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Raketenabwehr und Realpolitik

Tschechiens Regierung unterstützt den Bau von Radaranlagen für die US-Raketenabwehr in seinem Land. Doch vor Ort regt sich Widerstand. Anwohner fürchten Gesundheitsgefahren. Peter Hornung berichtet.

    Wenn im Bürgermeisteramt von Trokavec das Telefon klingelt, dann geht es sehr wahrscheinlich nur um ein Thema: die Radarstation, die unweit vom Dorf gebaut werden soll. Wann Aktionen geplant seien, fragt die Anruferin. Bürgermeister Jan Neoral ist da bestens informiert.

    Jan Neoral ist ganz allein in seinem Amt. Eine Sekretärin gibt es nicht, und die Arbeit als Bürgermeister machte der Rentner bislang nebenher. Kein Problem, denn der 98-Seelen-Ort machte ihm nicht viel Arbeit. Machte, denn seit dem vergangenen Jahr ist alles anders. seit Washington seine Raketenabwehrpläne bekannt gab. Seither macht der 65-Jährige dagegen mobil - zusammen mit weiteren Dorfbürgermeistern aus der Gegend.

    "Wir arbeiten zusammen mit der Initiative gegen die Stationierung und mit der Initiative für ein Referendum und außerdem mit der Liga der Bürgermeister, 86 Bürgermeister haben sich schon gegen das Radar ausgesprochen. Wir haben an keiner Protestveranstaltung gefehlt."

    Sie verlangen eine Volksabstimmung, und dabei wissen sie nicht nur die Bevölkerung ihrer Dörfer hinter sich. Gut zwei Drittel aller Tschechen sind Umfragen zufolge gegen die Radarstation. In Trokavec hatten sie letztes Jahr mal ein Dorf-Referendum veranstaltet. Bis auf einen sagten alle Nein zum Radar, auch diese Einwohnerin.

    "Ich will hier keine fremde Soldaten haben. Früher hatten wir hier die Russen, und das ganze Gebiet war militärischer Sperrbezirk. Und jetzt sollen wieder neue Soldaten kommen? Da werden wir doch auch Ziel für Terroristen."

    Vor Anschlägen haben sie Angst und auch vor den gelegentlichen Drohungen russischer Militärs, Raketen auf Tschechien auszurichten. Und sie fürchten auch krank zu werden. Nicht ganz zu Unrecht, sagt Bürgermeister Neoral.

    "Die Leute haben Angst vor den gesundheitlichen Folgen des Radars, weil selbst renommierte Hochschulen inzwischen festgestellt haben, dass das Radar mit seiner hohen Leistung schädlich sein kann: Neugeborenendefekte, Leukämie, eine gestörte Blutbildung."

    Die Regierung nehme die Ängste nicht ernst. Man wiegle ab und veranstalte billige PR- Aktionen. Besonders auf den konservativen Premier Mirek Topolanek ist Bürgermeister Neoral gar nicht gut zu sprechen. Topolanek habe sich schon früh für die US- Pläne ausgesprochen, ohne sich um die Stimmung im Volk zu kümmern. Und die unmittelbar Betroffenen habe man ohnehin nicht gefragt.

    "Die Regierung hat sich nicht an uns gewandt, sie hat nicht direkt mit uns geredet, sie bezeichnet uns öffentlich in den Medien als dumme Dörfler. Uns fehle es an Informationen, und andere Informationen, sie seien geheim, die dürften sie uns nicht geben, und wir verstünden es ohnehin nicht, und deswegen dürften wir ihnen nicht dreinreden."

    Der Premier habe da die Rechnung ohne ihn gemacht, sagt der Bürgermeister. Das Internet gebe es schließlich in jedem böhmischen Dorf, eben auch in Trokavec. Jan Neoral versteht gut Deutsch und Englisch ein bisschen, und zudem ist er bestens vernetzt.

    "Ich widme meine ganze freie Zeit dem Internet. Es ist einfach nötig, jede Nachricht zu verifizieren, und das machen wir eben im Internet, vor allem auf amerikanischen Seiten des Pentagon."

    Was die tschechische Regierung auch bekanntgibt: Jan Neoral überprüft es im Internet. Den technischen Sachverstand habe er, sagt der gelernte Elektromechaniker, sein Spezialfach früher waren ausgerechnet Radarsysteme.

    "Wenn uns der Herr Premier sagt: Ich versichere sie, dass diese Einrichtung keine schädliche Strahlung abgibt, dann wir wissen, dass er eine Dummheit von sich gibt: Die Amerikaner schreiben hier in einer Tabelle, dass das Radar noch in einer Entfernung von 36 Kilometern schädlich ist, und das betrifft ein Radar in North Dakota, aber unser Radar hier soll eine mehrfach höhere Leistung haben. Der Herr Premier kann uns nicht einfach belügen, das geht nicht. Wir können es nachlesen, denn heute ist die ganze Welt miteinander verbunden."

    Natürlich wird er jetzt verfolgen, was auf dem NATO Gipfel in Bukarest passiert, sagt Jan Neoral. Dass Ministerpräsident Topolanek gerade verkündet hat, der Vertrag mit den Amerikanern sei praktisch unterschriftsreif, hat er gehört. Doch trotzdem ist er zuversichtlich. Er habe da seine eigenen Quellen, sagt der böhmische Dorfbürgermeister und lächelt.

    "Vorige Woche hatte ich ein Abendessen mit sieben amerikanischen Kongressabgeordneten und konnte mit dem Vorsitzenden des Unterausschusses sprechen, der die Unterlagen für die Finanzierung des Radars vorbereitet. Und dieser Herr sagte laut und öffentlich: 'Bush wird damit nicht durchkommen, wir haben dafür überhaupt kein Geld.'"