Donnerstag, 01. Dezember 2022

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Rainald Grebes "Frankfurt"
Nummernrevue der Klischees

Rainald Grebe lässt in Frankfurt die Puppen tanzen: Der Liedermacher und Kabarettist stellt an einem musikalisch-theatralischen Abend über Frankfurt die beiden namensgleichen Städte vom Main und von der Oder gegenüber. Leider wärmt er nur alte Stereotypen auf - anstatt sie zu hinterfragen.

Von Cornelie Ueding | 02.11.2014

    Rainald Grebe in Berlin.
    Rainald Grebe in Berlin. (picture alliance / dpa / Bernd von Jutrczenka)
    Frankfurt Oder - oder Frankfurt Main - das ist hier die Frage. Um sie zu beantworten, zieht Regisseur Rainald Grebe viele Register und lässt die Puppen tanzen: Eine Oder-Störchin im Tutu gibt wibbelig zuckend den sterbenden Schwan, während ein aufgeregtes Moderatoren-Duo die katastrophale demografische Rückentwicklung mit Menetekel-Schrift an die Wand malt: In 100 Jahren wird es Frankfurt an der Oder demnach gar nicht mehr geben. Ein Drittel der Bewohner ist seit der Wende schon weggezogen, nur die Alten bleiben - Projektionen zeigen Plattenbauten, Abrisshäuser, verfallende Neubauten, heruntergekommene Kinos, verödete Innenstadtstraßen. Im Kontrast zu der Dauer-Depressionszone Frankfurt/Oder bugsiert ein quirliger Guide amerikanische, spanische oder japanische Touristenherden durch das boomende Main-hatten und betet ihnen das Evangelium der Banken - bevor man dann doch beim Äppelwoi landet - gleich in drei Sprachen vor.
    Atemberaubendes Tempo
    Und so geht's in dieser rasanten Nummernrevue der Klischees in atemberaubendem Tempo weiter. Archive werden leporelloartig durchforstet, Bilder von Frankfurt Ost und Frankfurt West verglichen und zum Ratespiel mit Gewinnchancen gemacht, Spuren gesucht, Orte besucht, Erinnerungen ausgekramt, Zeitzeugen auf abgewetzten Kinosesseln platziert und befragt.
    Schön auswendig gelernt dürfen sie ihre transkulturellen west-östlichen Viten erzählen. Die Dagebliebenen verweigern die Aussage, zeigt ein eingespieltes Video. Und auch denen, die vielleicht gerne mehr über ihre Erfahrungen mit verzweigten Ausreise- und Ausbildungswegen und dem Neuanfang im Westen sagen würden, wird der Saft abgedreht: Eine neue Stimme weht von irgendwoher herein, Fetzen von Politikerreden fahren dazwischen - bevor auch die wieder gelöscht werden. Ein Rimini-Protoköllchen. Alles schon x-mal gehört, selbst Schnipsel haben einen Wiedererkennungswert. Durchaus zum Gaudium des Publikums verdichtet sich das Katastrophenszenarium Ost, gespeist aus der verpfuschten Nachwende-Ökonomisierungs-Strategie des Westens: Die in Frankfurt Oder etablierte Halbleiter-Industrie - zugrunde rationalisiert; geplatzt der Traum von Silicon Saxony wie der von Solar Valley - ein Millionengrab. Allenfalls für Momente darf ein wenig nostalgische Erinnerung durchschimmern, denn das Ganze ist einfach schon eine Lichtjahre alte Geschichte. Aber irgendwie dann auch wieder hautnah.
    Einseitiges Potpourri
    Wenn zum Beispiel zwei ehemals Ost-, mittlerweile West-Frankfurterinnen Mutterns Rezepte in einer vom Conférencier verulkten Koch-Show nachkochen. Doch es wäre übertrieben zu sagen, diese Munterkeits-Revue würde einem nahegehen. Zu lang für kurze Schlaglichter sind die einzelnen Takes geraten, zu beliebig, um Bedeutungen erkennen zu können, zu weichgespült die Aussagen. Der theatralische Kessel Buntes gerät zu einem eher einseitigen und eingängigen Potpourri: Der geplünderte Planet Frankfurt Oder wird zwar bis zu den Ruinen des abgewickelten, altehrwürdigen Kleist-Theaters vorgeführt, doch die Neonazis bleiben ausgespart. Und auf eine entsprechend kritische Sicht auf die, nicht nur aus Rainer Werner Fassbinders Sicht Müll, Stadt und Tod-Stadt Frankfurt/Main wartet man vergebens. Kein Wort über die Misere der Bankenkrise und die plündernde Gier der Banken. Noch nicht mal ein Witzwort über Wohnraumpreise, keines über Spekulation und Abzocke im ganz großen wie im kleinen Stil - mit Folgen für die Kleinen. Ein schlichtes "Ich fühl mich wohl in Hessen" ist doch etwas wenig, selbst wenn ein Laie dieses Bekenntnis ablegen muss.
    Und so bleibt der Schwarze Peter des Debakels, der Enge und Spießigkeit allem guten Willen zum Trotz einmal mehr im Osten. Man darf schon fragen, ob der geballte Einsatz von Storch, Guide & Co, so virtuos wie diese drei Künstler agieren, nicht mehr wert gewesen wäre als ein temporeiches Klimbim: Einfach, indem man die Stereotypie der Stereotypen wirklich einmal hinterfragt hätte, statt sie wieder und wieder aufzuwärmen und bloß witzelnd zu präsentieren.