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StartseiteDlf-Magazin#MeTwo - Aufbruch oder Spaltung?02.08.2018

Rassismuserfahrungen#MeTwo - Aufbruch oder Spaltung?

Unter dem Hashtag #MeTwo hat Ali Can auf Twitter eine Kampagne angestoßen, in der Migranten über Diskriminierung und Rassismus in Deutschland berichten. Seine Bilanz ist positiv. Doch unter Migranten gibt es auch Befürchtungen, dass damit die Gesellschaft nur tiefer gespalten werde.

Von Kemal Hür

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Ali Can, Student an der Uni Gießen, ist Gründer der "Hotline für besorgte Bürger" und der #MeTwo-Debatte auf Twitter über Rassismus (Imago)
Ali Can, Student an der Uni Gießen, ist Gründer der "Hotline für besorgte Bürger" und der #MeTwo-Debatte auf Twitter über Rassismus (Imago)
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"Mit dem Hashtag #MeTwo wollte ich erstmal den Raum schaffen, damit eine konstruktive Debatte stattfinden kann. Ich bin bisher sehr zufrieden, weil zigtausende Menschen ihre Erlebnisse, ihre eigenen Erfahrungen mit Rassismus geäußert haben. Meine Bilanz ist erstmal sehr positiv, dass wir hier eine gute Basis haben, um nun Lösungen zu finden." 

Der Initiator des Hashtags #MeTwo, Ali Can, mit einem ersten Zwischenstand nach einer Woche. Der Hashtag löste eine regelrechte Lawine aus. Tausende Tweets wurden abgesetzt. Anfangs berichteten viele von Benachteiligungen in der Schule, besonders beim Wechsel von der Grund- in die weiterführende Schule. Nach und nach kamen Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt und politische Ausgrenzung hinzu. Es meldeten sich Menschen aus verschiedensten Bereichen zu Wort. Der Korrespondent des "Spiegel" in Wien, Hasnain Kazim, twitterte mehrere Erlebnisse: 

"Wenn man bei Wohnungssuche seine weiße Frau mitnehmen und früh den Arbeitgeber erwähnen muss, damit man nicht gleich ignoriert wird."

"Wenn ich im übervollen Zug der einzige Nicht-Weiße bin, Polizei steigt ein, und der Einzige, der seinen Ausweis zeigen muss, bin ich."

Großes mediales Interesse

Die Rechtsanwältin Ruhan Karakul aus Baden-Württemberg schrieb: 

"Als zwei ältere Herren im Zug herausfanden, dass meine Eltern aus der Türkei Zugewanderte sind: 'Sie sind aber eine untypische Türkin. Sie stinken nicht nach Hammel oder Knoblauch.‘" 

Armin Langer, der Initiator der jüdisch-muslimischen Salaam-Shalom-Initiative in Berlin und Autor des Buches "Ein Jude in Neukölln – Mein Weg zum Miteinander der Religionen" teilt mit, wie er in seinem Wohnviertel beleidigt wird.

"Wenn dir der Geschäftsführer eines Neuköllner Nachbarschaftshauses erklärt, dass du so primitiv bist wie ‚ein Bauer im 19. Jahrhundert‘, weil du kein Schweinefleisch isst."

Die zahllosen Erfahrungsberichte haben eine Debatte über Rassismus in Deutschland ausgelöst und sind auf großes mediales Interesse gestoßen. Viele Zeitungen, Radio- und Fernsehprogramme begleiten die Diskussion sehr wohlwollend, lassen prominente Debattenteilnehmer zu Wort kommen, interviewen Migrationsexperten zum Thema Rassismus.

Ali Ertan Toprak: #MeTwo verfehlt sein Ziel

Eine Gegenposition hat sehr schnell die "Bild"-Zeitung eingenommen. Sie beklagt, dass die Debattenbeiträge Deutschland und den Deutschen ohne Migrationshintergrund generell Rassismus vorwerfen würden. So sehen es auch nicht wenige Migranten. Ihre Kritik lautet: Migranten sollten sich nicht als Opfer sehen und ihre individuellen Erfahrungen pauschalisieren. Zu diesen Kritikern gehört auch Ali Ertan Toprak, der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde Deutschland. Er meint, #MeTwo habe sein Ziel verfehlt: 

"Ich habe die Sorge, dass die gesellschaftliche Spaltung durch solche Kampagnen eher tiefer wird. Integration und Bekämpfung des Rassismus können nur im Einvernehmen mit der Mehrheitsgesellschaft gelingen. Und übrigens, Doppelmoral ist es auch, wenn wir ausschließlich das Bild vom edlen Migranten und dem deutschen Rassisten transportieren."  

Der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde in Deutschland, Ali Ertan Toprak. (dpa / Picture Alliance / Hannibal Hanschke)Der Vorsitzende der Kurdischen Gemeinde in Deutschland, Ali Ertan Toprak. (dpa / Picture Alliance / Hannibal Hanschke)

Ali Can: Erstmal zuhören, dann weiterschauen

Damit drückt Toprak aus, was den #MeTwo-Debattenteilnehmern in vielfachen, teilweise beleidigenden Kommentaren vorgeworfen wird. Diese Angriffe machen Ali Can wütend:

"Ich wünschte, die Leute würden mehr zuhören und erstmal akzeptieren, dass manche Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland – tausende sind es eigentlich – Rassismuserfahrungen gemacht haben. Also zuhören, um jetzt zu schauen: Wie geht die Debatte konstruktiv weiter? Ich wünschte, dass wir aufgrund dieser Erfahrungen uns Mühe geben, diese Berichte zu analysieren, um zu schauen, wo wir ansetzen müssen." 

Die Vorstandssprecherin des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg, TBB, Ayşe Demir, unterstützt die #MeTwo-Kampagne. Sie habe einen überfälligen Diskurs über Rassismus in Deutschland angestoßen. Man müsse das Problem beim Namen nennen, sagt sie.

Wie lässt sich struktureller Rassismus bekämpfen?

Der TBB hatte 2011 den sozialdemokratischen Rechtspopulisten Thilo Sarrazin wegen seiner rassistischen Äußerungen über Türken und Araber wegen Volksverhetzung angezeigt. Die Berliner Staatsanwaltschaft erkannte darin aber keine Straftat. Der Streit ging bis zur UNO. Der TBB beschwerte sich bei deren Antirassismuskomitee CERD darüber, dass die Bundesrepublik ihre Minderheiten nicht vor Rassismus schütze.  

"CERD hat dann 2013 zugunsten des TBB entschieden. Und daraufhin hat CERD definitiv gesagt, es sind rassistische Aussagen, hat die Bundesrepublik aufgefordert, StaatsanwältInnen und RichterInnen im Sinne der CERD-Konvention zu schulen und den Volksverhetzungsparagraphen zu überprüfen und im Sinne der CERD-Konvention anzuwenden. Das ist bisher nicht geschehen."

Demir hofft, dass #MeTwo eine konstruktive Rassismusdebatte anstößt und die politischen Entscheidungsträger erreicht, damit der institutionelle und strukturelle Rassismus bekämpft werde.

"Wir fordern beispielsweise schon seit Jahren das anonymisierte Bewerbungsverfahren, Zielgrößen in öffentlichen Einrichtungen, die abgesicherte Finanzierung von Antirassismusprojekten, bis hin zu Schnupperpraktika in öffentlichen Einrichtungen für Jugendliche. Das sind ja sehr viele Maßnahmen. Und ich hoffe, dass, durch diese Debatte angestoßen, vielleicht die Politikerinnen und Politiker sich darüber Gedanken machen."

 

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