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Rauchen schrumpft

Medizin. - Rauchen ist schlecht für die Gesundheit, das wurde bei der aktuellen Diskussion um das Rauchverbot in Gaststätten immer wieder betont. Der Chemikaliencocktail, der bei jedem Lungenzug in den Körper strömt, schädigt neben den altbekannten Organen aber auch das Gehirn.

Von Volkart Wildermuth | 14.12.2006

    Der tiefe Zug an der Zigarette, viele Raucher machen sich so fit für die Arbeit. Das Nikotin stärkt ihre Konzentrationsfähigkeit. Das ist keine Illusion, meint Dr. Jürgen Gallinat von der Berliner Charité:

    "Manche beschreiben das sogar als eine Art High-Gefühl das dann entsteht und man hat auch nachgewiesen, dass die unmittelbare Zufuhr von Nikotin tatsächlich Effekte auf die Konzentration und das Gedächtnis hat."

    Kurzfristig hilft das Nikotin dem Gehirn auf die Sprünge, auf lange Sicht aber greift der Rauch die grauen Zellen an. Gallinat:

    "Man hat aber nachgewiesen, dass Raucher, als Gruppe betrachtet, im Vergleich zu Nichtrauchern oder Nierauchern eine insgesamt schlechtere kognitive Leistungsfähigkeit haben. Das betrifft vor allem die Bereiche der Aufmerksamkeit, der Langzeitaufmerksamkeit und des Arbeitsgedächtnisses aber sogar das Langzeitgedächtnisses."

    Wer schon lange an der Zigarette zieht, empfindet zwar einen schnellen Kick, doch im Vergleich zu anderen bremst der Rauch seinen Geist, statt ihn zu beflügeln. Die Hintergründe für den Leistungsabfall will Jürgen Gallinat mit dem Gehirnscanner aufdecken. Bei 22 Rauchern und 23 Nierauchern hat er die Größe vieler Nervenzentren exakt vermessen. Ergebnis: insgesamt ist das Gehirn der Raucher nicht kleiner. Einzelne Regionen der grauen Substanz, hier liegen die Körper der Nervenzellen, wirken aber etwas geschrumpft und weniger dicht. Gallinat:

    "Vielleicht haben wir es hier mit einer Verkleinerung des Volumens der grauen Substanz um ein oder zwei Prozent zu tun. Das heißt also, dass man beim individuellen Gehirn diesen Effekt, der so minimal ist, im Grunde nicht erkennen könnte, trotzdem ist dieses Ergebnis natürlich erstaunlich und zeigt eben auch, dass das Rauchen Effekte hat auf das Gehirn und eben nicht nur, wie man früher vermutet hat, zum Beispiel auf die Lunge, das Herz oder das Gefäßsystem."

    Der Effekt ist so klein, dass man am einzelnen Gehirn nicht ablesen kann, ob sein Besitzer raucht oder nicht. Im Gruppenvergleich ist der Befund aber eindeutig, die Nikotinsucht schädigt die Nervennetze. Theoretisch könnte es natürlich so sein, dass nicht das Rauchen das Gehirn beeinträchtigt, sondern dass umgekehrt, Personen mit einem kleineren Gehirn eher zur Zigarette greifen. Gegen dieses Interpretation sprechen aber Tierversuche, bei denen Nikotin eindeutig zum Absterben von Nervenzellen geführt hat. Dass sich so viele Nerven im blauen Dunst auflösen, dass sich der Effekt sogar mit dem Gehirnscanner vermessen lässt, sollte Rauchern zu denken geben. Besonders empfindlich reagiert, neben anderen Regionen, auch das Frontalhirn, das unter anderem an der Steuerung der Aufmerksamkeit beteiligt ist. Die Arbeit dieser Hirnregion lässt sich mit Elektroden belauschen, Raucher zeigen dabei geringere Ausschläge. Jürgen Gallinat hat mit diesem Test auch ehemalige Raucher untersucht:

    "Hier waren wir selber erstaunt, als wir gefunden haben, dass die Exraucher ebenfalls eine verminderte frontale Aktivierung aufweisen, obwohl diese Personen im Schnitt elf Jahre abstinent gewesen waren. Man muss aber bedenken, dass das ein ganz einfacher und simpler Test gewesen ist, man kann das nicht automatisch generalisieren auf alle Leistungen des Frontalhirns oder gar die Leistung des Gehirns insgesamt, aber es ist ein erster Hinweise darauf, dass das Rauchen eben möglicherweise, was die Hirnfunktion angeht, auch permanente Effekte hat, die man zumindest über viele Jahre hinweg nachweisen kann."

    Abgestorbene Nervenzellen kommen nicht zurück, auch wenn die Zigarette in der Packung bleibt. Das aber ist kein Argument gegen das Aufhören, meint Jürgen Gallinat und verweist noch einmal auf die rauchgeschrumpften Hirnregionen:

    "Da gab es einen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Zigaretten, die im Leben geraucht wurden, und dem Ausmaß der Verkleinerung des Volumens der grauen Substanz. Das heißt, gibt man das Rauchen auf, hat man zumindest den Effekt, dass eine weitere Verschlechterung nicht eintritt, und das, denke ich, ist schon einmal ein sehr triftiger Grund, das Rauchen auch aus diesen Gründen aufzugeben."