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StartseiteKultur heute"Was verbirgt sich hinter Provenienzrecherche?"12.04.2016

Raubkunst nach 1945"Was verbirgt sich hinter Provenienzrecherche?"

Wie spannend Provenienzforschung sein kann, zeigt eine neue Ausstellung in Dresden, die den Besucher stärker in die Geschichte der ausgestellten Werke mit einbeziehen wolle, sagte Gilbert Lupfer von den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden im DLF. Es geht um Raubkunst aus der Zeit der sowjetischen Besatzungszone nach 1945.

Gilbert Lupfer im Gespräch mit Änne Seidel

Der Leiter der Provenienzforschung, Gilbert Lupfer, schaut am 13.08.2013 in der Bibliothek der Staatlichen Kunstsammlung im Residenzschloss in Dresden (Sachsen) in ein Buch. (dpa picture alliance / Ole Spata)
Der Leiter der Provenienzforschung an der Staatlichen Kunstsammlung Dresden Gilbert Lupfer (dpa picture alliance / Ole Spata)
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Änne Seidel: Roter Schmollmund, forscher Blick, die Zigarette lässig elegant zwischen die Finger geklemmt. Das Bildnis einer "Dame mit Zigarette" von Oskar Zwintscher ist ungewöhnlich für seine Zeit. 1904 ist es entstanden und damals kamen Frauen in der Regel noch deutlich weniger emanzipiert daher. Heute gehört die "Dame mit Zigarette" den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und dort ist sie auch in einer aktuellen Ausstellung zu sehen. Bis zu dieser Ausstellung allerdings war es ein weiter Weg, denn lange war nicht geklärt, ob die Staatlichen Kunstsammlungen auch wirklich die rechtmäßigen Besitzer der Dame waren. Ursprünglich gehörte das Bild dem Dresdener Ehepaar Weigang. Das musste 1945 vor der sowjetischen Besatzungsmacht fliehen. Die Kunstsammlung des Paares blieb in Dresden zurück und kam ein paar Jahre später in die Staatlichen Kunstsammlungen.

Gilbert Lupfer leitet die Forschungsprojekte der Sammlungen. Ich wollte von ihm wissen, was alles passieren musste, damit die "Dame mit Zigarette" heute guten Gewissens ausgestellt werden kann.

Irgendwann fügen sich die Puzzle-Teile zu einem Bild

Gilbert Lupfer: Wie oft in der Provenienzforschung ist es eine eher langwierige Angelegenheit. Man sucht Puzzle-Teile zusammen und irgendwann fügen sie sich zusammen. Das entscheidende Puzzle-Teil, um die Stücke aus der Sammlung Weigang zu identifizieren, war eine Liste, auf der genau im Jahr 1948 verzeichnet wurde, welche Kunstwerke aus dieser Villa in die Kunstsammlungen gekommen sind. Als wir diese Liste in unserem Archiv gefunden hatten, konnten wir ganz einfach identifizieren, konnten dann mit den Nachfahren der Familie Weigang ins Gespräch kommen und sind schließlich zu einem für beide Seiten guten Ergebnis gekommen. Zum Verhandlungsergebnis gehörte eben, dass wir eine Auswahl aus diesen Werken auch jetzt in einer Ausstellung präsentieren, und die eröffnen wir heute.

Seidel: Ihnen gehört das Bild jetzt aber auch wieder? Das heißt, Sie haben es der Familie, der es eigentlich gehört, der Familie Weigang abgekauft?

Lupfer: Ganz genau. Wir haben das abgekauft, dieses und auch andere Gemälde, andere keramische Objekte, Porzellane, Grafiken.

Raubbkunst nach 1945 ist in der Öffentlichkeit nicht so präsent

Seidel: Wenn wir heute von Restitutionsfällen sprechen, dann geht es meistens um Kunst, die den Eigentümern in der NS-Zeit geraubt oder abgepresst wurde. Dass es aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der DDR zum Beispiel solche Fälle gab, das wird in der Öffentlichkeit, habe ich den Eindruck zumindest, deutlich weniger wahrgenommen. Dabei spielen für Ihre Bestände ja wahrscheinlich gerade diese Fälle eine ganz besonders wichtige Rolle, nehme ich an.

Lupfer: Ganz genau. Für Museen in der ehemaligen DDR sind es rein zahlenmäßig die größte Gruppe, die, nennen wir es mal, Entzüge in der sowjetischen Besatzungszone und in der DDR, und das ist auch was, wo wir intensiv dran arbeiten. Das ist eine Fallgruppe, die natürlich für Museen im Westen so gar nicht existiert. Da ist sehr viel entzogen, abgepresst worden zwischen 1945 und 1990, oder, wie in diesem Fall, die Eigentümer sind geflohen, in der Villa blieben Kunstwerke zurück und die wurden dann einem Museum zugewiesen.

Schlossbergung - dafür haben viele wenig Sympathien

Seidel: Was würden Sie sagen? Woran liegt es, dass sich die Öffentlichkeit offenbar brennend für Raubkunst aus der Nazi-Zeit interessiert, aber weniger für die Fälle nach 1945? Liegt das vielleicht auch daran, dass die Opfer nach 1945 meist sehr reiche Familien, oft Adelsfamilien waren? Tut sich die Öffentlichkeit da schwerer, auch in ihnen Opfer zu sehen?

Lupfer: Ich glaube schon, dass das ein Aspekt ist, alles was mit dem Begriff Schlossbergung verbunden ist. Da mag auch mitschwingen, dass man denkt, na ja, diese Adeligen, die haben das über Jahrhunderte angehäuft, das ist vielleicht gar nicht so schlecht, wenn das jetzt in öffentlicher Hand ist. Und dann muss man aber, glaube ich, sagen, dass das Thema NS-Raubkunst (und ich sage berechtigterweise) über Jahre die Diskussion bestimmt hat und andere Fallkonstellationen demgegenüber ein bisschen abfallen. Wobei ich wirklich betonen möchte: Ich finde es auch richtig und wichtig, dass man der Suche nach NS-Raubkunst eine Priorität einräumt.

Publikum soll an dem Abenteuer Provenienzrecherche teilhaben

Seidel: Sie haben es vorhin schon mal kurz erwähnt: Die Provenienzrecherche ist langwierig, es müssen viele Puzzle-Teile zusammengefügt werden. Ist das auch das Ziel Ihrer aktuellen Ausstellung zur Sammlung Weigang, dem Publikum genau das mal vor Augen zu führen, was für eine Sisyphos-Arbeit diese Provenienzrecherche letztendlich ist?

Lupfer: Ja genau. Darum geht es auch, dass wir jetzt auch mal versuchen möchten, die Besucher des Museums stärker damit einzubeziehen, denen zu zeigen, was verbirgt sich eigentlich hinter Provenienzrecherche. Viele haben da vielleicht was gehört im Zusammenhang mit dem Fall Gurlitt, aber das auch mal in die Ausstellungen einzubauen, diese Thematik, zu versuchen, das visuell zu vermitteln, das ist bei uns und auch derzeit in etlichen anderen Museen einfach ein Ansatz, dass wir denken, die Besucher interessieren sich auch für diese Provenienzgeschichten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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