Freitag, 20.09.2019
 
Seit 09:35 Uhr Tag für Tag
StartseiteCampus & KarriereDeutsches Know-How für die Golfstaaten20.08.2019

Reihe "Fachkräfte auf Wanderschaft"Deutsches Know-How für die Golfstaaten

Die Golfstaaten sind bekannt für ihren sagenhaften Reichtum – ein Reichtum, den sie dem Öl zu verdanken haben. Aber Geld allein ist es nicht, was die Auswanderer an den Persischen Golf zieht. An dem dynamischen Wandel am Golf mitzuwirken ist für die meisten "Expats" der eigentliche Anreiz.

Von Tina Fuchs

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Ein Mitarbeiter der Investorenkonferenz in Riad druckt Unterlagen für die Teilnehmer aus, rechts sieht man den Schriftzug der Konferenz "Future Investment Initiative". (dpa/Amr Nabil)
Nicht nur Investoren, sondern auch Arbeitnehmer werden gesucht - in Saudi Arabien wie in den anderen Golfstaaten (dpa/Amr Nabil)
Mehr zum Thema

Reihe Fachkräfte auf Wanderschaft

Heimat auf Zeit Wie ausländische Fachkräfte Berlin verändern

Was der Brexit konkret bedeutet

Abenteuer Ausland Arbeiten und Studieren in der Ferne

"Man bekommt schon hier gerade als Deutscher, wird man häufig als Ausländer erster Klasse behandelt."

"Dubai ist natürlich sehr weltoffen auch."

"Die Infrastruktur, die die Emirate anbieten, für Expats, ist eine der besten der Welt."

Wertschätzung - das ist es, was diesen Drei entgegengebracht wird, in Riad und Dubai. Wertschätzung dafür, dass sie überhaupt gekommen sind, denn in den Golfstaaten gilt es als verpönt, in der Privatwirtschaft zu arbeiten. Das führt dazu, dass  die Arbeit in privaten Firmen und Konzernen zu 90 Prozent von sogenannten Expats, also Ausgewanderten erledigt wird.

Sebastian Sons, politischer Analyst zu den arabischen Golfstaaten beim Forschungsinstitut CARPO in Bonn: "Die Arbeitsteilung ist eigentlich sehr einfach: Und zwar gibt es einen sehr, sehr starken staatlichen Sektor, der in all diesen Staaten in den letzten Jahrzehnten der wichtigste Arbeitgeber war, das heißt, öffentliche Verwaltung, Ministerien, et cetera, auch teilweise staatliche Unternehmen, die bei der Förderung von Öl eine ganz ganz wichtige Rolle spielen. Die Privatwirtschaft war sehr lange sehr unterentwickelt, fast ausschließlich dominiert von ausländischen Arbeitskräften." 

In Dubai, dem Emirat am Persischen Golf, sind überhaupt nur zehn Prozent der Bevölkerung Emiratis, also Einheimische, der Rest sind Expats aus aller Welt. Sie werden gebraucht, als Ingenieure, Mediziner, Restaurantbetreiber. Die Stadt mit 289 Wolkenkratzern und künstlich angelegten Inseln ist beliebt für ihr internationales Flair. Clara Fexer und ihr Mann Maximilian Escobar sind vor zwei Jahren hergezogen. Die Deutsche und der Kolumbianer fühlen sich so wohl, weil es hier keine Mehrheitsgesellschaft gibt:

"Ja, das Land versucht auch sehr aktiv das Thema Toleranz nach vorne zu bringen. Und es wird auch von der Regierung gepuscht. Keiner soll sich wegen seiner Herkunft oder verschiedenen Religionen unwohl fühlen."

Viel Geld, wenig Regulierung - das reizt

Escobar ist bei Siemens dafür zuständig, die Golfstaaten mit Energieinfrastruktur auszurüsten. Der in Deutschland promovierte Maschinenbauer kann in Dubai sein ganzes Wissen und seine Erfahrung einbringen. Es sind die großen finanziellen Möglichkeiten und die geringen regulatorischen Hürden, die ihm Erfüllung im Arbeitsleben bringen:

"Das ist etwas was Spaß macht, weil man weiß, das sind Weltklasseprojekte, die haben den höchsten Wirkungsgrad oder die höchsten Sicherheitsansprüche.  Das versucht das Land zu machen, immer Vorreiter in verschiedenen Gebieten. Und das letztendelich macht ein gutes Erfolgsgefühl bei allen, die zu solchen Projekten beitragen."

Seine Frau, Clara Fexer, hat nach der Elternzeit gerade erst wieder angefangen zu arbeiten, bei dem Medizingerätehersteller Dräger aus Lübeck, der in der sogenannten Health Care City in Dubai eine Niederlassung hat. Im Alltag werde einem viel abgenommen, sagt sie:

"Also in Dubai funktioniert eigentlich alles sehr gut. Die Infrastruktur ist teilweise sogar besser als in Europa. Ich kann mich auch als Frau dort ganz normal bewegen. Es gibt einen sehr großen Dienstleistungssektor. Also man kann sich alles nach Hause liefern lassen."

Gastarbeiter aus Indien und Bangladesch arbeiten vor dem Khalifa-Stadion in Doha, Katar. Im Vorfeld der WM 2022 in dem Golfstaat gibt es immer wieder Berichte über die Ausbeutung von Migranten auf den Stadion-Baustellen (picture alliance/ dpa/ Andreas Gebert)Geteilter Arbeitsmarkt: Es gibt nicht nur Spitzenjobs - Gastarbeiter aus Indien und Bangladesch arbeiten im Vorfeld der WM 2022 vor dem Khalifa-Stadion in Doha, Katar. (picture alliance/ dpa/ Andreas Gebert)

Expats, die in Dubai im Angestelltenverhältnis arbeiten, müssen meist keine Steuern zahlen. Das hat am Golf sozusagen Tradition, erklärt Sebastian Sons, politischer Analyst zu den Golfstaaten bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin.

"Die enormen Einnahmen aus dem Öl- und Gasgeschäft in den letzten Jahrzehnten haben dazu geführt, dass der Staat zum Vollkaskoversorger der Bevölkerung geworden ist. Das heißt, es existierte, jahrzehntelang in all diesen Staaten Steuerfreiheit, ein kostenlose Bildungssystem, kostenlose Gesundheitsversorgung, Altenpflege, et cetera."

Saudisierungsprogramm

So auch in Saudi-Arabien. Anders als in Dubai ist der Anteil an Ausländern deutlich geringer, er liegt bei 30 Prozent. Aber ähnlich wie in Dubai gilt auch hier: Für den Privatsektor zu arbeiten, gilt bei Saudis als unwürdig. Dabei hat das Land unter einer hohen Jugendarbeitslosigkeit zu leiden – das Königshaus hat deshalb ein Saudisierungsprogramm eingeführt, genannt Nitaqat.

"Das Nitaqat-Programm ist so eine Art Anreiz, das heißt, man hat ein Quotensystem eingerichtet, das Privatunternehmen eine bestimmte Mindestquote an einheimischen Arbeitskräften beschäftigen müssen. Wenn sie da nicht einhalten, dann gibt es bestimmte Strafzahlungen oder Entzug der Lizenz. Das trifft viele Privatunternehmen sehr stark, weil viele saudische Arbeitskräfte in der Regel sehr viel teurer sind und in der Regel auch weniger bereit sind zu leisten."

Wirtschafts- und Steuerberater Franz-Josef Epping hat daraus eine Tugend gemacht. Der Partner bei der Beratungsfirma Ernst und Young hat Kurse aufgezogen und bildet selbst junge Saudis zu Steuerthemen aus. Er bekommt dafür sehr viel Anerkennung zurück, sagt er:

"Ich bin insofern auch für Ausbildungsprogramme von vielen saudischen Nationals zuständig. Und das ist etwas, was persönlich von denen durchaus sehr geschätzt wird und das lassen die einen dann auch im besten Sinne deutlich fühlen.  Und das ist was, was ich persönlich sehr, sehr schätze, auch."

Die Dynamik und der Wandel am Golf ist für die meisten Expats der Anreiz da mittun zu können. Und die Golfstaaten sind auf ihr Know-how angewiesen, um die Zeit nach den gigantischen Öleinnahmen vorzubereiten.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk