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StartseiteTag für TagEKD-Papier spaltet die Kirchen09.07.2014

Reformationsjubiläum 2017 EKD-Papier spaltet die Kirchen

Ein EKD-Text zum Reformationsjubiläum sorgt für Wirbel: Erst warfen prominente Historiker dem Papier eine dogmatische Geschichtsschreibung vor. Jetzt hagelt es Kritik aus der katholischen Kirche. Der Vorwurf: Der Text sei eine Absage an die ökumenischen Gespräche der vergangenen Jahre.

Von Sandra Stalinski

Zu sehen ist der Reformator Martin Luther  (Cranach)
"Rechtfertigung und Freiheit" - der Grundlagentext des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum 500. Reformationsjubiläum im Jahr 2017 löst Kontroversen aus. (Cranach)
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In dem Grundlagentext, der vor wenigen Wochen vorgestellt wurde, entfaltet die EKD ihr Verständnis der Rechtfertigung – der Frage also, wie der sündige Mensch vor Gott bestehen kann. Ausgangspunkt im EKD-Papier ist die Rechtfertigungslehre von Martin Luther. Sie stellte einen wesentlichen Grund für die Kirchenspaltung im 16. Jahrhundert dar.

Der frühere Ökumeneminister des Vatikans, Kardinal Walter Kasper, hatte das EKD-Papier in einer Replik als unzureichend eingestuft. Er sei enttäuscht, so Kasper kürzlich in Berlin, dass die Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre mit keinem Wort erwähnt werde.

"Sind wir in Deutschland wirklich so weit, dass die bloße Erwähnung eines wichtigen ökumenischen Dokuments für die Gemeinden in der EKD eine Belastung darstellt? Sollte das wirklich die Meinung der EKD sein, dann muss sie sich fragen, ob sie noch als ein ernsthafter ökumenischer Partner gelten will."

Die Konsens-Erklärung wurde 1999 vom Vatikan und vom Lutherischen Weltbund unterzeichnet. Sie gilt als ökumenischer Meilenstein, denn die gegenseitigen Lehrverurteilungen und Verwerfungen der beiden Kirchen über die Rechtfertigungslehre werden in dem Dokument erstmals aufgehoben.

Christoph Markschies von der Berliner Humboldtuniversität wies die Kritik Kaspers umgehend schroff zurück. Markschies hatte die Kommission geleitet, die das EKD-Papier zum Reformationsjubiläum verfasst hatte. Vor allem aber war Markschies einer jener rund 250 evangelischen Theologieprofessoren, die seinerzeit gegen die Gemeinsame Erklärung protestiert hatten.

Von den neuen Misstönen zwischen katholischer und evangelischer Kirche zeigt sich der katholische Ökumene-Bischof Gerhard Feige aus Magdeburg enttäuscht:

"Eine verpasste Chance"

"Wir hätten uns sehr gewünscht, ohne da einen historischen Exkurs darüber zu veranstalten, dass diese GER von 1999 über die Rechtfertigungsproblematik, dass die doch deutlicher zum Ausdruck gekommen wäre, um doch zu zeigen: Das, was uns im Kern auseinandergebracht hat, da sind wir eben doch in Grundlegendem jetzt beieinander und da kann man ganz anders auf dieses Reformationsjubiläum zugehen. Also ich sehe das ein bisschen als eine verpasste Chance."

Feige wünscht sich stattdessen, das 500-jährige Reformationsjubiläum im Jahr 2017 zu nutzen, um einander näher zu kommen. Doch das sei durch das EKD-Papier für Katholiken nicht einfacher geworden.

"Es war 1999 ein gewaltiges Ereignis, ich würde sagen, es war tatsächlich ein Durchbruch, dass zum ersten Mal nicht irgendwelche Theologen ein Papier verfasst haben, sondern dass das offiziell von den Kirchen des lutherischen Weltbundes und der katholischen Kirche anerkannt wurde. Denn vorher waren die Gegensätze viel schroffer über Jahrhunderte, die einen sagten eben, gerechtfertigt allein aus Gnade und die anderen – sehr einfach gesagt – durch Werke. Und das ist meiner Meinung nach überwunden. Und das wäre doch ein guter Beitrag jetzt zum Reformationsgedenken, deutlich zum Ausdruck zu bringen: Das, was uns damals auseinandergebracht hat, ist es heute nicht mehr."

Deutlich härtere Worte findet der katholische Theologe Wolfgang Thönissen. Er bezeichnet den EKD-Text als Absage an die ökumenischen Gespräche der vergangenen zehn Jahre. In einer Replik entfaltet der Leiter des Johann-Adam-Möhler-Instituts für Ökumenik seine inhaltliche Kritik:

"Theologischer Grundgedanke ist gerade nicht, zentrale Einsichten der Reformatoren historisch angemessen zu rekonstruieren und dann für heute zu rezipieren, sondern sie für eine protestantische Orientierung unhistorisch zu instrumentalisieren. Und protestantisch heißt hier, sie so zuzuspitzen, dass eine ökumenische Verständigung von vornherein ausgeschlossen ist."

Auch der katholische Theologe und Ökumene-Experte Peter Neuner stößt sich an Formulierungen des EKD-Textes.

"Es kommen einige Passagen in dem Text, wo Formulierungen gewählt werden, die ökumenisch wenig verträglich sind, da hätte man sicher vorsichtiger formulieren können. Dass man beispielsweise die Formulierung wählt, ein evangelischer Pastor wird ordiniert, nicht geweiht, das scheint mir nun tatsächlich eine merkwürdige Aussage zu sein. Ordination ist lateinisch von dem, was dann im Deutschen als die Priesterweihe bezeichnet wird. Aber sämtliche kirchenamtlichen oder lateinischen Texte sprechen hier von Ordination. Und darin nun einen kirchentrennenden Unterschied festzumachen, scheint mir nicht sehr überzeugend."

Gemeinsames Reformationsjubiläum rückt in weite Ferne

Der Streit um das EKD-Papier erweist sich längst als Belastung für die Ökumene. Insbesondere das Ziel, das Reformationsjubiläum gemeinsam zu begehen, scheint wieder in weitere Ferne gerückt. Ohnehin sei es dabei für die Katholische Kirche eine Frage, was sie hier eigentlich mitfeiern könne, sagt Peter Neuner.

"Traditionell hat man ja die Reformation eher verstanden als Anlass zur Kirchenspaltung und dies ist nun nicht ein Gegenstand, den man groß feiern könnte. Die Spaltung der Christenheit ist ein Stein des Anstoßes, also einfachhin eine gemeinsame Feier scheint mir so nicht möglich zu sein. Was wir feiern können – und ich hoffe, dass es sich daraufhin auch entwickelt – ist, dass wir immer wieder neu als Kirchen uns besinnen müssen und uns reformieren müssen, heute so wie im 16. Jahrhundert, dass wir das Wort, den Ursprung neu hören und vor allem versuchen, in der jeweiligen Zeit, die christliche Botschaft so zum Ausdruck zu bringen, dass sie verstehbar wird."

Das ist auch ein Anliegen von Ökumenebischof Feige. Er weist darauf hin, dass es bereits Überlegungen von EKD und katholischer Bischofskonferenz gebe, wie ein gemeinsames Reformationsgedenken aussehen könnte. Im Gespräch sei beispielsweise eine gemeinsame Versöhnungsbitte.

"Dass wir beispielsweise in der Fastenzeit 2017 auch mal ein öffentliches Zeichen setzen, dass wir uns dieser Vergangenheit stellen, die uns auseinandergebracht hat, aber auch in diesem Zusammenhang würdigen, dass es durchaus durch die Jahrhunderte hindurch auch andere Beispiel gegeben hat von Toleranz, Versöhnung, Verständigungsbemühungen gerade in den letzten Jahrzehnten. Und dass wir in gewisser Weise diese ganze Geschichte vor Gott stellen und uns dazu bekennen und wenn nötig auch um Verzeihung bitten."

Erste versöhnliche Signale bei der evangelischen Kirche

Wolfgang Thönissen hingegen bleibt angesichts der Misstöne skeptisch, ob die ökumenischen Vorbereitungen für 2017 in gleicher Weise weiterlaufen können. Er rät der katholischen Kirche, alle Einladungen zu gemeinsamen Feiern zum Reformationsjubiläum zurückzuweisen. Zu erwägen seien allenfalls ökumenische Gedenkveranstaltungen.

In der evangelischen Kirche gibt es inzwischen erste versöhnliche Signale. So sagte der Catholica-Beauftragte der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands, Bischof Karl-Hinrich Manzke, er verstehe das Bedauern gut, dass das Dokument wesentliche Teile des ökumenischen Gesprächs nicht erwähne. Das Urteil Thönissens gehe gleichwohl zu hart mit dem Text um und übersehe die Zielsetzung einer innerprotestantischen Verständigung sowie eines nicht konfessionell verengten Reformationsgedenkens.

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