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StartseiteKulturfragen"Im Westen habe ich mich unfrei gefühlt"19.01.2020

Regisseur Achim Freyer"Im Westen habe ich mich unfrei gefühlt"

In der DDR gab es mehr Natur, Solidarität unter Kollegen und eine große innere Freiheit, gute Kunst zu machen, sagte der Regisseur Achim Freyer im Dlf. Dennoch floh er 1972 in den Westen. Der Kulturschock war immens: "Die westliche Freiheit hat mich gefesselt", so Freyer.

Achim Freyer im Gespräch mit Dorothea Marcus

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Der Regisseur Achim Freyer gibt in der Akademie der Künste eine Pressekonferenz zu einer Ausstellung. (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
Der Regisseur Achim Freyer machte Erfahrungen als Künstler in zwei Systemen (picture alliance / dpa / Hannibal Hanschke)
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"Jetzt kommen die Staatskünstler und Spitzel, vor denen wir geflohen sind, auch in den Westen", dachte der Regisseur und Künstler Achim Freyer entsetzt, als ihn die Nachricht vom Mauerfall in der Kantine des Wiener Burgtheaters erreichte. Und doch bedauert er heute noch, wie die DDR von der Bundesrepublik bei der Wiedervereinigung überrannt wurde. Das gilt selbst für deren offizielle Kunstgeschichtsschreibung: "Das sind alles Behauptungen. Da kamen Journalisten in den 1980er-Jahren aus dem Westen und trafen offizielle Künstler, vor denen wir ja geflohen sind", sagt er. Einerseits war Freyer stets gegen das verordnete figürliche Malen der DDR: "Der Arbeiter wurde so dumm gemacht, dass er nur versteht, wenn alles fotografisch abgebildet wurde".

Kulturschock im Westen

Andererseits ermöglichten diese Beschränkungen gute Kunst und Solidarität unter den Kollegen – während Freyer im Westen stets mit Konkurrenzkampf konfrontiert war. Und 1972 erstaunlicherweise gerade bei den dezidiert linken westlichen Künstlern nicht gut aufgenommen wurde. Der Kulturschock war immens: Es gab "viel zu viele Buttersorten, zu wenig Natur, zu hohe Gebäude." - "Die westliche Freiheit hat mich gefesselt", sagt Achim Freyer heute über das damalige Gefühl, im Westen künstlerisch gelähmt und unfreier als im Osten zu sein.

Bilderserie des Berliner Künstlers, Regisseurs und Bühnenbildners Achim Freyer bei der Art Cologne auf, November 1996 (AP) (AP)Achim Freyer, Jahrgang 1934, studierte Malerei und Gebrauchsgrafik und war Meisterschüler von Bertolt Brecht, bevor er ab den späten 1960er-Jahren auch als Bühnen- und Kostümbildner arbeitete. 1972 ging er in den Westen, entwickelte als Regisseur und Bühnenbildner seine ganz eigene Theatersprache und wurde mit Inszenierungen für Schauspiel und Oper international berühmt. Mit seinem bildnerischen Werk nahm er zwei Mal an der documenta teil. 2012 gründete er die Achim-Freyer-Stiftung mit eigener zeitgenössischer Kunstsammlung und Stipendiatenprogramm. 

Flucht in die Freiheit

Bei der Vorbereitung eines Gastspiels in Florenz hatte Freyer damals gehört, wie Professoren mit ihren diskussionsfreudigen Studenten vollkommen offen über Kunst und Politik redeten - und wurde von Sehnsucht überfallen. Obwohl er einst zutiefst daran geglaubt hatte, in der DDR eine neue Gesellschaft mit erschaffen zu können, sah er 1972 unter den Künstlern der DDR vor allem Hoffnungslosigkeit und Resignation. Bei seiner Flucht in den Westen ließ Freyer zunächst seine Frau, zwei kleine Töchter und viele Kunstwerke zurück. Die Familie konnte neun Monate später mit Hilfe von Fluchthelfern nachkommen.

Das Volk der "Leisesprecher"

Heute ist das Erbe der DDR, auch wenn seine Flucht fast 40 Jahre her ist, in Achim Freyer immer noch tief verankert: "Wir haben in der DDR gerlernt, leise zu sprechen, weil wir immer was zu sagen hatten und alle sollten es nicht hören". Der tiefe Minderwertigkeitskomplex von DDR-Bürgern habe sich auch ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall weitervererbt. Und, so Freyer: "Heute kann man laut sprechen, aber eben nur dummes Zeug, das ist das Problem."

Gegen heutige Spaltungen zwischen Ost und West hilft Freyers Meinung nach nur das Kommunizieren mit Hilfe der Kunst. Seit Jahren malt er Bilder, die er zerschneidet und wieder neu zusammensetzt, was auch zu neuen Verbindungen und Integration führt. Davon, dass sich Kulturen zu neuen Formen zusammensetzen müssen, ist Freyer überzeugt – das Gegenteil eines Nationalisten.

Für ihn bleibt die große Utopie, mit Hilfe von Kunst an Verschmelzung von Kulturen zu arbeiten – und sei es auch der von Ost- und Westdeutschland.

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