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StartseiteCampus & Karriere"Universitäten nehmen die Situation nicht ernst"06.02.2019

Rechte Bewegungen an Hochschulen"Universitäten nehmen die Situation nicht ernst"

Der Soziologe Wilhelm Heitmeyer fordert eine intensivere Auseinandersetzung der Hochschulen mit rechten Bewegungen. Der Nationalradikalismus, der sich herausbilde, ziele auf Schulen und Unis. In den Wissenschaftsgremien werde darüber nicht ernsthaft debattiert, sagte er im Dlf.

Wilhelm Heitmeyer im Gespräch mit Benedikt Schulz

Heitmeyer spricht auf einer Fachtagung des Gewerkschftsbundes (dpa / Monika Skolimowska)
Wilhelm Heitmeyer - "Mehr Bewusstsein für strukturelle Veränderung müsste her" (dpa / Monika Skolimowska)
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Benedikt Schulz: Dass neurechte Denker in Unihörsälen auftreten, das ist erstens schon mehrfach vorgekommen und hat zweitens selten zu souveränen Reaktionen von Profs und Hochschulleitungen geführt. An deutschen Hochschulen hielt man sich lange Zeit im Großen und Ganzen irgendwie für immun gegen rechtes antidemokratisches Gedankengut. Dem ist ja ganz offensichtlich nicht so. Wie also damit umgehen? Also was man sicher sagen kann, besonders souverän ist der Umgang zumindest bislang nicht.

Wilhelm Heitmeyer ist Soziologe an der Uni Bielefeld, er befasst sich seit Jahren mit rechten Bewegungen, Rechtsextremismus, Fremdenfeindlichkeit, und er kritisiert die deutschen Hochschulen da ganz massiv. In einem aktuellen Meinungsbeitrag schreibt er, die Unis vernachlässigen die Auseinandersetzung mit Rechts, und er macht aus dieser Kritik auch eine Forderung: ein verpflichtendes gesellschaftspolitisches Studium generale, wenn man so will, ein Semester Gesellschaftskunde für Erstis. Darüber will ich sprechen mit ihm. Wilhelm Heitmeyer ist am Telefon. Ich grüße Sie, hallo!

Wilhelm Heitmeyer: Hallo!

Gesellschaftskunde abgeschafft oder ausgedünnt

Schulz: Fangen wir mal mit dieser Forderung an: ein gesellschaftspolitisches Studium generale – ist doch eigentlich Aufgabe von Schule und nicht von Hochschule.

Heitmeyer: Nun, wir haben seit Jahren ja erlebt, wie die Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitiker und dann mithilfe der Schulminister entsprechende Fächer – Gesellschaftskunde et cetera – entweder ganz abgeschafft oder mindestens ausgedünnt haben, sodass Schüler und Schülerinnen, auch die, die studieren wollen, kaum Zeit hatten, also gesellschaftspolitische Kenntnisse zu erwerben in hinreichendem Maße und Haltungen zu entwickeln. Das hat natürlich dann auch Folgen im Studium, zumal, wenn sie dann noch im Lernschraubstock des Bologna-Prozesses sitzen und die Universitäten kein strukturelles Angebot machen.

Schulz: Wenn Sie sagen, die Unis vernachlässigen die Auseinandersetzung mit Rechts. Was machen denn die Unis und die Hochschulen falsch, oder was machen Sie zu wenig?

Heitmeyer: Nun, sie nehmen diese autoritären Versuchungen in der Gesellschaft offensichtlich nicht ernst. Wenn es dann zu Überfällen et cetera kommt, dann sind das meist kurzzeitige Reaktionen mit wirkungslosen Resolutionen. Es gibt durchaus Einzelfälle, wo man diese Dinge ernst nimmt. Das gilt übrigens für die Uni Bielefeld und auch für andere Universitäten, aber kein strukturelles Angebot, und das ist eigentlich der Punkt. Freiwillig kann man überall hingehen, aber was wird denn aus den Studierenden, die nach Haltungen suchen, aber kein Angebot finden, was auf Dauer gestellt ist.

Man muss immer wieder sagen, dieser autoritäre Nationalradikalismus, der sich herausbildet, der zielt auf die Institutionen, also auf die Schulen und auch auf die Universitäten, und ich kenne überhaupt keine Debatten in den Wissenschaftsgremien, wo das ernsthaft diskutiert wird. Hinzukommt, die verdienstvolle Konstanzer Hochschulforschung hat schon vor 20 Jahren darauf hingewiesen, dass gerade in den wirtschaftswissenschaftlichen, ingenieurwissenschaftlichen und juristischen Studiengängen solche Einstellungsmuster vorhanden sind, also dort, wo politische und wirtschaftliche Führungseliten erzeugt werden.

"Bildung ist schon lange kein schützender Puffer mehr"

Schulz: Einstellungsmuster – wie groß ist denn das Potenzial unter deutschen Studierenden für diese autoritäre, radikale, antidemokratische Haltung? Was glauben Sie?

Heitmeyer: Also neuere Untersuchungen sind mir jetzt nicht bekannt. Nur es war schon immer eine gesellschaftliche Selbsttäuschung, dass formal höhere Bildung schützt vor dem, was wir gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit nennen, und Bildung ist schon lange kein schützender Puffer mehr für etwaige generalisierte Islamfeindlichkeit. Also dort müsste eigentlich mehr Bewusstsein für strukturelle Veränderung und nicht für punktuelle Angebote in das Denken von Hochschulleitungen und vor allem auch von Professoren einziehen, die sich häufig unter dem Eindruck der rechtsintellektuellen Angebote dann eher in ihre homogene linksliberale Filterblase zurückziehen.

Da gibt es inzwischen ja durchaus einige Ereignisse, wie zum Beispiel an der Universität Siegen, die sehr irritierend sind. Bemerkenswert ist – das ist, finde ich, wichtig –, dass sich private Hochschulinstitutionen so etwas auf ihre Fahnen geschrieben haben, etwa in Witten/Herdecke oder die Bucerios Law School in Hamburg, während die staatlichen Universitäten mit wenigen Ausnahmen, wo es freiwillige Angebote gibt wie in Mainz, in Karlsruhe et cetera, dort hinterherhängen und die Situation einfach nicht ernst nehmen. Es steht mehr auf dem Spiel, als manche Hochschulleitung und auch Professoren sich das so vorstellen.

Schulz: Das ist die Analyse und die Forderung von Wilhelm Heitmeyer, Soziologe an der Uni Bielefeld. Wie umgehen mit Rechts an deutschen Hochschulen – darüber habe ich mit ihm gesprochen. Herr Heitmeyer, haben Sie vielen herzlichen Dank!

Heitmeyer: Bitte sehr!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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