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Ralf Georg Reuth: Hitler eine politische Biographie

Es ist eines der wesentlichen Anliegen dieser Sendung, Orientierungen auf dem unübersichtlichen Buchmarkt zu geben und auf bemerkenswerte Neuerscheinungen hinzuweisen. Mitunter spielen sich Bücher in den Vordergrund, deren Titel oder Verfasser Interessantes verheißen, dieses Versprechen aber nicht einlösen können. Ein solcher Fall ist hier anzuzeigen. "Hitler - eine politische Biographie", das klingt durchaus vielversprechend, und Ralf Georg Reuth, der Autor, hat vor Jahren eine zu Recht viel beachtete Goebbels-Biographie vorgelegt. Warum Reuths biographischer Versuch über den deutschen Diktator die Lektüre nicht lohnt und warum Sie stattdessen lieber die von Joachim Fest und Ian Kershaw vorgelegten Standardwerke zum Thema lesen sollten, sagt Ihnen nun Volker Ullrich.

Volker Ullrich | 24.03.2003
    Es ist eines der wesentlichen Anliegen dieser Sendung, Orientierungen auf dem unübersichtlichen Buchmarkt zu geben und auf bemerkenswerte Neuerscheinungen hinzuweisen. Mitunter spielen sich Bücher in den Vordergrund, deren Titel oder Verfasser Interessantes verheißen, dieses Versprechen aber nicht einlösen können. Ein solcher Fall ist hier anzuzeigen. "Hitler - eine politische Biographie", das klingt durchaus vielversprechend, und Ralf Georg Reuth, der Autor, hat vor Jahren eine zu Recht viel beachtete Goebbels-Biographie vorgelegt. Warum Reuths biographischer Versuch über den deutschen Diktator die Lektüre nicht lohnt und warum Sie stattdessen lieber die von Joachim Fest und Ian Kershaw vorgelegten Standardwerke zum Thema lesen sollten, sagt Ihnen nun Volker Ullrich.

    Die größte, wichtigste Aufgabe einer Geschichte des Nationalsozialismus ist die Biographie Hitlers.

    Als Waldemar Besson dies 1961 in den "Viertelsjahresheften für Zeitgeschichte" schrieb, gab es erst eine wirklich bedeutende Hitler-Biographie: Alan Bullocks klassische "Studie über Tyrannei", zuerst erschienen 1952. Doch 21 Jahre später, 1973, veröffentlichte Joachim C. Fest ein über tausendseitiges Psychogramm des Diktators, das an Dichte der Interpretation und Kunst der Darstellung alle bisherigen Deutungen in den Schatten stellte. Manche sahen darin bereits die definitiv gültige Lebensbeschreibung des Diktators, was zuviel des Lobes war, weil es die Hitler-Biographie vermutlich gar nicht geben kann. Aber richtig ist: Fest war ein großer Wurf gelungen. Er hat Maßstäbe gesetzt, an denen sich alle nachfolgenden Autoren und Autorinnen messen lassen müssen.

    Wiederum 25 Jahre später, 1998, erschien der erste Band einer großen Hitler-Biographie aus der Feder des englischen Historikers Ian Kershaw, der zweite, abschließende Band folgte im Jahr 2000. Und auch dieses Werk wurde zu Recht als ein herausragendes Ereignis gepriesen. Entschlossener als seine Vorgänger hatte Kershaw den Versuch unternommen, individuelle und strukturelle Elemente zu verknüpfen, das heißt die Persönlichkeit Hitlers in Beziehung zu setzen zur Gesellschaft, die ihn ermöglichte. Der Gewinn dieser Neuinterpretation war beträchtlich: der Aufstieg des gescheiterten Künstlers vom Münchner Bierkelleragitator zum "Führer" und Reichskanzler wurde radikal entmystifiziert. Schärfer als zuvor rückten die gesellschaftlichen Bedingungen und Kräfte ins Blickfeld, deren Produkt Hitler war und deren er sich ebenso geschickt wie skrupellos zu bedienen wusste.

    Beide Darstellungen - die von Fest und die von Kershaw - ergänzten sich aufs Trefflichste. Während die eine tiefgehende Einblicke in die Psyche des Diktators eröffnete, machte die andere die Sozialpathologie einer Gesellschaft sichtbar, ohne die Hitler nicht an die Macht gekommen wäre.

    Einen Bedarf für eine weitere Hitler-Biographie gibt es nach den Werken von Fest und Kershaw vorerst nicht - es sei denn, sie wartete mit überraschenden Quellenfunden auf oder präsentierte eine bislang ungewohnte Sicht auf diesen großen Unheilbringer der deutschen Geschichte. Davon kann freilich in der neuen Biographie von Ralf Georg Reuth nicht die Rede sein. Der Autor, im Brotberuf Chefkorrespondent der "Welt am Sonntag", ist 1991 mit einer Biographie des Joseph Goebbels hervorgetreten, die von der Kritik fast einhellig gelobt wurde, weil sie auf profunder Quellenkenntnis beruhte und ein facettenreiches Bild des Propagandaministers bot. An diesen Erfolg kann Reuth jedoch nicht anknüpfen. Zwar heißt es in der Werbung des Verlages:

    Wo manche Autoren immer wieder Bekanntes referieren oder in der Fülle des Materials unterzugehen drohen, zieht Reuth in seiner politischen Biographie klare Linien und zeichnet damit ein schärfer konturiertes Bild Hitlers.

    Doch diese vollmundige Ankündigung löst das Buch nicht ein. Im Gegenteil: Reuths Darstellung erschöpft sich in der Schilderung längst bekannter Ereignisse und Zusammenhänge; sie bietet nicht eine einzige neue, originelle Erkenntnis, und vor allem fehlt ihr ein klares, durchdachtes Konzept, das das Bild Hitlers in schärferer Beleuchtung zeigen könnte.

    Für jeden Biographen müsste es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, in einer Einleitung den Stand der Hitler-Forschung zu resümieren und, in Auseinandersetzung damit, die eigenen Thesen und Fragestellungen zu entwickeln. Doch Reuth verweigert hier jede Auskunft, ja, er bietet nicht einmal ein Literaturverzeichnis, anhand dessen sich der Leser informieren könnte, welche Werke er konsultiert hat. Ein Blick in den Anmerkungsteil macht allerdings rasch deutlich, dass er mit dem neuesten Forschungsstand nur unzureichend vertraut ist. Gewiss, Bücher über Hitler und den Nationalsozialismus füllen mittlerweile ganze Bibliotheken, dennoch kommt, wer sich an ein so ehrgeiziges Unternehmen wie eine neue Hitler-Biographie wagt, nicht umhin, sich auch durch die Berge wissenschaftlicher Spezialliteratur zu arbeiten.

    Statt mit einer programmatischen Einleitung beginnt Reuth mit einem Prolog über den revolutionären November 1918, in dem er den Schlüssel für alles Weitere sieht. Hitler, so sagt er, hätte niemals aus der Anonymität des Weltkriegsgefreiten heraustreten können,

    wären da nicht jene Ereignisse gewesen, die mit dem Herbst 1918 heraufzogen und das Jahrhundert so entscheidend prägten.

    Das ist keine neue Einsicht, sondern communis opinio der Hitler-Forschung. Neu an Reuths Darstellung ist allerdings, dass sie sich die Perspektive ganz von Hitler selbst vorschreiben lässt. Die "roten Revolutionäre" erscheinen als "Meuterer", "Drückeberger" und "Landesverräter", gegen die die tapferen Frontsoldaten und "Millionen anderer national gesinnter Deutscher" einen unstillbaren Hass empfunden hätten. Der Wald von Compiègne, wo die deutsche Delegation unter Mathias Erzberger am 11. November den Waffenstillstand unterzeichnete, wird als ein "Ort der Schande" bezeichnet. Über Erzberger zitiert der Autor aus einem "vaterländischen Werk", er habe "niemals eine Kugel pfeifen hören". Kurt Eisner, der Führer der Revolution in Bayern, wohl der bedeutendste Journalist, den die deutsche Sozialdemokratie vor 1914 hervorgebracht hat, wird als "ein ehemaliger Schwabinger Theaterkritiker" denunziert. Von Karl Liebknecht wird fälschlicherweise behauptet, er sei wie Rosa Luxemburg "jüdischer Herkunft" gewesen.

    Noch skandalöser ist die Darstellung des sogenannten "Diktats von Versailles". Die neue Forschung hat gezeigt, dass die Friedensbedingungen, so hart sie auch waren, doch keineswegs eine unzumutbare Belastung darstellten, weil sie einer geduldigen, auf Verständigung angelegten deutschen Revisionspolitik genügend Anknüpfungspunkte boten. Reuth hingegen spricht ganz im Stile der deutschnationalen Polemik der zwanziger Jahre von einer "Maßlosigkeit der Sieger" und einer "nationalen Demütigung" ohnegleichen. Zu den "ungeheuerlichen Vertragsbedingungen" zählt er, dass Deutschland "fast ein Drittel seines ehemaligen Reichsgebiets" habe abtreten müssen, obwohl es in Wahrheit nur 13 Prozent waren. Die reaktionäre Pointe dieser Deutung liegt auf der Hand: Für den Aufstieg Hitlers und der NSDAP tragen nicht nur die linken Revolutionäre, sondern auch die unversöhnlichen ehemaligen Kriegsgegner Deutschlands die Hauptverantwortung.

    Das meiste, was Hitler in "Mein Kampf" über seine Wiener Jahre schrieb, hat Brigitte Hamann ins Reich der Legendenbildung verwiesen, so vor allem die Behauptung, dass er sich bereits in dieser Zeit zum fanatischen Rassenantisemiten gewandelt habe. Tatsächlich gehört die Steigerung seines Antisemitismus zum pathologischen Judenhass einer späteren Phase an, nämlich den Monaten zwischen dem Kriegsende 1918 und dem Beginn seiner politischen Karriere als rechtsradikaler Münchner Agitator im Frühherbst 1919. Reuth knüpft hier an, betont allerdings stärker den Einfluss Dietrich Eckarts, des Herausgebers des völkisch-antisemitischen Periodikums "Auf gut Deutsch", als Lehrmeister Hitlers. Zu Recht hebt der Autor hervor, dass die rassenideologische Weltsicht "fortan die unerschütterliche Grundlage" in Hitlers Denken bildete - "bis hin zu seinem Ende im Bunker unter der Berliner Reichskanzlei".

    Unbeantwortet bleibt allerdings, warum das trübe Gemisch aus Anti-Versailles-Syndrom, Rassenwahn, Weltverschwörungs-Phantasma und "Lebensraum"-Ideologie ein Massenpublikum in den Bann zu schlagen vermochte. Weder wird das besondere Münchner Milieu, das dem Reichswehrspitzel als Sprungbrett in die Politik diente, hinreichend scharf ausgeleuchtet, noch werden die gesellschaftlichen Kräfte in Bayern in den Blick genommen, die den Aufstieg der NSDAP förderten. Dass "Mein Kampf", in dem Hitler mit wünschenswerter Deutlichkeit über seine Ziele Auskunft gab, vor 1933 nicht gelesen bzw. dort, wo es gelesen wurde, nicht ernstgenommen wurde, ist eine Behauptung, die auch durch ihre Wiederholung nicht richtiger wird. Ebenso unbefriedigend ist, was über die Rolle der konservativen Eliten bei der "Ermöglichung" Hitlers mitgeteilt wird. Die Beziehungen des "Führers" der NSDAP zur Großindustrie vor 1933 sind dem Autor nur wenige Zeilen wert; über die Machenschaften der Großagrarier erfährt man so gut wie nichts. Wieder einmal reduziert sich hier die Vorgeschichte des 30. Januar 1933 auf das Intrigenspiel einer kleinen Clique um den senilen Reichspräsidenten Hindenburg, das Hitler den Weg in die Reichskanzlei geebnet habe.

    Gewiss, die Machtübertragung an Hitler war nicht unvermeidlich, kein logischer Endpunkt eines deutschen "Sonderwegs". Aber war sie deshalb, wie Reuth behauptet, "das Resultat eines historischen Zufalls"? Zu dieser Deutung kann nur gelangen, wer mit dem Autor die Überzeugung vertritt, dass Hitlers Programm und die ihm zugrunde liegende Ideologie "in ihrem Wesenskern einen tiefen Bruch in der deutschen Geschichte" darstellt. Von hier aus habe es keinerlei Verbindung gegeben zu dem, was vor 1918 war. Mit dieser simplen These wischt Reuth alles beiseite, was seit der Kontroverse um Fritz Fischers Buch "Griff nach der Weltmacht" in den frühen sechziger Jahren in der deutschen und internationalen Geschichtswissenschaft über die Kontinuitäten zwischen wilhelminischer Großmachtpolitik und nationalsozialistischer Aggressionspolitik diskutiert worden ist.

    In den auf das Jahr 1933 folgenden Kapiteln verengt sich die Perspektive immer mehr auf Hitlers wahnhafte ideologische Obsessionen und den Glauben an seine Unfehlbarkeit. Dass der Diktator seine Herrschaft nicht hätte konsolidieren, die judenfeindliche Politik nicht Schritt für Schritt radikalisieren und schließlich zielbewusst auf einen neuen Krieg zusteuern können, wenn ihm nicht allzu viele dienstbare Geister zugearbeitet hätten - dieser Aspekt kommt entschieden zu kurz. Völlig außer Acht lässt Reuth den spezifischen Charakter des NS-Herrschaftssystems - jene wildwuchernde Polykratie der Ämter und Ressorts, in der Parteifunktionäre und Technokraten sich gegenseitig zu übertrumpfen suchten, indem sie, ohne auf Anweisung von oben zu warten, mit Initiativen vorpreschten, um den vermeintlichen "Führerwillen" zu erfüllen. Erst aus dem Wechselspiel zwischen den Intentionen Hitlers und dem strukturell bedingten Handlungsdruck, der vom vorauseilenden Eifer der nachgeordneten Chargen ausging, lässt sich - das hat Ian Kershaw gezeigt - die entfesselte Dynamik des Regimes erklären, die zu immer radikaleren Lösungen trieb.

    Die rassenideologische Motivation Hitlers im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion war den führenden Militärs keineswegs, wie Reuth annimmt, fremd, sondern wurde von ihnen weitgehend geteilt; deshalb setzten sie die verbrecherischen Befehle des "Unternehmens Barbarossa" auch beflissen in operative Weisungen um. Und das gleiche gilt für die so genannte "Endlösung der Judenfrage", die sich im Schatten des Krieges vollzog. Anders, als der Autor meint, bedurfte es hier gar nicht einer ausdrücklichen Weisung Hitlers. Es genügte, dass er ganz allgemein sein Einverständnis signalisierte. Das Tempo der Vernichtung bestimmten andere, vor allem die Technokraten in der SS-Führung.

    Es fällt auf, dass die Darstellung, je mehr sie sich dem monströsen Ende im Bunker der Reichskanzlei nähert, immer kurzatmiger wird. Das allmähliche Verschwinden Hitlers aus der Öffentlichkeit, seine zunehmende Realitätsflucht, sein körperlicher Verfall - all das wird nur noch angedeutet. Dabei unterschätzt Reuth die Wirkung, die der Hitler-Mythos bis zuletzt auf Teile der Bevölkerung ausübte. Er schreibt, dass die Deutschen spätestens seit Sommer 1944 in einen "agonieähnlichen Zustand" gefallen seien und das Fehlschlagen des Attentats vom 20. Juli mit Bedauern registriert hätten. Belege für diese erstaunliche Behauptung liefert er nicht.

    Diese Hitler-Biographie ist nicht nur überflüssig, sondern auch ärgerlich, weil sie hinter den Forschungsstand zurückfällt und deutschnationale Mythen bedient. Man fragt sich, was den renommierten Piper-Verlag dazu bewogen hat, sie in sein Programm aufzunehmen.

    Volker Ullrich über Ralf Georg Reuth, Hitler eine politische Biographie. Piper Verlag, München, 685 Seiten, 24,90 Euro.

    Die zweibändige Hitler-Biographie von Ian Kershaw ist unter dem unprätentiösen Titel "Hitler" bei der Deutschen Verlagsanstalt erschienen, und Joachim Fests Psychogramm "Hitler - eine Biographie" liegt als Propyläen Taschenbuch vor.