
Bundespräsident Steinmeier würdigte Habermas in einem Kondolenzschreiben an dessen Kinder. Darin heißt es, mit dem Verstorbenen verliere Deutschland einen "großen Aufklärer, der die Widersprüche der Moderne durchmessen" habe. Habermas habe sich leidenschaftlich für die Überwindung von Nationalismus und die europäische Einigung als Lehre aus Krieg, Völkermord und totalitärer Herrschaft eingesetzt. Deutschland verdanke ihm viel.
Bundeskanzler Merz bezeichnete Habermas als einen der "bedeutendsten Denker unserer Zeit". Dieser habe mit Weitblick und historischer Größe politische und gesellschaftliche Entwicklungen begleitet. Kulturstaatsminister Weimer erklärte, Habermas habe als Meisterdenker und Philosoph der Bundesrepublik die geistigen Grundlagen der Demokratie geprägt. Man werde seine Stimme vermissen.
Bundestagspräsidentin Klöckner (CDU) sprach von einem der bedeutendsten Intellektuellen der Gegenwart. Habermas' Werk erinnere daran, dass Demokratie mehr als Mehrheiten sei, sondern auch "die gemeinsame Suche nach besseren Gründen". Der Linken-Politiker Gysi würdigte Habermas' messerscharfe Analyse, der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Wilmer, die Weite seines Denkens und seine visionäre Kraft.
Enge Verbindung zu Hessen
Hessens Ministerpräsident Rhein erinnerte daran, dass Habermas einen wesentlichen Teil seines wissenschaftlichen Schaffens an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main verbracht habe, wo seine wichtigsten Werke entstanden. Habermas habe gezeigt, dass Demokratie vom Gespräch lebe, von der Bereitschaft zuzuhören, Argumente auszutauschen und gemeinsam nach Wahrheit zu suchen, betonte Rhein. Von Habermas habe man gelernt, dass Freiheit und Verantwortung untrennbar miteinander verbunden seien.
Der Historiker Norbert Frei sagte im Deutschlandfunk, ihn habe immer die Zugewandtheit von Habermas zu seinem Gegenüber beeindruckt. Gespräche mit ihm seien immer von besonderer Intensität gewesen. Frei hob hervor, dass Habermas durch seine Interpretation des Begriffes "Öffentlichkeit" als Diskurs unter Gleichberechtigten maßgeblich zur politischen Kultur in Deutschland beigetragen habe. Er widerspreche jedoch denjenigen, die sagten, mit dem Tode Habermas' gehe die "Epoche kritischen Denkens" zu Ende. Zu Ende sei die Epoche nur, "wenn wir aufhören, im Sinne von Habermas zu diskutieren", zeigte sich Frei überzeugt.
Tod mit 96 Jahren
Habermas war nach Angaben des Suhrkamp Verlags gestern im Alter von 96 Jahren in Starnberg gestorben. Er zählte zu den wichtigsten Denkern der Gegenwart und prägte intellektuelle Debatten über Jahrzehnte. Seine Hauptwerke entstanden in Frankfurt am Main, wo seine Karriere in den 1950er Jahren am Institut für Sozialforschung bei Theodor W. Adorno begann.
1961 wurde er in Marburg mit dem Werk "Strukturwandel der Öffentlichkeit" habilitiert. 1964 übernahm er Max Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie an der Universität Frankfurt. Aus seiner Antrittsvorlesung wurde 1968 das Buch "Erkenntnis und Interesse" (1968). Während der Studentenrevolte wurde Habermas als Unterstützer wahrgenommen - er lehnte die Radikalisierung der Bewegung allerdings ab.
1971 wechselte er nach Starnberg bei München, wo er bis 1981 das Max-Planck-Institut zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt leitete. 1981 veröffentlichte er "Theorie des kommunikativen Handelns", sein Hauptwerk. 1983 kehrte er nach Frankfurt zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung 1994 erneut einen Lehrstuhl für Philosophie übernahm.
Im Alter meldete Habermas sich zu politischen Fragen zu Wort, etwa zum Kosovo-Krieg, zur Hirnforschung oder zu Religionskämpfen.
Diese Nachricht wurde am 15.03.2026 im Programm Deutschlandfunk gesendet.


