften mit klaren Aussagen im Anti-Doping-Kampf, ohne Altlasten - mit gnadenloser Offenheit. Nur die Arbeitsplätze in diesen Teams sind begrenzt. Der junge deutsche Profi Rüdiger Selig hat sich durchgerungen, für die russische Katjuscha-Mannschaft zu fahren: "Man muss da einfach drüberstehen. Das ist halt irgendwo, klar ist es Scheiße für den Sport und ich kann da auch nicht hinter gucken. Ich weiß nicht, wie das bei den Teams abläuft. Es ist halt immer einfach gesagt, alle über einen Kamm zu scheren. Ich weiß nur, dass ich sauber bin. Mehr kann ich auch nicht sagen."
Zwei der 17 World-Tour-Mannschaften sind in Russland lizensiert, neben Katjuscha - ohne die ganz großen Skandale - auch noch Tinkoff unter der sportlichen Leitung des Dopers Bjarne Riis und mit Alberto Contador als Kapitän - ebenfalls des Dopings überführt. Der UCI-Präsident Brian Cookson räumt die Image-Probleme - aktuell durch Astana - sogar ein: "Das ist ein klares finanzielles, ökonomisches Problem. Sponsoren, die Teams, die Medien. Sie können das doch in Deutschland sehen: Nur wenn Sie sauberen Sport bieten, wenn Sie die sauberen Athleten schützen, werden Sie auch wirtschaftlichen Erfolg haben - dann kommen die Sponsoren zurück. Und das meine ich mit moralisch-ethischem Gewinn."
Radsport-Renaissance in Deutschland
Keine Frage, die Branche labt sich an der Radsport-Renaissance in Deutschland. Das ist die gute Nachricht für die Szene am Beginn der Saison. Aber es gibt auch schon wieder eine schlechte. Der Weltradsportverband plant nach Ende der nächsten Saison - also bis Anfang 2017 eine umfassende Reform von Teams und Rennen und hat das im Winter beschlossen, ohne die Teams und deren Geldgeber zu fragen. Hier bei der Tour Down Under äußerte sich stellvertretend für viele der Chef des BMC-Teams, der Schweizer Andy Rihs. "Das wird da irgendwie ausgeknobelt und ich glaube an Widerstand gegen solche Reformen einfach aus dem Bauch raus. Was nicht geht, ist einfach an den Teams vorbei zu diskutieren. Weil wir haben die Fahrer, die wir auf der Pay Roll haben und das geht einfach nicht."
Kurz gesagt beinhaltet die Reform eine Neustrukturierung des Kalenders. Die erste Liga des Radsports soll auf zwölf Teams verkleinert werden, so viele Topsponsoren werden sich wohl finden - mit nur noch 24 Fahrern pro Mannschaft. Es dürfte zeitnah ein Gerangel um die Arbeitsplätze in der World Tour Division 1 ausbrechen. Klingt wie eine Aufforderung zum Doping. Der gerade zurückgetretene Jens Voigt - jetzt in der sportlichen Leitung des Teams Trek glaubt an heiße Diskussionen in den nächsten Monaten. "Ich bin sicher, dass da ist noch nicht in Stein gemeißelt. Das ist jetzt erst mal meine persönliche private Meinung. Das ist erst mal so ein Testschuss gewesen, zu gucken wie sind die Reaktionen, was denken die anderen. Da passiert sicher noch einiges an Modifikationen."
So richtig zur Ruhe kommt der Radsport also nicht. Nach Jahren der Dopingskandale könnte ein neuer Machtkampf zwischen Teams, Veranstaltern und Weltverband dieses Jahr mit prägen - auch wenn die Saison in Australien äußerst stimmungsvoll begonnen hat.