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Reihe: Leben in der digitalisierten WeltPanik vor Informationsflut unbegründet

Smartphone, Computer und Tablet - Neue Medien prägen den Alltag durch Informationsüberflutungen. Welchen Einfluss hat das auf Heranwachsende? Medienpsychologe Markus Appel befürchtet, dass durch eine negative Berichterstattung über das Medium Internet, Eltern zu schlechten Gesprächspartnern werden.

Markus Appel im Gespräch mit Burkhard Müller-Ullrich | 05.08.2014

Auf dem Display eines Smartphones sind die App-Logos verschiedener Social Media Plattformen zu sehen.
Werden die Einflüsse von Smartphones oder Computern zum Fluch? (picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Burkhard Müller-Ullrich: Und jetzt wollen wir über etwas sprechen, wovon Nietzsche, so klug er war, keinerlei Ahnung hatte, nämlich vom Leben in der digitalen Welt. Das ist unsere Sommerreihe hier in "Kultur heute", und es geht darum, die Einflüsse der elektronischen Globalkommunikation auf unseren Alltag und insbesondere auf unsere geistige Lage zu erörtern.
Dazu begrüße ich den Medienpsychologen Markus Appel von der Universität Landau-Koblenz. Herr Appel, es gibt ja jede Menge wissenschaftliche Studien und noch mehr unwissenschaftliche Behauptungen bezüglich der Auswirkungen des Internets auf unsere Kultur im Allgemeinen und auf unsere nervliche Gesundheit im Besonderen. Und beliebt vor allem und auch erfolgreich sind wie immer in Deutschland Untergangspropheten, die mit der dramatischen Drohung der digitalen Demenz hausieren gehen. Sind Smartphones und Computer Fluch oder Segen, was sind denn Ihre Befunde?
Markus Appel: Das Erste ist vielleicht, dass wenn man sich anschaut Einsamkeit bei Jugendlichen zum Beispiel, aber auch Aggressivität bei Jugendlichen, dann sind das Phänomene, die ganz viele Einflussfaktoren haben. Es ist nicht so, dass sozusagen das Internet oder Mediennutzung eine ganz zentrale, sehr große Einflussgröße ist. Das ist, glaube ich, den meisten Studien gemein. Wenn Mediennutzung einen Einfluss hat, dann ist dieser Einfluss vielleicht da, aber er ist nicht dominant.
Müller-Ullrich: Wie kann man das denn so differenzieren? Ich meine, wir leben in einem Alltagsstrom und sind den unterschiedlichsten Einflüssen ausgesetzt – ich stelle es mir schwierig vor, da jetzt einzelne Faktoren auszuklammern gewissermaßen, testweise, um deren Impetus überhaupt zu messen.
Appel: Das ist tatsächlich häufig der Versuch der empirischen Wissenschaft, man kann nicht alle Einflussfaktoren gleichzeitig untersuchen. Man versucht vielleicht, mehrere in einer Studie unterzubringen, aber kann dann sagen, welchen Beitrag liefert denn zum Beispiel, wenn ich weiß, dass Kinder und Jugendliche Internet nutzen oder wie viel sie nutzen, welchen Erklärungsgewinn hab ich denn dadurch, dass ich das weiß, diese Information im Hinblick auf eine Variable, die mich dann interessiert wie zum Beispiel, sagen wir, Einsamkeit.
Der Flynn-Effekt: Mehr Informationen, dennoch bessere Denkleistungen
Müller-Ullrich: Grundsätzlich gibt es ja den Verdacht, dass wir alle immer nervöser werden, natürlich die Welt ist vielerlei Beschleunigung heutzutage ausgesetzt, aber dieser Datenverkehr tut dazu noch etwas, und es heißt, dass man sich nicht mehr konzentrieren kann. Ist da was dran?
Appel: Ich glaube, dass so eine vielleicht grundlegende Aussage zur digitalen Demenz, die ja sagt, mit Bildschirmmedien, und die gibt es vielleicht schon länger, eben durch den Fernseher, der ja auch in Diskussion war, dass die Leute nervöser werden, vielleicht sich weniger konzentrieren können et cetera. In den letzten Jahren und Jahrzehnten, auch Jahrhunderten muss man sagen, sind die Leute immer klüger geworden. Das ist der sogenannte Flynn-Effekt, dass heißt trotz oder vielleicht gerade wegen der vielen Informationen, die sie bekommen, der Komplexität des Alltags, bekommen die Personen es doch offenbar hin, nicht ganz ihren Verstand zu verlieren, sondern sie können abstrakte Konzepte, Denkleistungen viel besser bewältigen.
Müller-Ullrich: Also immer klüger, wie Sie sagen, heißt jetzt nicht nur immer mehr Informationen speichern, sondern heißt auch eine Bewältigungsstrategie entwickeln.
Appel: Die sozusagen kognitiven Leistungen der Personen, wenn man sie misst, die wurden in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht schlechter im Durchschnitt, sondern besser. Jetzt kann man sagen, das hat vielleicht unterschiedliche Faktoren, nicht nur möglicherweise, dass wir eben mit viel mehr Medien, mit viel mehr Informationen zu tun haben, aber dennoch ist das so ein Indiz dafür, dass so eine alarmistische Panikmache vielleicht unbegründet ist.
Müller-Ullrich: Aber trotzdem, die Nervosität nimmt zu, nicht nur bei Kindern, Aufmerksamkeitsdefizit nimmt zu, das sind ja, glaube ich, Tatsachen, für die man Erklärungen braucht.
Appel: Und auch hier haben wir so ein multifaktorielles Phänomen. Natürlich hat sich nicht nur die Umwelt geändert, sondern es sind eben auch andere Faktoren, die da eine Rolle spielen, und solche Faktoren sind zum Beispiel, dass Lernen immer wichtiger wird, für Eltern, aber auch für Lehrer, dass heutzutage Kinder und Jugendliche ganz schlechte Chancen haben, wenn sie nicht einen gewissen Bildungsgrad haben, auf dem Arbeitsmarkt. Und so wird die Gesellschaft - möglicherweise sinnvollerweise - immer sensibler auf Kinder und Jugendliche reagieren, die da eben nicht mitkommen.
Strategien um begrenzte Arbeitsgedächtniskapazität nicht zu überlasten
Müller-Ullrich: Jetzt ist die Multitaskingfähigkeit unseres Gehirns ja doch irgendwie begrenzt, also zumindest sagen das die Neurophysiologen, und die Geräte, über die wir hier sprechen, also elektronische Kommunikationsgeräte, Smartphones und Tablets und Computer auch, selbstverständlich, die fordern genau das. Das heißt, man ist in einem Gedanken, es eröffnet sich ein Nebenweg, man versucht den zu verfolgen, und jetzt steht man wie ein Schachspieler eigentlich vor der Frage, wie viele Züge kannst du gleichzeitig berechnen.
Appel: Ja, das ist natürlich eine Herausforderung, und tatsächlich ist es so, wir haben eine begrenzte Arbeitsgedächtniskapazität, sodass wir nicht sozusagen mehrere Dinge, die möglicherweise nichts miteinander zu tun haben, gleichzeitig erledigen können. Das ist tatsächlich ein Fakt, und jeder, der das versucht hat, der wird gemerkt haben, dass es eben nicht geht. Das heißt, möglicherweise sind Strategien hilfreich, in denen man sich selbst – in der Arbeitswelt zum Beispiel – auch abschottet vor Informationen, das heißt zum Beispiel, E-Mails nur an bestimmten Zeitpunkten öffnet und nicht, wenn gerade ein großes, wichtiges Problem zu durchdenken ist.
Müller-Ullrich: Wäre das eine pädagogische Aufgabe?
Appel: Das wäre, glaube ich, eine selbstregulatorische Aufgabe eines jeden, dass man sozusagen schaut, was sind denn die Informationen, die mich vielleicht ablenken von dem, was ich jetzt gerade tun will, und wie kann ich diese Informationen reduzieren, sodass ich nicht durch eine eben zum Beispiel irrelevante E-Mail abgelenkt werde und so den Faden beim Gedanken verliere.
Müller-Ullrich: Andererseits ist ja das Phänomen der Ablenkung auch zwiespältig. Also einerseits sagt man immer, ja, du passt ja gar nicht richtig auf, du bist ja immer irgendwie abwesend. Aber die immer irgendwie Abwesenden, weil sie gerade mit ihrem Kommunikationsgerät, mit ihrem digitalen Endgerät wieder rumdaddeln, sind auf eine andere Weise auch mehr anwesend, nämlich an einem Ort, an dem sie sonst gar nicht sein könnten.
Appel: Ja, und das ist natürlich in manchen Kontexten für diese Personen vielleicht durchaus reizvoll, eben zum Beispiel mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu treten, mit Familienangehörigen in Kontakt zu treten, obwohl sie eigentlich an einem ganz anderen Ort sind. Andererseits gibt es natürlich Situationen, in denen das dysfunktional ist - denken Sie an den Schulunterricht und die Klasse irgendwie ist in Gedanken auf YouTube. Das ist natürlich dysfunktional und wäre jetzt einem Lernfortschritt nicht zuträglich.
Studienbelege eines Ursache-Wirkungs-Zusammenhang von medialer und realen Gewalt?
Müller-Ullrich: Also ich merke, dass Sie ein bisschen Entspannung in diesen Diskurs hineinzubringen versuchen, es ist nicht alles so schlimm, wie viele es darstellen, andererseits haben natürlich die Medien Wirkungen, und es gibt sicherlich mehrere Beispiele. Greifen wir mal heraus: Die Werbung würde nicht existieren, wenn die Medienpsychologie feststellen würde, es hat alles keinen Zweck, hat keine Wirkung. Selbstverständlich hat es Wirkungen, und insbesondere – und das ist vielleicht der heiklere Teil dieser Fragestellung: Wie ist es mit Gewalt? Es gibt ja die Vermutung – und da wird hin und her diskutiert, was dafür und dagegen spricht – die Vermutung, dass Spielen von Ballerspielen, dass überhaupt sehr viele Gewalteindrücke visueller Art den Menschen abstumpfen und ihn auch selbst für Gewalt sozusagen vorbereiten.
Appel: Es gibt viele Studien, die darauf hindeuten, dass es da tatsächlich einen Ursache-Wirkungs-Zusammenhang gibt. Die Studien und die Studienautoren zeigen aber auch auf, dass es andere Wirkfaktoren gibt - denken Sie etwa an die Eltern und wie die Konflikte untereinander bewältigen und wie sie damit umgehen. Das sind weitere wichtige Einflussfaktoren, die man bei der Mediengewaltdebatte nicht vergessen sollte, aber es stimmt schon, sagen viele Studien, dass hier es nicht spurlos im Durchschnitt an den Jugendlichen vorbeigeht, wenn sie eben einen Großteil ihrer Zeit mit gewalthaltigen Videospielen oder Medien verbringen.
Müller-Ullrich: Ein klassisches Beispiel in diese Richtung ist natürlich das Training von Soldaten, die solche Szenen vorgespielt bekommen, damit sie emotional sozusagen so runtergekühlt werden, dass sie dann selber Gewalt ausüben können.
Appel: Ich glaube, das Training von Soldaten hat unter anderem auch den Zweck, dass sie eben die doch spielähnlichen Einsatzbedingungen, die dann im Krieg vorherrschen, die ja auch sozusagen Fernbedienelemente haben, die aussehen wie ein Kriegsspiel letztlich, besser bedienen können. Das Emotionale spielt vielleicht eine Rolle, aber eben auch so eine Auge-Hand-Koordination, in Kürze entscheiden zu können, was passiert da eigentlich auf meinem Bildschirm. Ich denke, das wird bei solchen Spielen, die das Militär einsetzt, vor allem geübt. Die zweite Komponente kann auch eine Rolle spielen, dass man dann vielleicht eben das Ganze eher als ein Spielszenario auffasst und eben nicht als das, was es ist, nämlich Krieg.
Längsschnittstudien um mediale Wirkungen genauer zu untersuchen
Müller-Ullrich: Sagen Sie doch abschließend noch vielleicht ein Wort zur Methodik Ihrer Forschungen. Die Betrachtung von Metastudien hat natürlich was Unbefriedigendes – wie kann man sozusagen näher an die Realität rankommen?
Appel: Was wir zum Beispiel auch machen, ist jugendliche Kinder und Jugendliche befragen und das zum Teil im Längsschnitt, das heißt, wir schauen, welche Medienangebote nutzen Kinder und Jugendliche an verschiedenen Zeitpunkten, wir befragen also die identische Gruppe zu mehreren Zeitpunkten. Wir fragen sie auch, wie sieht es aus mit den Eltern zum Beispiel, kannst du dich mit deinen Eltern über deine Mediennutzung, über deine Internetnutzung unterhalten, wie fühlst du dich dabei. Und da zeigt sich in unseren Studien, also in Primärstudien, die wir selbst durchführen, dass es ein protektiver Faktor sein kann, wenn Kinder das Gefühl haben, wenn irgendetwas Schlimmes im Internet passiert, dann kann ich mich an meine Eltern wenden, dann fühle ich mich verstanden, und die sind also kompetente Gesprächspartner.
Um vielleicht den Bogen zu schließen: Meine Befürchtung ist - und ich habe keine Belege dafür, keine empirischen - , dass eben Eltern, die alarmistische, panikmachende Inhalte rezipieren, dass die eben keine guten Gesprächspartner sind, weil die vielleicht ihr gutes Gefühl verlassen, das sie von Haus aus mitbringen, weil sie eben sozusagen gelesen haben, das Internet ist schlecht. Punkt. Und das ist wirklich eine Gefahr, dass eine undifferenziertere Berichterstattung, undifferenzierte und zum Teil auch irreführende Inhalte, dass die Eltern verunsichern, Lehrer verunsichern und die eben nicht zu adäquaten Gesprächspartnern dadurch werden.
Müller-Ullrich: Der Medienpsychologe Markus Appel von der Universität Landau-Koblenz über unser Leben in der digitalen Welt. Vielen Dank!
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.