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StartseiteSport am Wochenende"Ich bekomme keine Luft"20.12.2014

Rassismus"Ich bekomme keine Luft"

Das Leben von Afroamerikanern ist in den Augen vieler weißer US-Polizisten nicht viel wert. Weshalb einige von ihnen - selbst unbewaffnete Männer - bei Konfrontationen sterben. In diesem Jahr hat das zu Protesten geführt. Erstmals beteiligen sich Spitzensportler. Und riskieren dadurch ihre Jobs.

von Jürgen Kalwa

Demonstranten schreien in New York Polizisten an, die ihnen den Weg versperren. (picture alliance / dpa / Michael Nagle)
Der Fall Eric Garner sorgte in New York für heftige Proteste. (picture alliance / dpa / Michael Nagle)

Die Situation begann scheinbar harmlos. Aber sie eskalierte rasch. Das Video eines Passanten zeigt, wie mehrere Polizisten an diesem Sommertag in New York den groß gewachsenen Mann auf offener Straße attackieren. Darunter ein Beamter, der einen brutalen Würgegriff anbringt. Die letzten Worte von Eric Garner waren: "I can't breathe. - Ich bekomme keine Luft."

Eric Garners Tod in den Händen der Polizei ist kein Einzelfall. Im Gegenteil. Genaue Zahlen sind schwer zu ermitteln. Aber jedes Jahr sterben landesweit geschätzt mindestens 100 unbewaffnete schwarze Amerikaner nur deshalb, weil weißen Beamten irgendetwas an ihrem Verhalten nicht passt. Die meisten werden erschossen.

Anders allerdings als so oft zuvor könnte der tote Eric Garner eine Symbolfigur werden. "I can't breathe - Ich bekomme keine Luft" wurde quasi über Nacht zu einem politischen Slogan. Ausgelöst von der Entscheidung der Staatsanwaltschaft, den Polizisten nicht einmal vor Gericht zu stellen. Der Mangel an Rechtsbewusstsein irritiert viele im Land. Ungewöhnlich allerdings sind die Reaktionen namhafter Profi-Basketballer. Viele von ihnen trugen beim Aufwärmen vor den Spielen T-Shirts mit diesem Satz. Eine Idee von Derrick Rose von den Chicago Bulls, der zugab, dass Profis solchen Themen lieber aus dem Weg gehen.

"Usually professional athletes tend to stay away from this. But it's something I just felt I had to so something about it."

Es hatte einfach das Gefühl, er müsse etwas tun. So wie Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers, seit Jahren einer der besten Basketballer in der NBA:

"Das hat eine ganz neue Dimension erreicht. Wenn du das Fernsehen anschaltest oder die sozialen Medien verfolgst, siehst du, dass nicht nur Afro-Amerikaner protestieren. Und dass sie die gesamte Justiz in Frage stellen. Und die Leute, die das Sagen haben."

Das Besondere: Die Opfer sind schwarz. So wie die Sportler. Die Polizisten sind weiß. So wie die Zuschauer auf den Rängen. Weshalb nicht nur Polizeigewerkschaftler die Sportler attackieren und ihnen offen den unfreundlichen Rat geben, lieber den Mund zu halten und einfach zu spielen. In St. Louis, wo Spieler der Football-Profis der Rams mit demonstrativ hochgereckten Armen ins Stadion eingelaufen waren, verbrannten Anhänger verärgert Rams-Memorabilia. Ein weiblicher Fan:

"Wenn man so etwas im Trikot tut, repräsentiert man doch die ganze Mannschaft. Profis sollten ihre persönlichen Meinungen für sich behalten."

Das haben die meisten reflexartig schon immer getan. Das Geld ist zu gut. Und das Risiko zu hoch, dass ihnen etwas ähnliches widerfährt, wie John Carlos und Tommy Smith, die 1968 nach ihrer Aktion bei der Siegerehrung während der Spiele von Mexico City aus der Mannschaft geworfen wurden. Der Boxer Muhammed Ali wurde gesperrt und wäre sogar beinahe ins Gefängnis gekommen. Er hatte sich geweigert, Kriegsdienst zu leisten. "Ich habe keinen Streit mit dem Vietcong", sagte er.

"Sie haben mich nicht einen Nigger genannt. Sie haben mich nicht gelyncht. Sie haben mich nicht ausgeraubt und meine Mutter vergewaltigt und meinen Vater umgebracht. Warum werft ihr mich nicht einfach ins Gefängnis?"

Alis Haltung war ungewöhnlich und ungewöhnlich konsequent. Und sein Mut war es auch. Wie mutig sind die reichen Sportler von heute? Professor John Hoberman von der University of Texas, Experte für sportwissenschaftliche Themen und Autor des Buchs "Darwin's Athletes", eine Abhandlung über Rassismus im amerikanischen Sport.

"Wir können das, was heute passiert, nicht mit dem gleichsetzen, was in den sechziger und siebziger Jahren geschehen ist. Im heutigen Zusammenhang sind diese Spieler mutig. Seit vielen Jahren passiert so etwas nur selten in der amerikanischen Profisportwelt, sich in der Öffentlichkeit über ein heikles Thema zu äußern."

Kein Thema für die Sportler ist heikler als der alltägliche Rassismus, der gerne unter den Teppich gekehrt wird. Obwohl er abzulesen ist an der Armut in schwarzen Stadtvierteln und den Hundertausenden an schwarzen Gefängnisinsassen. Weshalb Professor Charles Ross findet, dass sich die prominenten Athleten noch stärker engagieren müssen. Er leitet die Abteilung für afro-amerikanische Studien an der University of Mississippi und hat vor einigen Jahren ein Buch über die Rassenintegration in der National Football League geschrieben.

"Es ist an der Zeit, dass afro-amerikanische Sportler sich nicht mehr so sehr damit beschäftigen, wieviel Geld sie verdienen. Und sich nicht hinter Gesten verstecken. Sie müssen bereit sein, ihre Meinung zu sagen. Besonders wenn es um solche Zwischenfälle geht, bei denen Hautfarbe eine Rolle spielt."

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