Sonntag, 22. Mai 2022

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Reformation in Serie
Luthers Thesen - neu gelesen (79)

Der Humanist Frieder Otto Wolf, die Historikerin Katharina Kunter und der Schriftsteller Feridun Zaimoglu kommentieren Martin Luthers 79. These.

06.10.2017

These 79: "Zu sagen, das mit dem päpstlichen Wappen ins Auge fallend aufgerichtete Kreuz habe den gleichen Wert wie das Kreuz Christi, ist Blasphemie."
Frieder Otto Wolf, Humanist: "Das Kreuz Christi ist ja ein historisches Kreuz. Es ist ja nicht gegenwärtig. Und das päpstliche Wappen ist natürliche eine der Darstellungen des Kreuzes Christi. Also wenn dann zeitgenössische Theologen angefangen haben, eine Bedeutungshierarchie zwischen dem originalen Kreuz Christi und der Abbildung im päpstlichen Wappen herzustellen, ist das natürlich absurd. Dass hier eine spezielle Gotteslästerung vorliegt, den Gedanken kann ich nicht nachvollziehen."
Katharina Kunter, Historikerin: "Zu dieser These kann man sich ganz schön einen zeitgenössischen Holzschnitt des Künstlers Heinrich Vogtherr angucken. Da sieht man nämlich in der Mitte ein riesengroßes Ablasskreuz und obendrauf eine Dornenkrone. Dahinter ist der Altar und links und rechts kann man dann die päpstlichen Wappen sehen. Und wiederum davor dann auf der linken Seite der Ablassprediger mit seiner Geldtruhe davor und das alles ist von geschäftigem Treiben umgeben. Und das ist eigentlich das Bild, was Luther hier vor Augen hat und für ihn ist ganz klar: Dieses Ablasskreuz in diesem geschäftigen Treiben, das kann nicht das Kreuz Christi sein."
Feridun Zaimoglu, Schriftsteller: "Luther weist auf den offiziellen Aberglauben hin, damals wie heute. Hier in diesem Falle wird das Abbild, wird der Widerschein mit dem Urbild gleichgesetzt. Da kann man darüber philosophieren, es wird aber nicht richtiger."
Konzeption und Realisierung: Christiane Florin, Andreas Main, Christian Röther, Simonetta Dibbern