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Raketentechniker ohne Skrupel

Am 20. Juli 1969 konnte Astronaut Neil Armstrong an die NASA-Bodenstation melden: "Houston, der Adler ist gelandet". Einer hatte daran besonderen Anteil: Wernher von Braun - jener deutsche Wissenschaftler, der bereits für das Nazi-Regime die angebliche Wunderwaffe V2 entwickelt und dabei als SS-Hauptsturmführer keinerlei Skrupel gezeigt hatte.

Von Tom Goeller | 20.07.2009
    "Three, Two, One, Zero. All engine running, Lift-off! We have a lift-off."

    Am 16. Juli 1969 starteten die drei Astronauten Neil Armstrong, Buzz Aldrin und Michael Collins von Cape Canaveral aus ins All. Armstrong und Aldrin landeten am späten Abend des 20. Juli mit der Fähre "Eagle" auf dem Mond, während Collins im Orbit zurückblieb. Wenige Stunden später, am 21. Juli, um Zwei Uhr Sechsundfünfzig und zwanzig Sekunden betrat Neil Armstrong als erster Mensch den Mond und sprach die berühmten Sätze:

    "That's one small step for man, one giant leap for mankind!"

    Dieser kleine Schritt eines Menschen, der ein großer Sprung für die Menschheit war, wie Armstrong 500 Millionen Fernsehzuschauern auf der ganzen Welt vom Mond aus auf die Erde herabfunkte, dieser "kleine" Schritt war vor allem einem einzigen Mann zu verdanken: Wernher von Braun. Die historische Mondlandung war der Triumph und Höhepunkt der Forscher- und Entwicklerkarriere eines genialen und ehrgeizigen Ingenieurs aus Deutschland, der in der Lage gewesen war, Kindheitsträume vom Mann im Mond zu verwirklichen.

    Sein jüngster Biograf, Michael J. Neufeld, beschreibt gleich zu Beginn seines 688-Seiten-Buches, in welche Fänge der gerade dem Teenager-Alter entwachsene mittellose Raketenamateur und seine Mitstudenten bereitwillig gerieten; da waren sie noch naiv-albernde Experimentierer, deren Leben aber für immer in eine teuflische Bahn gelenkt wurde. Neufeld zitiert aus Brauns Erinnerungen:

    "Anfang 1932 war eines Tages eine schwarze Limousine am Raketenflugplatz in Berlin vorgefahren und drei Männer waren ausgestiegen. Es war das Militär. Das war der Anfang. Der Versailler Vertrag hatte für Raketen keinerlei Beschränkungen auferlegt, und das Heer versuchte verzweifelt wieder Fuß zu fassen. Uns war das alles ziemlich egal, wir brauchten Geld. Der Gedanke an Krieg schien uns 1932 absurd. Die Nazis waren noch nicht an der Macht. Wir hatten keine moralischen Bedenken wegen einer möglichen späteren Nutzung unseres Geistesproduktes. Wir waren nur daran interessiert, den Weltraum zu erkunden. Für uns war die Frage die, wie wir die goldene Kuh am besten melken konnten.

    Nach Abschluss seines Ingenieurstudiums also trat von Braun in das deutsche Heereswaffenamt ein. Von 1937 an war Braun NSDAP- und SS-Mitglied und verantwortlich für die Entwicklung und Fertigung der sogenannten V2-Rakete. Seine Doktorarbeit war so richtungsweisend, dass sie bis 1960 geheim gehalten wurde. Nach Hitlers Machtergreifung habe von Braun endgültig einen Faust'schen Pakt mit dem Teufel geschlossen, glaubt Neufeld. Der Vergleich mit Faust beziehungsweise mit Mephisto zieht sich durch die gesamte Braun-Biografie des amerikanischen Weltraum-Historikers Neufeld, der gleichzeitig ein namhafter Forscher des Air and Space Museums des Smithsonian in Washington ist.

    "War Wernher von Braun ein Faust des 20. Jahrhunderts? Die Enthüllungen seit den sechziger Jahren über seine Mitgliedschaft in der SS und seine Verwicklungen in die Ausbeutung von KZ-Häftlingen haben die Bedeutung dieser Frage nur verstärkt.

    Es geht um die Mitschuld des Raketengenies am Tod von etwa 20.000 Häftlingen im Konzentrationslager "Mittelbau-Dora" in Nordthüringen. Dort wurde von Brauns V2, Hitlers Wunderwaffe, die eine Kriegswende für Deutschland herbeiführen sollte - unter dem Terror der SS produziert. Von Braun akzeptierte die reichlichen Mittel, die das Nazi-Regime für den Bau von Raketen zur Verfügung stellte, in der Überzeugung, dass ihm und der gesamten Menschheit so eine großartige Zukunft im Weltraum winken würde. Neufeld ringt um Verständnis:

    Als er merkte, dass das alles mit der Versklavung und Ermordung Tausender von Menschen bezahlt wurde - was er weder gewollt noch angeregt hatte -, war er unglücklich, vielleicht sogar bestürzt, aber es brachte ihn nicht von seinen Raketenplänen oder seinen Zielen ab.

    Von Braun hatte stets beteuert, bei seinen Inspektionen der unterirdischen Fabrik Dora keinen einzigen Toten gesehen zu haben. Was seine Verstrickung in die dunkelsten Seiten des NS-Regimes angeht, so musste er sich ohnehin zu Lebzeiten nur wenige Fragen gefallen lassen, die er zudem stets mit seinem Charme und dem Nimbus eines Genies leicht abbügeln konnte.

    Weil von Braun insbesondere nach der Mondlandung auf einen Heldensockel gestellt worden war, traute sich selbst der französische Widerständler Jean Michel, ein Überlebender des KZ Mittelbau-Dora, erst zwei Jahre nach Brauns Tod, seine Memoiren über die bis dahin unbekannten Gräuel bei der V2-Produktion ans Licht zu bringen. Erst seit 1979 also liegt jener nicht zu tilgende Schatten auf dem Raumfahrtpionier.

    Amoralischer Opportunismus kennzeichnet von Brauns Lebenswerk - von Anfang bis zu seinem Tod im Jahr 1977 - also nicht nur während seiner Zeit in "Nazi-Deutschland", wie Neufeld schreibt, sondern eben auch nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Amerikaner für von Braun zur nächsten "goldenen Kuh" wurden. Denn er brachte die Amerikaner nicht nur auf den Mond, sondern verfiel auch in den USA wieder in sein altes Peenemünder Muster: Er entwickelte die amerikanischen Langstreckenraketen und verwickelte sich damit erneut in ein moralisches Dilemma, das er aber nie erkannte, da er offenbar keine Moral hatte.

    Neufelds Braun-Biografie hat viele Vorzüge. Unter allen bisherigen Lebensbeschreibungen Brauns besticht sie jedoch vor allem damit, dass sie sich neben den üblichen sehr gut recherchierten biografischen Daten intensiv mit der Frage nach der "Moral in der Wissenschaft" auseinandersetzt, ja, diese Frage Schritt für Schritt, Kapitel für Kapitel leserfreundlich erarbeitet, sodass man am Ende versteht, dass von Brauns Denken und Handeln weit über seinen Tod hinaus in unsere Gegenwart reicht. Auf diese Weise erschreckt der Leser weniger darüber, dass von Braun skrupellos war, dass er es verstand, Nazis und Amerikaner, ja die ganze Welt gleichermaßen in seinen Bann zu schlagen.

    Viel mehr erschreckt man darüber, wie viele willfährige Wissenschaftler vom Schlage von Brauns es heute noch beziehungsweise wieder gibt. Deshalb kann man als Leser am Ende seinen Frieden machen mit dem "Nazi-Visionär des Weltraums", wenn selbst sein hyper-kritischer Biograf Neufeld zu dem Schluss kommt:

    Von Braun ist oft als Heiliger oder als Teufel, als Held der Raumfahrt oder als NS-Kriegsverbrecher dargestellt worden. Diese Schwarz-Weiß-Malerei ist jedoch nur eine bequeme Ausflucht, um sich nicht mit der Vieldeutigkeit der moralischen und politischen Entscheidungen befassen zu müssen, die Wissenschaftlern und Raketenkonstrukteuren heute abverlangt werden.

    Tom Goeller war das über: Michael J. Neufeld: "Wernher von Braun. Visionär des Weltraums - Ingenieur des Krieges". Aus dem Englischen von Ilse Strasmann. Erschienen im Siedler-Verlag, 700 Seiten zum Preis von Euro 49,95. Rechtzeitig zum 40. Jahrestag der Mondlandung ist auch das reich bebilderte Buch des Raumfahrtwissenschaftlers Jesko von Puttkamer im Herbig-Verlag erschienen: "Abenteuer Apollo 11" heißt es: "Von der Mondlandung zur Erkundung des Mars."