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StartseiteSonntagsspaziergangEin Spiegel deutscher Geschichte04.10.2015

Reichstagsgebäude in BerlinEin Spiegel deutscher Geschichte

Das Reichstagsgebäude in Berlin, in dem der Deutsche Bundestag seinen Sitz hat, in dem das Herz der deutschen Demokratie schlägt, war immer wieder Zankapfel von Vertretern unterschiedlicher Systemvorstellungen. Er strotzt nur so von Zeugnissen der Geschichte – von der Kaiserzeit bis zu unserer heutigen Staatsverfassung.

Von Joachim Dresdner

Das Reichstagsgebäude in Berlin. (Joachim Dresdner)
Das Reichstagsgebäude in Berlin. (Joachim Dresdner)

Michael S. Cullen, geboren im nördlichsten Stadtbezirk von New York City, der Bronx. Ein Amerikaner in Berlin: Vater Pole, Mutter Österreicherin. Seit 1964 fühlt er sich nicht nur pudelwohl in Berlin, Cullen fand Spaß daran, den Berlinern, den Deutschen, ihre Geschichte näher zu bringen, mit seinen zahlreichen Büchern, die er in einem kleinen Berliner Verlag veröffentlichte und mit großer Symbolik, wie der Verhüllung des Reichstagsgebäudes 1995, denn das war seine Idee!

"Diese Stadt ist ja auch so unfertig, da gibt's viel zu tun. Das gefällt mir, weil ich etwas tun will und manches erreiche ich und manches eben nicht und das ist ok so."

Der wortgewandte Mittsiebziger und Träger des Bundesverdienstkreuzes hat am 9. Juni Geburtstag. Und an einem 9. Juni, allerdings 1884, wurde der Grundstein für das Reichstagsgebäude gelegt. Ein Symbol deutscher Reichseinheit sollte es werden. Viel Militär und nur wenige Parlamentarier nahmen an der verregneten Zeremonie teil.

Zehn Jahre wurde gebaut. 1894 die Einweihung. Der 137 Meter lange und 103 Meter breite Bau mit seiner 75 Meter hohen Kuppel war betriebsbereit. Die Inschrift über dem Portal auf der Westseite wurde im Dezember 1916 nachgeliefert. Die Buchstaben kamen aus der Bronzegießerei Loevy, einem jüdischen Familienunternehmen.

Wallot hatte vorgeschlagen: "Dem Deutschen Volke", das war schon in einer Zeichnung von 1893 zu sehen, aber viele Leute wollten das nicht und der Kaiser wollte das auch nicht."

Paul Wallot, der Architekt! Sein Kollege, der Architekt und Typograf Peter Behrens hatte die Schrift der Buchschrift des frühen Christentums entlehnt. Knapp 39 Jahre berieten und beschlossen die Parlamentarier in dem wuchtigen Gebäude, ehe es in Flammen aufging, kurz nach der Machtergreifung der Nazis. Obwohl die Brandursache nicht geklärt war, nutzte der Reichsminister und preußische Innenminister Göring sofort dieses "Zeichen der Zeit":

"Die Reichsregierung war sich im Klaren darüber, dass der Brand des Reichstages als ein Zeichen gewertet werden musste, in welch unmittelbarer Gefahr Staat und Volk sich bereits befinden."

Göring meinte die "gewaltige Gefahr des Kommunismus", nicht die des II. Weltkrieges, den der Nazibonze sechs Jahre später mit vom Zaune brechen sollte.

Da stand er nun, der Reichstag, verlassen von den Abgeordneten, ein leeres Gemäuer mit zugemauerten Fensteröffnungen und Türen. Für Sowjetführer Stalin Sinnbild des sogenannten Dritten Reiches.

Nach zehn Jahren Leerstand zog im Keller die Entbindungsstation der Charité ein. Berlin war Ziel alliierter Bomberverbände geworden:

"Neben dem alten Kohlenkeller gab es eine Entbindungsstation und ich glaube, es gibt hier bis zu 120, 130 Kinder, die im Laufe der letzten 2 ½ Jahre Reichstagszeit hier geboren wurden. Ich habe ihre Geburtsurkunde gesehen. Das steht auch Geburtsort: Reichstagsgebäude"

Anfang Mai 1945 eroberte die Rote Armee Berlin. Die Uhren wurden auf Moskauer Zeit vorgestellt. Auf dem Südostturm des Reichstages inszenierten die Soldaten ein Siegerfoto, das um die Welt gehen sollte:

"Der Fotograf hat das Ding zwei Tage später auf der Südostseite mit Blick von oben nach unten. Man sieht schon unten am Brandenburger Tor, auch das Haus hier, wo Christo das Büro hatte und Foster auch. Ich habe mit Chaldej, dem Fotografen, diese Stelle besucht, '94, der fast blind und so weiter. Das ist nur die Stelle, wo er das Foto gemacht hatte."

1994 war Jewgeni Ananjewitsch Chaldej weitgehend vergessen. Der Fotograf und Kriegsberichterstatter, stammte aus einer jüdisch-ukrainischen Familie. Die Ausstellung seiner Fotos, 2008 im Berliner Martin-Gropius-Bau hat er nicht mehr erlebt. Cullen erzählt, dass Chaldej, die Fahne, die auf dem berühmten Foto zu sehen ist, selbst mitgebracht hatte:

"... selbst mitgenäht, in die Hände von zwei oder drei Rotarmisten gestellt, die auch nicht die eigentlichen Flaggenhisser waren, damit das Ding gemacht werden konnte."

Das war auf der Südost-Seite, dort wo jetzt die blaue Fahne der Europäischen Union weht. Auf der Westseite war die Inschrift in Mitleidenschaft geraten. Durch den massiven Beschuss in den letzten Kriegstagen fehlten bei der Inschrift ein "D" und ein "V":

"Ein Freund von mir, der Maler Johannes Grützke, der war als Kind hier, ging an dem Haus vorbei und da stand: "Dem eutschen olke", "Dem eutschen olke!"

Das Gemäuer hinter dem "D" und dem "V" ist erkennbar heller, als die übrigen ausgebesserten Stellen.

Sektorenteilung in Berlin: russisch der Ostsektor, in den Westsektoren haben Amerikaner, Engländer und Franzosen das Sagen. Der Reichstag war kein Symbol deutscher Einheit mehr, eher der aufkommenden Teilung Berlins und Deutschlands.

Bald begann die Diskussion, was wird aus dieser stolzen Ruine? Die Abgeordneten der jungen Bundesrepublik trafen sich meist in Bonn.

"Das Haus hat an der Stelle, wo wir jetzt sitzen, diese Ecktürme, die Mauern sind vier Meter dick. Backstein und dann Sandstein und teilweise unten Granit, also es ist wirklich unzerstörbar!"

Und wenn Wiederaufbau, weil unzerstörbar, was wird dann aus der großen Kuppel?

Die Kuppel war stark beschädigt, schon im Brand und dann wieder so hergestellt worden. Der Brand hat ihr nicht so viel ausgemacht und er wurde repariert, wieder verglast, damit kein Regenwasser rein kam. Der Beschuss von '45 hat an einer Ecke der Stütze das Ding sehr geschwächt und 1952 gab es Filmaufnahmen und Steinbrocken kamen runter und haben manche Schauspieler sehr gefährdet. Es gab einen Film "Die Spur führt nach Berlin" von Arthur Brauner mit Wolfgang Neuss. Da hat man dann beschlossen, wir lassen das Ding dort stehen, erst mal eine Weile, weil auch das Geld nicht da war, um das abzureißen. Und dann hat man das Ding also abreißen lassen. Im November 1954 ist das Ding mit einer Chemikalie, "Thermit" heißt das Zeug, und das wurde dann angezündet und das schmilzt den Stahl und dann stürzt es ein. So ist es passiert, beim dritten Versuch!"

Im eisig-kalten Novemberwind schaute ein Rundfunkreporter dem neuerlichen Sprengungsversuch zu:

"Oben in der Kuppel glüht jetzt bereits die vierte Thermitladung auf. Wieder entwickelt sich der gelbe, schweflige Qualm, zieht ab in Richtung Osten, dann bricht die Kuppel ein! Nur Sekunden währte diesmal das Aufglühen der Thermitladungen und schon begann sich der Kopfring nach innen abzusenken und mit ohrenbetäubendem Donnern stürzte die 270 Tonnen schwere Kuppel ein.

Zwei Jahre später, im Sommer 1956, machten sich die Berliner noch immer Gedanken, was nun daraus werden sollte:

"Aufbauen, aufbauen, weil ein Symbol für Deutschland. Ich bin mehr dafür, dass es als Denkmal steht und ein repräsentatives Gebäude baut, das mehr den heutigen bautechnischen Formen entspricht."

Die Lücken wurden geschlossen, es konnte nicht mehr hineinregnen.

Durch Michael Cullens Erklärungen wirkt der Bau auf mich weder kalt noch unnahbar. Wenngleich wir uns von der Ostseite zunächst nicht nähern konnten. Absperrgitter, aber ein freundlicher Polizist, der schließlich eine Ausnahme zuließ. So standen wir, windgeschützt, dicht am Gemäuer und blickten Richtung Osten. Ein paar Meter vor uns markiert ein Betonstrich den einstigen Verlauf der Mauer:

"Die eigentliche Grenze verlief durch einen Teil des Mauerwerks hier an der Ostseite, vor dem zentralen Osteingang. Da man die Mauer nicht gestellt hatte direkt an der Grenze, sondern etwas zurück, war es möglich, theoretisch, durchzugehen hier auf der Ostseite, denn die Mauer war wirklich dort. Aber, eigentlich DDR-Gebiet war bis hier, bis zu der Grenze hier, wo diese Laterne steht."

Es gibt zwei Leuchter. An den Armen des auf einem Sockel stehenden Bronze-Kandelabers hängt je eine Laterne. Auf der Säule steht eine Figur die zwei vergoldete Ährenkränze in ihren seitlich ausgestreckten Armen hält. Ebenso kunstvoll der andere Leuchter. Berlin glänzte mit beiden auf der Weltausstellung in Paris 1900 und stellte sie dann am Reichstag auf:

"Das wurde abgebaut und deswegen ist das nicht zerstört worden am Kriegsende und deswegen konnte man das wieder aufstellen."

Gegenüber, auf der Ostseite, steht ein weiteres Gebäude vom Reichstagsarchitekten Paul Wallot. Bis Kriegsende das Haus des Reichstagspräsidenten, danach ein wichtiges Objekt für die DDR-Sicherheitsorgane, schätzt – schmunzelnd, Michael Cullen:

"Ich glaube, die haben versucht, hier abzuhören. Es wird gemunkelt, dass dort auch Richtmikrofone waren, um hier im Reichstagsgebäude Gespräche abzuhören und es gab hier im Reichstag sogar, das habe ich neulich erfahren, ein geheimes Telefon für die Mitglieder der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin, in der Hannoverschen Straße, wenn sie unbedingt etwas wirklich Vertrauliches sagen wollten, nach Bonn, sind sie hergekommen, um im Reichstag zu telefonieren. Und da war es zu den DDR-Zeiten ein Recordingstudio, ein Tonaufnahmestudio. Dort hat Wolf Biermann unter anderem Schallplatten aufgenommen."

Eine Aufnahme aus den 1960er Jahren. Im rauen Wind des Kalten Krieges donnerten sowjetische Düsenjäger über den Reichstag und die nahe Westberliner Kongresshalle, durchbrachen mit lautem Knall die Schallmauer. Im Frühjahr 1965 fand in der Kongresshalle eine Sitzung des Bundestages statt. Heute schwer zu verstehen, dass aus DDR-Sicht West-Berlin als selbstständige politische Einheit nicht von der Bonner Bundesrepublik regiert werden durfte.

Im März 1971 zog die Ausstellung "Fragen an die Deutsche Geschichte" in denReichstag ein. Und im Sommer '71 begann eine Geschichte, die kann Michael Cullen nicht schlicht und kurz erzählen. Es ist seine Erfolgsgeschichte! Am Anfang war eine Postkarte, die er an Christo und Jeanne-Claude schickte, mit einem Bild des Reichstagsgebäudes und dem Vorschlag, das "umseitig abgebildete Gebäude" zu verhüllen.

"1971 die Postkarte von mir an Christo mit dem Vorschlag. Gleich, im selben Jahr seine Zusage: Versuchen wir das! Wir treffen uns. Wir lernen uns kennen. Ich gründe ein Büro und '76 kommt er zum ersten Mal nach Berlin überhaupt, nimmt den Reichstag in Augenschein. Dann kriegen wir relativ schnell einen Termin mit Annemarie Renger im Juni '76 und sie ist nicht ablehnend, aber sie wird nicht wiedergewählt."

Annemarie Renger: bis 1976 Präsidentin, von 1976 bis 1990 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Es ging hin und her. In den 16 Jahren zwischen 1976 und 1992: 3x Ja und 3 x Nein der jeweiligen Bundestagspräsidenten und -präsidentinnen von Renger über Carstens, Stücklen, Barzel und Jenninger - bis Rita Süssmuth 1988 Präsidentin des Deutschen Bundestages wurde:

"Da kommt Rita Süssmuth. Christo sagt mir, du gehst nicht zu Süssmuth! Wenn sie Dir 'Nein' sagt, das ist als würde sie mir 'Nein' sagen."

Die politische Wende vom November 1989 war auch die Wende für das Projekt. Denn mit dem Fall der Mauer und mit der deutschen Einheit kam der Wunsch den Sitz der Regierung von Bonn nach Berlin zu verlegen. Auf die Frage, ob er noch immer an seinem Plan festhalte, antwortete Christo: "Jetzt erst recht!"

Am 20. Juni 1991 fiel im Bundestag die Entscheidung zur Hauptstadtfrage.

Rita Süssmuth:

"Die Spannung ist riesengroß und ich geb' das Ergebnis jetzt bekannt: Für den Antrag 'Bundesstadtlösung, Bonn-Antrag': 320 Stimmen. Für den Antrag ‚Vollendung der Einheit Deutschlands, Berlin-Antrag': 337 Stimmen, Enthaltungen: Zwei

"... und dann, am nächsten Tag sagt Friedbert Pflüger, ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter,(von 1990 bis 2006 Mitglied des Deutschen Bundestages, zuvor 1984 bis 1989 Pressesprecher des Bundespräsidenten) Frau Süssmuth, die hat für Bonn gestimmt, sie sollte sich schämen und sie sollte Christo erlauben den Reichstag zu verpacken und als Bundestag auszupacken."

21 Jahre nach der Idee mussten so schnell wie möglich die Bundestagsabgeordneten überzeugt werden. Christo und Cullen sammelten Stimmen. Im Januar 1994 sollte die Entscheidung über die Reichstagsverpackung fallen. Christo in der "RIAS" Rundschau am Morgen:

"Dazu muss man wissen, dass ich jedes Mal, wenn ich irgendwo auf der Welt ein Projekt durchführen will, die Erlaubnis brauche von all denjenigen denen das Land oder die Gebäude, die ich berühre, gehören. Der Reichstag gehört nun mal 80 Millionen Deutschen, repräsentiert von 662 Abgeordneten, also gewissermaßen den Besitzern des Reichstages. Wenn ich keine Mehrheit von ihnen von meinem Projekt überzeugen kann, kann ich es nicht durchführen.

"Am 25. 02. '94 hat der Bundestag 'Grünes Licht' gegeben":

Die Bundestagspräsidentin rief den Tagesordnungspunkt 9 auf: Verhüllter Reichstag - Projekt für Berlin -. Dann die Abstimmung: 292 für die Verhüllung, 223 dagegen. Christo und Jeanne-Claude gründeten die "Verhüllte Reichstag GmbH" und bezogen Büroräume gegenüber, in der Ebertstraße.

"Der Rest ist dann Geschichte."

Zu dieser Geschichte gehört, dass sich Michael Cullen wie ein kleines Kind fühlte, dass kaum glauben wollte, dass der Reichstag verpuppt, mit silbernen Stoffbahnen verhüllt war:

"Es war ein großes, glückliches Gefühl. Nachdem ein Kind solange, gewissermaßen man schwanger mit diesem Kind geht, wenn das Kind geboren wird, es ist toll! Ich hab' das einfach genossen, so viele Stunden am Tag wie möglich. Ich war "sleep deprived" (Schlafentzug). Ich habe vielleicht jede Nacht nur drei, vier, fünf Stunden geschlafen, mehr nicht! Es war euphorisch, wie in einem Rausch! Man traf so viele Leute. Ich hab so viele Leute um das Haus herum geführt und Christo vorgestellt. Es war einfach eine prima Sache!"

Er wirkt immer noch wie elektrisiert, wenn er sich daran erinnert, wirkt jünger, temperamentvoller nach dem Rundgang um den Reichstag und dieser Zeitwanderung, die er in seinem jüngsten Buch ausführlich beschrieben hat.

Es war wie eine Geburt: Als Reichstag verhüllt, als Bundestag wieder ausgepackt.

"Das auszupacken dauerte auch noch 10 Tage und gleich danach kam Forster mit seinem Bautrupp rein und begann das Haus umzubauen, vom Juli 1995 bis Mai '99. Das sind nicht mal vier Jahre, um den ganzen Umbau zu machen."

Dabei lief nicht alles glatt! Es gab Streit mit dem Stararchitekten Norman Foster um die Kuppel. Bauen, oder nicht bauen? Foster wollte keine Kuppel. Michael Cullen erinnert sich an den ersten Entwurf:

"Wir nannten das ein 'Tankstellendach', also es sah aus wie so ein Flughafen in London-Stansted. Ein Überdach, so wie eine Tankstelle, wirklich so ein flaches Ding mit 25 Stützen. Die Bundestagsabgeordneten haben gesagt, sie müssen eine Kuppel machen und sie haben auch gesagt, wenn die Bundestagsabgeordneten das wollen und sie das nicht wollen, dann soll der Bundestag einen anderen Architekten suchen, wir sind bereit Mr. Foster! Und er sagt, ok, ich mache eine Kuppel."

Foster: "Eine Struktur wie diese gibt es in der ganzen Welt nicht. Es schafft Verantwortlichkeit. Es ist kein geheimer Ort, an dem man sich verstecken kann und ein bedeutender Politiker hat gesagt, als ihm das Gebäude gezeigt wurde, wir, das Parlament, sollten auch mit der Stadt in Beziehung stehen. Wenn es hier unzweifelhaft etwas gibt, dann ist es die Erinnerung an die Vergangenheit und wenn man die unterschiedlichen Zeitabschnitte des Gebäudes respektieren will, ist es eine Sache von Integrität und Ehrlichkeit das zu akzeptieren und zu bewahren.

Wir schauten nach oben. Cullen wäre die alte Kuppel mit der großen Laterne obendrauf lieber gewesen, sagt er klipp und klar. Das Alte mit dem Neuen unten drunter sinnvoll verbunden:

"Die alte Kuppel wäre mir, besonders mit der Laterne, da wäre der Reichstag besser markiert. So war die alte Funktion. Die Kopffunktion der Kuppel ist nicht als Rundgang, wobei das auch nicht schlecht ist, sondern zu zeigen: wir sind ja hier! Das höchste Haus in der Stadt war damals der Turm vom roten Rathaus, das zweithöchste Haus war dann der Reichstag, der Dritte war dann die Kuppel des Schlosses und ich denke, das braucht man schon in einer Stadt."

Am 23. Mai 1999 wurde Johannes Rau zum Bundespräsidenten gewählt, in Berlin! Bundestagspräsident Thierse leitete die Bundesversammlung.

"Aber erst nach dem die Baumängel beseitigt worden sind, im September 1999, ist der richtige Betrieb hier angefangen."

Bei der offiziellen Einzugsfeier, am 19. April 1999, war natürlich der Rundfunk Live dabei:

"Kaiserwetter in Berlin, Verkehrschaos am Reichstag, Demonstrationen am Brandenburger Tor und Gedränge und Geschiebe am Eingang Nord des Reichstages durch den sich Hunderte von Journalisten quälen mussten. Geprobt wird indessen noch fleißig im Plenarsaal unter der Reichstagskuppel. Nicht, dass es geht wie anno '92, als im Bonner Wasserwerk der Bundestag plötzlich tonlos blieb. Hier aber trägt der Ton derzeit noch bei den Proben drinnen wie bei der Zeremonie der Schlüsselübergabe draußen, die umrahmt ist von festlicher Musik.

"Wir kehren zurück an einen besonders symbolträchtigen Ort der politisch-parlamentarischen Geschichte Deutschlands. "Dem Deutschen Volke", diese Giebelinschrift gilt nun wieder als Verpflichtung für die Parlamentarier des Deutschen Bundestages."

Bundestagspräsident Thierse bei der Eröffnung des Reichstagsgebäudes. Cullen hält es mit dem Berliner Publizisten Karl Scheffler, der 1911 festgestellt hatte:

"Berlin ist dazu verdammt: immerfort zu werden und niemals zu sein."

Was für mich ein fix und fertiges, hohes Haus ist, an dem ich nicht zu rütteln wage, ist für Michael Cullen nicht ohne Kritik. Da drinnen, sagte er, der Plenarsaal, der hätte kleiner ausfallen sollen:

"In einem kleineren Plenarsaal sind die Gespräche intimer! Die Engländer sitzen in einem viel zu kleinen Raum, und die sitzen da alle eng mit ihrem Konzept auf dem Schoß, wenn sie etwas reden wollen, das führt zu einer gewissen Diszipliniertheit, also sehr schön und das hätte ich sehr gerne hier auch gehabt."

Cullen lässt nicht locker. Es ließe sich etwas ändern, etwas verbessern, meinte er. Mehr Geschichtsbewusstsein in das Haus tragen:

"Ich war in der Jury für den Reichstagsumbau. Ich war der Geschichtsexperte, und ich habe acht andere Nationalparlamentsgebäude von innen gesehen: Washington, London, Paris, Rom. Jedes andere Parlament benutzt das Haus, um die eigene Geschichte dazustellen, mit Büsten, mit Porträts, mit allem Möglichen.

"Hier: nichts! Auf der Fraktionsebene gibt's ein paar Kleinigkeiten, ansonsten ist hier keine Geschichte! Außerdem könnte man hier etwas mehr von Deutschland haben, als nur diese blanken Mauern, die innerhalb des Hauses noch irgendwie schreien danach, dass sie etwas erzählen dürfen!"

Wir bestaunten die wunderbaren Kandelaber auf der Ostseite, sahen den Südostturm, von dem aus das Siegerfoto der Roten Armee aufgenommen wurde, standen vor dem Eingangsportal mit dem Schriftzug "Dem Deutschen Volke".Nun verabschieden wir uns – voneinander: Michael S. Cullen und ich , und von dem Reichstagsgebäude, dem Symbol der deutschen Einheit.

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