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StartseiteSport am WochenendeVerlustgeschäft für den Sport?02.02.2020

Reform des GlücksspielstaatsvertragesVerlustgeschäft für den Sport?

Die langwierigen Verhandlungen über eine Änderung des Glücksspielstaatsvertrages werden schon mit dem Bau des Berliner Flughafens BER verglichen. Die Bundesländer haben sich nun zwar auf eine Reform geeinigt, in Kraft tritt sie jedoch frühestens 2021. Dem Sport drohen dabei finanzielle Einbußen.

Von Heinz Peter Kreuzer

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Ein Fußballspiel der 2. Bundesliga im Mai 2018. Im Hintergrund ist ein Werbebanner mit der Aufschrift Sportwetten zu lesen. (imago/Norbert Schmidt)
Weniger Geld für den Profisport, gar keins für den Breitensport: Danach sieht die Reform des Glücksspielstaatsvertrages momentan aus. (imago/Norbert Schmidt)
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43 Millionen Euro kassiert der deutsche Profisport von Sponsoren aus dem Glücksspiel-Sektor. 28 Glücksspiel-Marken werben auf TV-relevanten Flächen wie Trikots, Banden, CarpetCams usw. bei Verbänden, Klubs und Ligen. Bisher war die Tendenz steigend.

Mit dem neuen Glücksspielstaatsvertrag drohen in diesem Segment Einbußen. Problem: Bei Sportwetten sollen laut Entwurf zwar Ereigniswetten zugelassen werden. Also Wetten auf Ereignisse während des Spiels wie eine Rote Karte oder das erste Tor. Jedoch angesichts der Manipulationsgefahr nicht mehr als Live-Wette. Matthias Dahms, der Präsident des Deutschen Sportwett-Verbandes:

"Aber wir haben Sie schon mal hochgerechnet, wenn im Bereich der Live-Wette zum Beispiel, die heute sehr beliebt ist bei den Kunden und etwa 60 Prozent des gesamten Wettvolumens ausmacht. Wenn die dort im Staatsvertrag niedergelegten Einschränkungen tatsächlich dann auch so umgesetzt werden, dann würden wir etwa 70 bis 80 Prozent des heutigen Wettvolumen verlieren. Das sind dann also in der Größenordnung drei Milliarden Euro."

Weniger Geld für Sportsponsoring

Sinkende Einnahmen könnten weniger Geld für Sportsponsoring aus der Glücksspielbranche bedeuten. Das prognostiziert auch Ronald Reichert, einer der renommiertesten Juristen im Glücksspiel-Wirrwarr. Er befürchtet eine Abwanderung der Live-Wetter in den Schwarzmarkt.

"Wenn es nicht gelingt, dass der Großteil des Marktes die erlaubten Angebote annimmt, dann wird natürlich der Sport ein erheblich geringeres Volumen an Anbietern vorfinden. Und das führt zwangsläufig dazu, dass die Werbeverträge nicht mehr so attraktiv sind."

Und der Breitensport? Für den sind im Entwurf des Glücksspielstaatsvertrages keine Abgaben vorgesehen - trotz der Forderung von Sportfunktionären. Martin Nolte von der Deutschen Sporthochschule in Köln hat den organisierten Sport in den vergangenen Jahren in juristischen Fragen beraten. Aus seiner Sicht wären diese Einnahmen für den Breitensport extrem wichtig und berechtigt. Schließlich veranstaltet und finanziert der organisierte Sport zahlreiche Events, auf die gewettet wird:

"Für die wird auch der organisierte Sport nach wie vor streiten, weil es nicht sein kann, dass er die Ausgaben und die Aufwendungen hat, dann auch noch die Risiken aus der Manipulation von Sportwettbewerben trägt - und auf der anderen Seite die Länder die fiskalischen Erträge für sich generieren. Das passt nicht zusammen, das ist eine Asymmetrie und die muss aufgehoben werden durch eine Finanzierungsgarantie."

Vorschläge des Sports wurden zuletzt ignoriert

Etwa 300 Millionen Euro Steuern zahlen die privaten Wett-Anbieter jährlich. Einen letzten Versuch, die Forderung nach einer Abgabe für den Breitensport in den neuen Vertrag zu integrieren, hat der organisierte Sport im Februar. Der Deutsche Olympische Sportbund, der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga werden noch einmal angehört. Aber: In der Vergangenheit wurden die Vorschläge des Sports immer ignoriert.

Martin Nolte erinnert an den Sportbeirat des bisherigen Aufsichtsgremiums - des Glücksspielkollegiums -, "der vor acht Jahren eingerichtet wurde, zwar vielfältige Stellungnahmen in der Vergangenheit abgegeben hatte, die aber nicht so berücksichtigt worden sind in der Diskussion, wie es der Sportbeirat doch hätte erwarten können."

Zwischenzeitlich hatte der Sportbeirat aus Protest sogar seine Arbeit eingestellt. Selbst die privaten Anbieter haben sich in der Vergangenheit für eine Sportabgabe eingesetzt, so schildert es Matthias Dahms:                  

"Wir setzen uns als Deutscher Sportwetten-Verband seit vielen Jahren dafür ein, dass der Sport in einer festgelegten Größenordnung an den Steuereinnahmen, die aus der Sportwette generiert werden, beteiligt wird. Wir unterstützen da die Forderung des Sports, dass etwa ein Drittel der Sportwettensteuer tatsächlich auch direkt dem Breitensport zukommen soll."

Große Erwartungen an neue Behörde

Bei den Verhandlungen sind die Wünsche des Sports den verschiedenen Interessen der Bundesländer bei der Suche nach Kompromissen zum Opfer gefallen. Die Politik hatte, wie schon zuvor das Glücksspielkollegium, den Sport ignoriert. Dieses Gremium soll in dem neuen Staatsvertrag durch eine neue Behörde ersetzt werden. Der Glücksspielforscher Tillmann Becker von der Universität Hohenheim sagte im Deutschlandfunk-Podcast "Der Tag":

"Sie muss gegen die illegalen Angebote vorgehen. Sie muss die Zahlungsströme sperren. Sie muss auch im Internet eventuell die Seiten blockieren oder umlenken auf eine sogenannte Stoppage. Sie muss dafür sorgen, dass für den Verbraucher deutlich wird, was legal ist und was illegal ist."

Rechtsexperte Ronald Reichert bezweifelt, dass die Behörde rechtzeitig installiert wird. Es könne noch vier bis fünf Jahre dauern, bis sie voll arbeitsfähig ist.

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