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Probleme mit deutscher Sprache
Wozu noch Rechtschreibung?

Schüler haben zunehmend Probleme mit Rechtschreibung. In manchen Bereichen nehmen Fehler stark zu. Wie groß ist das Problem wirklich? Woher die Unsicherheit? Und ist Orthografie überhaupt noch wichtig?

16.03.2023
Ein rotes Graffiti an einer Wand: "Kein Strees" mit Herz daneben.
Ist Rechtschreibung überhaupt noch wichtig? (imago / Shotshop / Lutz Wallroth)
Es fängt schon an mit diesem Fremdwort: "Orthographie" oder "Orthografie"? Früher schrieb man es mit ph, heute mit f, aber es geht eben beides. Allerdings ist da immer noch das h hinterm t, das man eigentlich nicht braucht. Warum also nicht gleich „Ortografie“? Das wäre am einfachsten. Und konsequent. So weit geht die Liebe zur Eindeutschung dann doch nicht. Da bleibt man besser beim deutschen Wort: Rechtschreibung.
Doch die hat in letzter Zeit ziemlich gelitten. Im Jahr 1996 gab es eine Rechtschreibreform, die Regeln vereinfachen sollte, dagegen gab es auch Widerstand, unter anderem von Schriftstellern. Im Jahr 2006 wurde die Reform erneut reformiert. Das sorgte wieder für Kritik und auch Verwirrung. Die zugelassenen Varianten trugen zu einer Schreibunsicherheit bei, wie es im Sprachreport 1/2022 des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache heißt. Und das ist nur ein vergleichsweise kleines Problem, denn Schüler tun sich zunehmend schwer mit dem Schreiben nach Regeln, wie neueste Studien zeigen.

Wie steht es um die deutsche Rechtschreibung?

Viele Schüler haben Probleme mit Orthografie. Fast jeder dritte Viertklässler in Deutschland erreicht nicht den Mindeststandard der Kultusministerkonferenz, nur 44 Prozent den Regelstandard – und damit deutlich weniger als noch in den Jahren 2011 und 2016. Zu diesem Ergebnis kommt jedenfalls das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) in ihrer Studie „IQB-Bildungstrend 2021“. Ein „besorgniserregendes Bild“, so das Fazit.
Der dritte Bericht zur Lage der Deutschen Sprache von 2021, herausgegeben von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung sowie der Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, kommt zu einem differenzierten Bild. Einerseits haben manche Fehler seit den 70er-Jahren zugenommen. Zum Beispiel hat sich der Fehlerquotient von 1972 bis 2012 bei der Großschreibung verdreifacht (von 3,1 auf 11,2). Der Sprachwissenschaftler Dirk Betzel hat das herausgefunden, als er 1.000 Texte von Grundschülern aus Nordrhein-Westfalen untersuchte.

Zeichensetzung besser als gedacht

Bei der Zeichensetzung hingegen sieht es gar nicht so schlecht aus, zumindest was manche Kommaregeln angeht. „Kommas bei subordinierten Nebensätzen werden in Abiturarbeiten fast immer gesetzt“, schreibt Kristian Berg, Professor für Germanistische Linguistik, in seiner Untersuchung. „Solche bei Relativsätzen sind etwas seltener, ihr Anteil liegt aber bei rund 90 Prozent.“
Gleiches gilt für Kommas bei Infinitivgruppen. Allerdings werden seit den 80ern bei mit "und" konnotierten Verbzweitsätzen seltener Kommas gesetzt, seit den 50ern kommen Fehler wie sogenannte Vorfeldkommas vermehrt vor.
Bergs Fazit: „Je verlässlicher ein Komma allein mit Rückgriff auf bestimmte Wörter gesetzt werden kann (dass, weil, um zu usw.), desto höher ist der Anteil systemgerechter Kommas.“
Und dann gibt es immer noch die Tücke von „das“ und „dass“. Obwohl grammatisch der Unterschied klar ist, bleibt es laut dem Forscher Helmuth Feilke nach wie vor Deutschlands „Rechtschreibfehler Nr. 1“. Offenbar fehlt immer noch ein Ansatz, den Schülern diese Regel so zu erklären, dass sie beherzigt wird.

Warum tun sich viele schwer mit Rechtschreibung?

Die Rechtschreibreform von 1996 und 2006 habe gezeigt, dass Regeln veränderlich seien, sagt Henning Lobin, wissenschaftlicher Direktor des Leibniz-Instituts für Deutsche Sprache. In dieser „Ur-Erfahrung“ finde sich die Willkür, die sich bei manchen mit Rechtschreibregeln verbindet. Ein anderer Grund sei der Deutschunterricht. Dieser konzentrierte sich mehr auf inhaltliche Aspekte der Sprache, weniger auf formale.
Auch sei das Thema Rechtschreibung in der Vergangenheit nicht intensiv in der Forschung berücksichtigt worden. Das habe sich in den letzten Jahren geändert. Durch die Reform sei das Thema in den Vordergrund gerückt. „Das Thema gewinnt an Bedeutung, und man sollte deshalb auch hoffen, dass bei der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern an den Universitäten auch zukünftig bessere Materialien und Herangehensweisen zur Verfügung stehen und vermittelt werden können.“

Wozu ist Rechtschreibung gut?

Die Rechtschreibung hat eine wichtige Funktion für das Lesen. Durch sie lassen sich Texte besser verstehen. Andersrum gilt auch: Wer Rechtschreibung beherrscht, versteht auch Texte besser. Gleichzeitig zeigen sich auch Probleme, wenn verschiedene Schreibweisen zugelassen sind. „Je mehr Variation im Gebrauch herumschwirrt, also je uneinheitlicher ein Wort geschrieben wird, desto länger brauchen wir, um es zu lesen, um es zu erkennen“, so Kristian Berg.
Für Henning Lobin gilt grundsätzlich: „Die Beherrschung von Rechtschreibung ist ein Indiz dafür, dass man sich überhaupt mit Sprache intensiv auseinandersetzen kann. Insofern bildet die Rechtschreibung einen unveräußerlichen Teil der sprachlichen Bildung, sodass man diese auch stärken kann.“

Wer ist zuständig für die deutsche Rechtschreibung?

Im Jahr 2004 wurde der Rat für deutsche Rechtschreibung gegründet, um die begonnenen Reformen von 1996 abzuschließen. Er setzt sich aus 41 Menschen aus sieben deutschsprachigen Ländern und Regionen zusammen. Der Rat gibt Empfehlungen für die amtliche Rechtschreibung ab und orientiert sich dabei zum einen an der Forschung, zum anderen aber auch am Sprachgebrauch. Ziel ist es, die Regeln zu vereinfachen, also einprägsamer zu gestalten.

Seit wann gibt es eine verbindliche deutsche Rechtschreibung?

Die deutsche Rechtschreibung blieb lange unreguliert. Es gab regionale und auch individuelle Unterschiede, was Schreibweisen von Wörtern, aber auch Interpunktion angeht. So setzte selbst ein Klassiker wie Goethe - aus heutiger Sicht - gerne mal ein Komma zu viel und mal eins zu wenig. Manche seiner Zeitgenossen schrieben seinen Namen auch mal mit "ö".
Im 18. Jahrhundert vertrat Johann Christoph Adelung den Grundsatz "Schreibe, wie du sprichst", im 19. Jahrhundert plädierten die Brüder Grimm dafür, sich beim Schreiben an der Wortgeschichte zu orientieren (historisch-etymologisch).
Auch hielten die Grimms nicht viel vom "missbrauch großer buchstaben für das substantivum, der unserer pedantischen unart gipfel heissen kann", so Jacob Grimm. Daher schrieben sie auch in ihrem Deutschen Wörterbuch konsequent klein, außer bei Absatzanfängen, in denen das Lemma in Großbuchstaben steht.
Versuche zur Vereinheitlichung scheiterten, in jedem Land wurden andere Regeln gelehrt. Erst mit dem Wörterbuch von Konrad Duden (Erstauflage 1880) wurde die Grundlage für allgemeinverbindliche Normen gelegt. Diese basierten auf den Regeln des Germanist Wilhelm Wilmanns für preußische Schulen. Nach einer (zweiten) Orthografischen Konferenz im Jahr 1901 wurde im Jahr darauf das neue Regelwerk im Deutschen Reich, Österreich und der Schweiz für verbindlich erklärt.