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StartseiteCorsoDer wahre Monuments Man10.02.2014

RaubkunstDer wahre Monuments Man

George Clooney hat sich seiner Geschichte angenommen: Harry Ettlinger, in Karlsruhe geboren, vor den Nazis in die USA geflohen, wurde zu Kriegsende wieder nach Deutschland geschickt, um als "Monuments Men" geraubte Kunstwerke zu retten. Der Film sei aufregender, als sein damaliger Auftrag, sagte der heute 88-Jährige dem DLF im Interview. Da Ettlinger inzwischen kein Deutsch mehr spricht, hat ihn Sigrid Fischer auf englisch interviewt, hier die Übersetzung:

Sigrid Fischer im Gespräch mit Harry Ettlinger

Harry Ettlinger, heute 88 Jahre alt, auf der Berlinale. (dpa / Daniel Naupold)
Der letzte noch lebende "Monuments Man", Harry Ettlinger, bei der Berlinale 2014. (dpa / Daniel Naupold)
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Sigrid Fischer: Herr Ettlinger, haben Sie sich im Film "The Monuments" Men wiedererkannt?

Harry Ettlinger: Ja und nein. Der Darsteller Dimitri hat etwas anderes gemacht als ich damals. Ich war die meiste Zeit im Büro beschäftigt, ich habe Dokumente geprüft und Leute interviewt. Den ersten Job, den ich hatte, war Heinrich Hoffmann zu verhören, den persönlichen Fotografen Hitlers. Captain Rorimer hat mich mitgenommen nach Adelshofen und Neuschwanstein, wo sie viele der Kunstschätze lagerten, die später nach Paris zurückgebracht wurden. Schließlich kam ich erst gegen Kriegsende zu den Monuments Men, ich weiß nicht mehr genau, ob es der 29. oder der 30. April oder der 1. oder 2. Mai war.

Fischer: Das heißt, was wir im Film sehen ist spannender als es Ihr Job war?

Ettlinger: Natürlich, das sind ja Hollywoodschauspieler, das bin ich nicht.

Fischer: Ich meine, wie die ihren Job erledigen ist spannender, das ist eben ein Film.

Ettlinger: Ja, man sieht nur die Schlüsselmomente ihrer Arbeit, aber nicht, was noch alles dazu gehörte. Ich fahre da ja einen Jeep, ich konnte aber nicht mal Auto fahren. Ich war die meiste Zeit in ein oder zwei Salzminen und habe die Kisten mit den Kunstschätzen registriert, die Deutschland nicht gehörten. So habe ich einen frühen Teil meines Lebens in einer Mine verbracht, das hätte ich vorher auch nicht gedacht. Das war interessant, denn Salzminen sind keine Kohleminen, da drin ist ganz klare Luft, 18 Grad Temperatur, also sehr angenehm. Da unten haben sie Fabriken für die Massenproduktion von Flugtriebwerken angelegt, die jüdische Sklaven aus Ungarn fertigen mussten. Und wenn sie erfolgreich gewesen wären, hätte die deutsche Luftwaffe alle unsere Flugzeuge abschießen können und der 2. Weltkrieg hätte ein bis zwei Jahre länger gedauert.

Fischer: Sie waren ja sehr jung, haben Sie damals überhaupt verstanden, warum es wichtig sein könnte, Kunst zu retten ?

Ettlinger: Überhaupt nicht, das war mir nicht klar. Aber wenn man ein Soldat wird, ist man kein Kind mehr, man wird schlagartig erwachsen. Aber damals wurde einem nicht viel erklärt, es hieß einfach: Du bleibst jetzt hier und machst das. Warum? Vergiss es. Und sie hatten mich ja aus dem Kampfgeschehen genommen, drei von acht Kameraden waren schon tot, fünf verletzt, und das wäre mir auch passiert, wenn ich im Kampfeinsatz geblieben wär. Wenn einem dann ein Job angeboten wird – ich hatte mich ja auch freiwillig gemeldet, als Übersetzer für Deutsch – wenn dann jemand sagt: Mach den und den Job, dann macht man das. Und so bin ich zu den Monuments Men gekommen.

Fischer: Haben Sie von Cornelius Gurlitt gehört, in dessen Münchner Wohnung viele Gemälde unbestimmter Herkunft lagern?

Ettlinger: Ja.

Fischer: Was haben Sie gedacht, als Sie davon erfuhren?

Ettlinger: Die Monuments Men hatten damals das Gefühl, dass möglicherweise eine Dreiviertel Million wertvoller Gemälde da draußen in der Welt irgendwann noch auftauchen werden. Und als ich davon hörte, dachte ich: Da ist der Anfang. Und man kann mit noch weiteren solcher Geschichten rechnen, da wird noch mehr auftauchen bei den nächsten Generationen.

Fischer: Sie haben Deutschland mit Ihrer Familie verlassen, als Sie 12 oder 13 waren?

Ettlinger: Mit 13. Am Tag nach meiner Bar Mizwa.

Fischer: Ok, Irgendwann haben Sie Ihren Frieden gemacht mit den Deutschen. Haben Sie vergeben, was sie den Juden angetan haben?

Ettlinger: Lassen Sie es mich so sagen: Bei meinem Job, die verlorenen Kunstwerke aus der Salzmine zu bergen, hatte ich mit vielen Deutschen zu tun. Und ich habe festgestellt, dass wie überall auf der Welt Menschen unterschiedlich sind. Unsere Körper sind gleich, außer dass es zwischen Frauen und Männern große Unterschiede gibt, das will ich jetzt nicht vertiefen. Aber wir verhalten uns alle unterschiedlich.

Das ist meine Erfahrung. Weil mir einige Deutsche viel Respekt entgegenbrachten. Ich war ihr Vorgesetzter. Da war dieses "jüdische Kind", und einige von Ihnen haben meine Anweisungen aufgeführt. In Kochendorf hatte ich es mit einem Nazi zu tun, ich merkte, dass er in mir den jüdischen Soldaten sah, nicht den amerikanischen. Wir hatten einen geschäftlichen Umgang: Du hast Deinen Job, ich hab meinen. Belassen wir es dabei. Ich wusste genau, dass ihm das gar nicht gefiel, dass ein Jude ihm sagte, was er zu tun hatte, das war mir völlig klar. Aber dann ist das eben so.

Fischer: Her Ettlinger, jetzt haben Sie George Clooney kennen gelernt, erklären Sie mir mal, was das ist mit ihm. Warum drehen alle durch sobald er auftaucht?

Ettlinger: Das müssen Sie mir erklären, Sie als Frau. Denn jedes Mal, wenn ich seinen Namen erwähne, egal bei welcher Frau, gurrt es und ein großes Lächeln erscheint auf dem Gesicht. Er ist der beliebteste Mann auf der Welt. Er hat dieses was ich nicht erklären kann, weil ich keine Frau bin, aber wenn ich den Namen erwähne. ...Ich habe nie zuvor jemanden wie ihn getroffen. Was ist das?

Fischer: Charisma – die einen haben das, die andern nicht.

Ettlinger: Ja, Sie und ich haben es nicht.

Fischer: Tja, aber durch seinen Film sprechen jetzt alle über die Monuments Men. 50 Jahre lang hat das niemand getan, das ist doch merkwürdig oder?

Ettlinger: Ich finde gut, dass jetzt endlich bekannt wird, was einige Leute getan haben, um ihre Kultur zu bewahren, die zu unserem Leben gehört. Heute ist das ganz normal für uns. Wir sitzen nicht mehr Räumen mit kahlen Wänden, sondern wir wollen sie angenehm gestalten. Das ist unsere Art, ein friedliches Leben zu führen. Nicht indem wir uns gegenseitig bekämpfen und umbringen. Das ist kein gutes Leben. Das haben wir gelernt. Und was wir immer noch lernen müssen, um ein gutes Leben zu führen, ist uns gegenseitig mit Respekt zu begegnen.

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