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StartseiteDlf-MagazinRevolution mit und ohne Biermann21.08.2014

Reihe EinheitscheckRevolution mit und ohne Biermann

Der Liedermacher Wolf Biermann erlebte den Fall der Berliner Mauer in Hamburg. Er freute sich - und ärgerte sich. Denn: "Mir kam das vor wie ein historisches Drama ohne Haupthelden. Mir hat das wehgetan. Dass ich ja überhaupt keinen Anteil habe, obwohl ich doch so großen Anteil habe."

Von Axel Schröder

Dichtes Gedränge am S-Bahnhof Friedrichstraße. Westberlin, am 4. November 1989, fünf Tage vor dem Fall der Mauer: der Liedermacher Wolf Biermann steht unter dem Schild "Einreise in die DDR", hält in der einen Hand seine Gitarre, in der anderen seinen grünen bundesdeutschen Reisepass. Biermann will rein in seine einstige Heimat, teilnehmen an der Großdemonstration im Ostteil der Stadt. 1976 wurde er ausgebürgert. Nach einem Konzert in Köln durfte der Sänger nicht mehr zurück in die DDR. Und auch am 4. November weisen die Grenzer Wolf Biermann ab. Was ihn nicht wirklich überrascht:

"Der Grad der Wahrscheinlichkeit war sehr gering nach all dem, was vorher gelaufen ist. Aber möglich war es allemal. Denn in diesen sehr bewegten Zeiten ändern sich die Dinge von Tag zu Tag. Wofür es sonst Jahrzehnte gebraucht hat. Insofern war es nicht die reine Schildbürgerei, diesen Versuch zu machen."

Die Großdemonstration findet ohne Biermann statt. Hunderttausende gehen auf die Straße, machen Druck, fordern Reformen und Reisefreiheit. In Prag, Warschau und Budapest versuchen DDR-Bürger über die Botschaften der Bundesrepublik in den Westen zu fliehen. Die DDR-Führung übt sich in Selbstkritik, verspricht ein neues Reisegesetz, grundlegende Reformen. Wolf Biermann fliegt zurück nach Hamburg, seine Geburtsstadt. An der Elbe verbrachte Biermann seine Jugend.

Mit 16 in die DDR

Sein Vater ist Werftarbeiter, Kommunist, aktiv im Widerstand gegen die Nazis. 1943 wird er in Auschwitz ermordet. Als nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetischen Besatzungszone das sozialistische Experiment beginnt, ist Wolf Biermann begeistert. Mit 16 Jahren zieht er in die DDR, will mithelfen beim Aufbau einer besseren Welt, einer gerechten Gesellschaftsordnung. Er studiert erst Politische Ökonomie, später Philosophie und Mathematik an der Ost-Berliner Humboldt-Universität. Heute, 25 Jahre nach dem Fall der Mauer sitzt Wolf Biermann in einem Café am Hamburger Elbufer. Vor sich eine Apfelschorle. Kariertes Hemd, graues Haar, grauer Schnauzbart. Er erklärt mit der ironischen Distanz eines über 70-Jährigen, warum der junge Biermann einst den Mauerbau verteidigte:

"Wir kritischen Schriftsteller, die in verschiedenem Maße kritisch waren - auch Heiner Müller, auch Volker Braun, alle meine Kollegen, Christa Wolf, Stefan Hermlin - hatten alle den Knall - weil wir doch so kluge Jungs sind - dass wir jetzt im Schutz dieser Mauer erst mal Tacheles reden können mit den Herrschenden der DDR. Offen reden über innere Probleme. Und nicht mehr abgebügelt werden können, stumm gemacht werden können durch die Behauptung: Der Klassenfeind steht in der offenen Tür! Jetzt sind wir unter uns, die Klappe ist zu, und jetzt reden wir mal offen, ihr Arschlöcher! Das war unsere Illusion!"

Und diese Illusion wich schnell der Ernüchterung, erzählt Biermann.

"Die Herrschenden wurden frecher, als sie vorher waren – im Schutz der Mauer. Die Unterdrückung nahm zu. Der Maulkorb wurde noch fester angezogen. Da kann man mal sehen, wie dumm so kluge Leute sein können. Gerade, weil sie so oberklug sind."

Auf Distanz zum System

Anfang der 60er Jahre geht Wolf Biermann auf Distanz zum System, dichtet gegen die Mauer, singt Lieder gegen das Bauwerk.

"Wie eingepfercht in Kerkermauern liegt in den Mauern dieser Stadt, Wolf Biermann beißt mit gelben Hauern in Steine nur und hat es satt!"

Im Dezember 1965 verfügt das Zentralkomitee der SED ein Auftritts- und Publikationsverbot für den Schriftsteller und Liedermacher. Elf Jahre später wird er ausgebürgert. Den Mauerfall am 9. November 1989 erlebt Biermann in Hamburg, am Fernseher. Verfolgt die Pressekonferenz von DDR-Regierungssprecher Günter Schabowski, die Bilder von lachenden DDR-Bürgern, die die Grenzübergänge in den Westen passieren. Von einst gefürchteten, nun ganz hilflosen Grenzsoldaten. Wolf Biermann sieht die Bilder. Freut - und ärgert sich:

"Das war ja ein verrücktes Missverhältnis. Aus meiner Sicht war es doch so: ich war doch der große Drachentöter mit dem Holzschwert. Ein Holzschwert mit sechs Saiten drauf, sechs Gitarrensaiten. Und wenn überhaupt, dann war ich doch in diesem Theaterstück der große Held! Und jetzt findet das ganze Stück ohne mich statt? - Mir kam das vor wie ein historisches Drama ohne Haupthelden. Mir hat das wehgetan. Dass ich ja überhaupt keinen Anteil habe, obwohl ich doch so großen Anteil habe."

Zwei Wochen später macht sich Biermann ein zweites Mal auf den Weg in den Osten. Wieder wird er an der Grenze abgewiesen. Erst beim dritten Anlauf klappt es. Der Sänger ist eingeladen, soll in Leipzig sein erstes Konzert in der DDR nach der Ausbürgerung geben. Neben ihm im VW-Bus sitzt seine Frau Pamela, hochschwanger.

"In diesem interessanten Zustand sind wir in der Invalidenstraße über den Grenzübergang gegangen. Da, wo jetzt er Hauptbahnhof gebaut ist. Mein Kiez, wo ich früher gewohnt habe. Und es war natürlich alles vorbereitet mit den DDR-Obrigkeiten, dass er Biermann durchgelassen wird."

Die "Stasi-Metastase"

Alles läuft nach Plan. Wolf Biermann steuert seinen Kleinbus über die Grenze. Kehrt zurück in die DDR.

"Mir schlug das Herz zum Hals hoch. Das ist doch klar. Ich war voll Hass und voll Liebe, voll Angst und voll Wut. Und voll Freude. Es ist ein solches Gemisch von Gefühlen - man bricht nur deswegen nicht zusammen, weil diese widersprechenden Gefühle sich gegenseitig in der Waage halten."

Die erste Fahrt geht ins Kulturministerium. Minister Dietmar Keller entschuldigt sich bei Wolf Biermann. Nennt dessen Rauswurf aus der DDR erstmals "einen Fehler".

Abends, in Leipzig, spielt Wolf Biermann vor 5.000 Zuhörern. Der verhinderte Drachentöter vergisst seinen Zorn darüber, dass nicht er, sondern die Menschen in Dresden, Leipzig und Ost-Berlin das Ungeheuer DDR besiegt haben. Und kann dem Staatsratsvorsitzenden Egon Krenz endlich auch von Ostdeutschland aus seine Meinung sagen:

"Du bist unsere Stasi-Metastase, am kranken Körper der Staatspartei!"

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