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Reihe "Unsere Wurzeln, unser Erbe"Gregor Gysi: "Ich hasse nicht zurück"

Er glaube zwar nicht an Gott, sagte Gregor Gysi im Dlf. Dennoch halte er Religion für ein Grundbedürfnis des Menschen. Die Kirchen erfüllten eine wichtige Funktion in der Gesellschaft, da sie Moralnormen vorgäben.

Gregor Gysi im Gespräch mit Stephanie Rhode | 25.12.2017

Gregor Gysi während eines Interviews im Mai 2017.
Gregor Gysi sieht sich als christlich geprägt, ohne dass er eine christliche Erziehung genossen habe. (imago/photothek)
Ob Religionen helfen können, politische Spaltungen zu überwinden und gemeinsame Wertefundamente zu stärken oder umgekehrt dazu beitragen, Gesellschaften weiter zu spalten, das diskutierte Stephanie Rhode in der Reihe "Unsere Wurzeln, unser Erbe" mit Gregor Gysi. Der Politiker war bis 2015 Fraktionsvorsitzender der Linken im Bundestag und ist Vorsitzender der Europäischen Linken.
Ohne Kirche keine Werte wie Barmherzigkeit
Gregor Gysi sagte im Dlf, er glaube nicht an Gott, aber habe durchaus Respekt vor Religionen. Im Moment gebe es keine anderen Einrichtungen als christliche Kirchen, die allgemein verbindliche Moralnormen aufstellen könnten. Die Linke könne sie zwar formulieren, doch dadurch würden diese Normen nicht allgemein verbindlich werden. Das liege auch am Scheitern des Staatssozialismus.
Ohne Kirchen hätte die Gesellschaft keine Werte wie Barmherzigkeit, Nächstenliebe. Das halte er für wichtig, sonst gäbe es überhaupt keinen diesbezüglichen Kanon, sagte Gysi.
Trotzdem sei die Kritik dort an der Kirche berechtigt, wo sie Macht ausübe. Mit Franziskus habe man aber einen Papst, der wieder an die urchristlichen Werte erinnere.
Religion sei zudem ein Grundbedürfnis des Menschen. Er sehe aber auch den Nutzen für Nicht-Gläubige, allgemein verbindliche Moralnormen zu haben.
Wichtige Rolle der Kirchen in Deutschland
Die beiden christlichen Kirchen spielten im Augenblick in der Flüchtlingsfrage eine wichtige Rolle in Deutschland.
Falsch finde er die Sexualethik der katholischen Kirche, sagte Gysi, auch weil sie - etwa im Umgang mit Homosexuellen - zur Normverletzung erziehe. Dazu gehöre aber auch die Beschränkung der Frauen in der Kirche.
Spannende Debatten in der Kirche
Spannend hingegen finde er die Debatten, die abliefen. Irgendwann müsse sich in der Kirche etwas ändern, weil sie sonst Gefahr laufe, historisch überholt zu werden.
Auch ihn habe geprägt, dass man seine Feinde nicht hassen soll. Er könne sie zwar nicht lieben, aber er habe 1990 im Bundestag ganz bewusst beschlossen, er hasse nicht zurück. Das sei auch eine Prägung durch das Christentum, ohne dass er in einem christlichen Sinne erzogen worden wäre - es habe ihn souveräner gemacht. Hätte er zurück gehaßt, wäre er nicht souveräner gewesen, sondern ganz klein, so Gysi.