Griechenlands Reeder
Das steckt hinter ihrem Reichtum

Griechische Schifffahrtsunternehmer gehören zu den vermögendsten Menschen der Welt. Sie haben großen Einfluss auf die Politik, sagen Experten. Für manche ihrer Geschäfte werden sie stark kritisiert.

    Ein LNG-Tanker entlädt Flüssiggas im Revithoussa Terminal nahe Athen.
    Ein LNG-Tanker entlädt Flüssiggas im Revithoussa Terminal nahe Athen: Der Transport von Flüssiggas verspricht derzeit ein gutes Geschäft (picture alliance / NurPhoto / Nicolas Koutsokostas)
    Griechenland hat nur zehn Millionen Einwohner, doch auf den Weltmeeren ist das kleine EU-Land eine wirtschaftliche Großmacht. Fast 20 Prozent aller Transportschiffe, die auf den Meeren fahren, gehören griechischen Reedern. Damit verfügen sie über die größten Transportkapazitäten der Welt.
    Einige der griechischen Schifffahrtsunternehmer gehören zu den reichsten Menschen der Erde, aber wohlhabend sind sie fast alle; und ihr Geschäft wächst trotz internationaler Krisen. Branchenberichten zufolge investieren Griechenlands Reeder allein dieses Jahr mehr als 14 Milliarden US-Dollar in ihre Flotten.

    Inhalt

    Griechen führen den größten Teil der LNG-Transporte durch

    Der Transport von Gütern über den Seeweg ist ein riesiger Markt: Rund 90 Prozent der Waren weltweit werden per Schiff umgesetzt.
    Ein gutes Geschäft verspricht derzeit der Transport von Flüssiggas (LNG). Wegen der Sanktionen gegen Russland infolge des Ukrainekriegs ist der Bedarf stark gestiegen. Experten rechnen damit, dass der Anteil des verflüssigten Erdgases in der EU bis 2029 über die Hälfte der Gasversorgung ausmachen wird. Vor allem die griechischen Reedereien machen mit diesem Geschäft Profit. „Sie kontrollieren derzeit den größten Teil des weltweiten LNG-Transports“, sagt der auf Schifffahrt spezialisierte Journalist Georgios Fokianos. Die Schifffahrtsunternehmer hätten zudem den größten Auftragsbestand.
    Eine weitere Einkommensquelle ist der Handel mit Schiffen. Die griechischen Reeder hätten hier in der Vergangenheit „Marktgespür“ bewiesen, sagt Max Johns, Professor für maritimes Management an der Hamburg School of Business Administration.

    Schifffahrt als wichtiger Wirtschaftsfaktor für Griechenland

    Für Griechenland sind die Reedereien ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Nach eigenen Angaben investieren die Unternehmer jährlich 1,5 Milliarden Euro im Land. Laut Georgios Fokianos hängen rund 200.000 Jobs von den Unternehmern ab, unter anderem in der Schifffahrt, der Verwaltung, bei Ersatzteillieferanten und Werften.
    Griechische Reeder unterhalten zudem gemeinnützige Stiftungen und spenden Millionenbeträge für den Bau von Schulen, Krankenhäusern und Bibliotheken. Der Reeder Evangelos Marinakis, laut Forbes-Liste einer der reichsten Griechen überhaupt, besitzt ein großes Medienhaus und den größten Teil des Fußballklubs Olympiakos Piräus.

    Steuern und Umweltauflagen: Interessen der Reeder durchgesetzt

    Dass Reeder Einfluss auf Politik und öffentliche Meinung nehmen, lässt sich nicht direkt belegen. Doch offenbar können sie sich immer wieder mit ihren Interessen durchsetzen. Zum Beispiel während der Finanzkrise 2015: Bürger und kleinere Unternehmen in Griechenland mussten damals harte Sparmaßnahmen hinnehmen. Die Schiffsunternehmer dagegen behielten weitreichende Steuerprivilegien. Einige zahlten immerhin Sonderabgaben. Freiwillig.
    Die Lobby der griechischen Reeder konnte sich auch bei niedrigeren Umweltauflagen durchsetzen, glaubt der Ökonom Max Johns. So sollte bis zum Jahr 2050 die weltweite Schifffahrt CO2-neutral werden. Doch daraus werde jetzt wohl nichts, so Johns. Durch das Lobbying der Reeder habe sich Griechenland in der Frage gegen die EU positioniert.

    Lukrative Geschäfte mit Russland

    Auch als die EU im Juli ein neues Sanktionspaket gegen Russland aufsetzen wollte, blockierten die Griechen. Der Entwurf sah vor, EU-Schiffen den Transport von russischem Flüssigerdgas an Drittländer deutlich zu erschweren beziehungsweise zu verbieten.
    Der einzige Grund für Griechenlands Blockade waren die Reeder, ist sich Johns sicher. Die Schifffahrtsunternehmer wollten dem Ökonomen zufolge weiterhin Gas und Öl aus Russland in Drittländer transportieren. Für griechische Reeder gibt es jetzt Ausnahmeregelungen.
    Doch griechische Reeder transportieren nicht nur russisches Öl, sondern verkaufen auch alte Tanker an Russland. Einer Studie der US-Denkfabrik Brookings Institution zufolge hat mehr als jedes dritte Schiff der russischen Schattenflotte früher einem griechischen Unternehmer gehört.

    Riesengewinne mit Fahrten durch die Straße von Hormus

    Gewinninteressen sind wohl auch der Grund, warum griechische Reeder ihre Schiffe weiterhin durch die Straße von Hormus schicken. Den Reedern anderer Länder ist das meist zu riskant. Bis zu 500.000 US-Dollar am Tag könne man aktuell mit solchen Fahrten verdienen, sagt Max Johns. Das sei bis zu zehnmal so viel wie normalerweise.
    Die panhellenische Seemannsgewerkschaft verurteilt die Fahrten scharf. „Die Reeder spielen mit dem Feuer, sie setzen das Leben ihrer Besatzungen aufs Spiel“, sagt Gewerkschaftsführer Antonis Ntalakogiorgos. Das Vorgehen der Unternehmer sei „inakzeptabel und verbrecherisch“. Laut Ntalakogiorgos drohten Reeder Seeleuten, sie würden keine Arbeit mehr bekommen, wenn sie nicht mitfahren. Viele hätten keine andere Wahl, als die Fahrten anzutreten.
    Schiffsexperte Max Johns geht dagegen davon aus, dass die Seeleute für die gefährlichen Aufträge hohe Bonuszahlungen erhalten. Die Reeder können sich solche Extraausgaben vermutlich leisten.

    Radiobeitrag: Astrid Halder, Onlinetext: Tobias Kurfer