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Rätseln um Stuttgarts Wut-Bürger

Die Zahl der ganz normalen Stuttgarter, die gegen das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 auf die Straße gehen, ist seit Beginn der Schlichtung deutlich kleiner geworden. Ist die Wut der Wut-Bürger verraucht, oder liegt es am zeitweiligen Baustopp der Bahn?

Von Michael Brandt |
    Lautstark forderten die Stuttgart-21-Gegner am Dienstag dieser Woche einen erneuten Baustopp beim Tieferlegen des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Aber auch die Trommeln konnten am Ende nichts daran ändern, dass es nur ein Häuflein von knapp 300 Gegnern war, die da vor einer Baustellenzufahrt protestierten - kein Vergleich zu den Zehntausenden, die im vergangenen Herbst auf die Straße gegangen sind. Und dies, obwohl die Bahn bei der Wiederaufnahme der Bauarbeiten nicht gerade diplomatisch vorgegangen war. Die offizielle Erklärung der Gegner für den eher dünnen Protest lautet so:

    "Analog wie die Bahn ihr Projekt hochfährt, werden wir zum Widerstand aufrufen. Das heißt, dass es auch wieder Großdemos geben soll. Das machen wir davon abhängig, wie die Bahn hier weiter eskaliert."

    sagt Hannes Rockenbauch, der Sprecher des Aktionsbündnisses gegen Stuttgart 21. Wenig Bauarbeiten, wenig Protest, so die Logik, und wenn die Bahn dann vermutlich nach dem Stresstest Mitte Juli richtig loslegt, zum Beispiel mit dem Abriss des Bahnhof-Südflügels, viel Protest - so sieht das auch der Sprecher der sogenannten Parkschützer, Matthias von Hermann:

    "Ich denke, dass wir diesen Sommer einen ähnlichen Protestsommer sehen werden wie 2010, wenn die Bahn es wagt, hier weiterzubauen."

    Es klingt zumindest ähnlich, was Rockenbauch vom Aktionsbündnis und von Hermann von den Parkschützern da erklären, was aber nichts daran ändert, dass auch die organisierten Gegner von Stuttgart 21 keineswegs eine homogene Gruppe sind. Man denke etwa daran, dass das Aktionsbündnis an der Schlichtung teilgenommen hat, die Parkschützer aber währenddessen demonstriert haben. Kein Zweifel, dass die eine Gruppierung radikaler, die andere diplomatischer ist, im gemeinsamen Kampf gegen den Bahnhof. Im Nachhinein bezeichnen die Gruppen selbst die unterschiedlichen Haltungen als Aufgabenteilung. Brigitte Dahlbender vom Aktionsbündnis:

    "Jeder im Widerstand spielt seine Rolle, und die spielt er gut. Das Aktionsbündnis hat ja eine ganz andere Zusammensetzung wie Parkschützer oder auch freie Gruppen, und das A und O ist, miteinander zu kommunizieren und sich im Widerstand gegenseitig zu verstärken."

    Auch wenn dies zur Zeit der Schlichtung so war, so räumen auch die Gegner ein, dass es Anfang Dezember nach der Schlichtung unterschiedliche Positionen gab, wie es mit dem Widerstand gegen den Bahnhof weiter gehen soll. Hannes Rockenbauch etwa stellt fest:

    "Das galt kurz nach dem Faktencheck, da ist wirklich eine Beruhigungssituation eingetreten, da gab es sehr viel Vertrauen für den Schlichter."

    Und Werner Wölfle, grüner Landtagsabgeordneter, Fraktionsvorsitzender im Stuttgarter Gemeinderat und Urgestein des Stuttgart-21-Widerstandes beschreibt die unterschiedlichen Positionen so:

    "Differenzen gab es dann in dieser Zwischenphase. Was passiert, solange eigentlich nichts passiert. Dann kann man ja auch den Protest etwas zurückfahren, war die eine Einschätzung die anderen waren da eher unbeugsamer."

    Dennoch stellen beide - sowohl Rockenbauch wie der gemäßigtere Wölfle - fest, dass sich die Reihen mittlerweile wieder geschlossen haben, und zwar spätestens nach der Ankündigung der Bahn vom vorigen Freitag, noch vor dem Stresstest weiterzubauen:

    "Jetzt, nachdem die Bahn sich an den Geist der Schlichtung nicht hält, sondern irgendwie den großen Maxe spielt, ist das Zusammengehörigkeitsgefühl wieder größer."

    Das Zusammengehörigkeitsgefühl beim organisierten Widerstand gegen Stuttgart 21 wohlgemerkt. Was das aber für die breite Unterstützung aus der Bevölkerung bedeutet, ist im Augenblick eher unklar. Zwar waren vor einigen Wochen wieder einmal mehrere Tausend Stuttgarter auf einer Montagsdemo, aber Fakt ist dennoch, dass die Zahl der ganz normalen Stuttgarter, die gegen den Bahnhof auf die Straße gehen, seit Beginn der Schlichtung deutlich kleiner geworden ist. Dafür gibt es zwei Erklärungen: Die erste ist die der Parkschützer und des Aktionsbündnisses, nämlich dass es weniger waren, weil die Bahn nicht gebaut hat und dass es nun wieder mehr werden, weil sie wieder baut, bis hin zum heißen Sommer. Auch der grüne Verkehrsminister und Stuttgart 21-Gegner Winfried Herrmann stellt fest:

    "Im Moment ist es so, dass der Protest nicht massenhaft sichtbar ist, aber man braucht ja nur ein bisschen durch die Stadt laufen, und dann stellt man fest, in wie viel Fenstern die Aufkleber zu Stuttgart 21 sind oder an wie viel Autos 'kein Stuttgart 21' klebt."

    Die andere Erklärung ist, dass mit der Schlichtung und vor allem mit der Landtagswahl der Dampf raus ist aus dem Widerstand gegen Stuttgart 21. Es wäre immerhin denkbar, dass sich auch bei vielen Stuttgartern die Einsicht durchsetzt, dass bei der Volksabstimmung gegen Stuttgart 21 kaum die nötigen Stimmen zusammenkommen werden, um den Bau zu verhindern. Dass man mit dem Massenprotest den Bahnhof zwar nicht verhindern konnte, aber dass man mit dem Erreichten irgendwie dennoch zufrieden sein kann. Denn das ist nicht wenig: die Schlichtung und das Ergebnis der Landtagswahlen. Werner Wölfle stellt fest:

    "Die Unzufriedenheit über dieses Projekt ist ja nicht geringer geworden. Ich stelle aber bei vielen Menschen, die im Widerstand gegen dieses Projekt waren, zumindest eine Zufriedenheit fest, dass wir wenigstens eine neue Landesregierung haben, und ansonsten ist man erbost über die Bahn."

    Da könnte etwas dran sein. Wenn die Bahn vor der Volksabstimmung im Oktober massive Baumaßnahmen wie den Abriss des Südflügels oder Tunnelbauarbeiten angeht, könnte es ein zweiter Protestsommer werden in Stuttgart. Wenn sie allerdings zurückhaltend und im Geiste der Schlichtung agiert, wäre auch denkbar, dass der Protest leiser wird und die Oben-bleiben-Rufe seltener werden.