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StartseiteTag für TagNicht nur pazifistisch, das Christentum08.04.2014

Reihe "Glauben und Gewalt"Nicht nur pazifistisch, das Christentum

Nicht nur vor Jahrhunderten, auch heute führen Menschen Krieg im Namen des christlichen Gottes. Manch eine christliche Gruppierung kämpft mit Gewalt für ihre Ziele. Dagegen betonen pazifistische christliche Gruppierungen die Friedensbotschaft des Neuen Testaments.

Von Burkhard Schäfers

Bibel (dpa / picture alliance / Hansjürgen Wiedl)
Das Christentum lehnt nicht jegliche Form von Gewalt ab, das zeigt die Lehre vom gerechten Krieg. (dpa / picture alliance / Hansjürgen Wiedl)
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Reihe "Glauben und Gewalt" - Das Friedenspotenzial im Islam (Deutschlandfunk, Tag für Tag, 07.04.2014)

Wir schreiben das Jahr 1095: Papst Urban der Zweite ruft auf der Synode von Clermont die Christen zu einem Kreuzzug ins Heilige Land auf: Sie sollen die Muslime aus Jerusalem vertreiben. "Deus lo vult - Gott will es", soll die Menge dem Papst geantwortet haben. In der Bibel fanden die Kreuzfahrer durchaus passende Stellen, um ihre Gewalt zu rechtfertigen, sagt Friedrich Lohmann, evangelischer Theologe an der Universität der Bundeswehr in München:

"Da gibt es natürlich die Erzählungen vom Bann, wo dann nicht nur die männliche Bevölkerung, sondern alles bis auf sogar die Tiere ausgerottet wird. Man könnte verweisen auf die Rache-Psalmen, die sicher auch Anlass sind, diese Frage zu stellen nach der Friedfertigkeit der Religion."

Aber nicht nur vor Jahrhunderten, nein, bis heute führen Menschen Krieg im Namen des christlichen Gottes. So kämpft etwa die Lord's Resistance Army in Afrika mit brutaler Gewalt für ihre Ziele. Die "Widerstandsarmee des Herrn" will einen Gottesstaat errichten, der auf den Zehn Geboten aufbauen soll. Zwar ist die Zahl von christlichen Extremisten gering. Dennoch: Bestrebungen, die eigene Wahrheit über die anderer zu stellen, sind durchaus erkennbar.

"Auch wenn das jetzt noch nicht zum Anwenden von physischer Gewalt führt, ist es natürlich die Saat der Gewalt, wenn man die Welt aufteilt in Gut und Böse und selbst beansprucht, nur das Gute zu vertreten. Diese Tendenzen haben wir in einigen evangelikalen Gruppierungen, die sich infrage stellen müssen. Weil sich ein solches Schwarz-weiß-Denken auch von der Bibel her, die diesen Gruppen ja sehr wichtig ist, nicht nahelegt."

Pazifistische Gruppierungen

Einen Gegenpol bilden pazifistische Gruppierungen wie die Aktion Sühnezeichen und Pax Christi. Sie betonen die Friedensbotschaft des Evangeliums und verweisen auf entsprechende Stellungnahmen: Seien es päpstliche Lehrschreiben zum Völkerfrieden wie "Pacem in terris" von Johannes XXIII. oder das Projekt Weltethos des Theologen Hans Küng. Ihr Glaube motiviere sie zu politischem Handeln, sagt Wiltrud Rösch-Metzler, Bundesvorsitzende von Pax Christi.

"Ich denke zum Beispiel an die Bergpredigt. Auch wenn ein früherer Bundeskanzler gesagt hat: 'Mit der Bergpredigt kann man nicht regieren.' Aber dieses 'Selig sind die Frieden stiften', solche Dinge, sind weiterhin eine Anleitung für unser Leben und aus unserer Sicht auch für Politik."

Angesichts zahlreicher Krisen und Konflikte sieht sich die christliche Friedensbewegung immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, sie würde Politik allzu naiv betrachten. Margot Käßmann, frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, wurde verspottet, als sie sich zum Afghanistan-Konflikt äußerte: Sie solle sich doch mit den Taliban ins Zelt setzen und gemeinsam beten. Das Friedenspotenzial religiöser Vertreter werde unterschätzt, meint hingegen Pax Christi, auch mit Blick auf aktuelle Kriegsherde.

"Gerade was Syrien betrifft gibt es sehr starke Bemühungen seitens der Kirchen, vor allem vom Weltkirchenrat. Und da sehe ich schon, dass vieles von der kirchlichen Diplomatie her gemacht wird. Auch der Vatikan ist nicht uneffektiv. Ich erinnere nur an den September, als es darum ging, kommt jetzt ein internationaler militärischer Angriff auf Syrien. Der konnte doch abgewendet werden."

Inwieweit tragen Religionen zum Frieden auf der Welt bei? Das Christentum sieht sich gern als Vorreiter. Aber seine Geschichte und auch seine Schriften seien ambivalent, sagt der Religionsphilosoph Micha Brumlik:

"Der Bergprediger Jesus von Nazareth war nach allem was wir wissen mit Sicherheit pazifistisch und gewaltfrei. Die Frage ist jetzt, ob die Bergpredigt identisch mit der christlichen Religion ist. Religionen sind komplexe, historisch entstandene Gebilde. Auch im Neuen Testament finden wir ja eine ganze Reihe von Feinderklärungen an Juden, an Pharisäer und andere."

Und es findet sich ein Satz, der im Verhältnis des Christentums zur Politik immer wieder angeführt wurde: "Es gibt keine staatliche Gewalt, die nicht von Gott stammt", heißt es im Paulus-Brief an die Römer. Bis in die Gegenwart werden politische Entscheidungen – auch militärische Interventionen – religiös gerechtfertigt.

"In Spanien zu Zeiten der Franco-Diktatur war der Katholizismus Staatskirche. Und auch wenn wir heute nach Russland schauen, sehen wir, dass es eine enge Verbindung zwischen dem orthodoxen Christentum und der staatlichen Herrschaft gibt. Wenn man sich auch in den USA, die nun wirklich eine strenge Trennung von Staat und Kirche haben, ansieht, welchen Einfluss evangelikale Gruppen haben, dann wird man hier vielleicht auch etwas weniger selbstgerecht sein."

Die Lehre vom gerechten Krieg

Wie pazifistisch also ist das Christentum? Dass es keineswegs jegliche Form von Gewalt ablehnt, zeigt die Lehre vom gerechten Krieg. Sie geht zurück auf den antiken Kirchenlehrer Augustinus. Ethik-Professor Friedrich Lohmann:

"Der gerechte Krieg hat das Ziel, Gewalt einzuschränken. Und das beruht auf der schlichten Erfahrung, dass es Gewalt in der Welt gibt, dass es auch Kriege gibt. Und dann ist natürlich für Christen die Frage, wie verhalten wir uns dort? So erklärt sich, dass ein militärischer Einsatz gerechtfertigt werden kann, sofern sie – das ist das allererste Kriterium – auf lange Sicht dem Frieden dienen sollen."

Kirchliche Gelehrte entwickelten die Idee vom gerechten Krieg weiter, darunter auch Martin Luther:

"Ein wichtiges Kriterium, was Luther auch stärker gemacht hat als Augustin, ist, dass er gesagt hat: Wenn überhaupt ist ein solcher Gewalteinsatz nur als Verteidigungskrieg möglich. Es ist wirklich nur für das Szenario: Söldnertruppen belagern uns, berauben uns, vergewaltigen Frauen - dann sagt er, kann man zur Gewalt schreiten, um sich zu verteidigen."

Auch die Begrifflichkeit hat sich gewandelt: Statt vom gerechten Krieg ist inzwischen eher vom gerechten Frieden die Rede. Ende Januar nahm die Evangelische Kirche in Deutschland zum Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan Stellung. In dem EKD-Papier heißt es: Die Menschen müssten vor Gewalt und Existenznot geschützt, ihre Freiheit müsse verteidigt werden. Die Friedensethik geht aber darüber hinaus, sagt Friedrich Lohmann:

"Vonseiten der christlichen Ethik würden wir sagen, man darf das Konzept der Schutzverantwortung nicht reduzieren auf den kurzen Einsatz militärischer Gewalt. Sondern das muss eingebettet sein in zivile Konfliktprävention. Und dann später auch der Versuch, ein friedliches Zusammenleben der Menschen produktiv zu begleiten."

Global betrachtet erscheint das Christentum oft als besonders demokratiefreundlich. Den Primat der Politik erkennt es weitestgehend an. Mit dem Menschenrecht auf Glaubensfreiheit hat sich die christliche Religion arrangiert. Doch das war nicht von Anfang an so, sagt Karsten Fischer, Politikwissenschaftler an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

"Das Christentum ist entstanden zu Zeiten des Kaisers Augustus, wo Rom in eine Alleinherrschaft übergegangen war. Danach entwickelte es im mittelalterlichen Kontext eine sehr autokratische Vorstellung: Der Herrscher war Herrscher von Gottes Gnaden. Insofern war das Christentum in seiner Entstehung notwendigerweise vollkommen antidemokratisch. Und es war ein sehr langer neuzeitlicher Prozess bis ins 20. Jahrhundert, bis das Christentum an den Punkt gekommen ist, an dem es heute ist."

Doch gerade außerhalb relativ stabiler Demokratien sei offen, wie sich die christliche Religion weiter entwickelt, meint Politologe Fischer. Christen stehen in verschiedenen Regionen unter Druck, insbesondere im Nahen und Mittleren Osten und in Afrika. In Syrien, Nigeria oder der Zentralafrikanischen Republik sind sie in gewaltsame Konflikte verwickelt.

"Es ist ja völlig unstrittig, dass man die Religion, die man in der westlichen Welt ausgangs des 20. Jahrhunderts schon für ein aussterbendes Phänomen hielt, sehr stark wieder Einzug gehalten hat. Deshalb ist es vollkommen naheliegend, dass Konflikte wieder stärker religiöse Konnotationen bekommen. Es ist gewissermaßen ein Trennmittel, in dem man sehr einfach Konfliktkonstellationen abbilden kann, indem man sich religiös zuordnet."

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