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StartseiteFirmenporträtSatelliten-Daten, um die Erde zu retten12.07.2019

Reihe Up, up to the Moon (2)Satelliten-Daten, um die Erde zu retten

50 Jahre nach der Mondlandung der Amerikaner ist das Weltall ein Sehnsuchtsort für Unternehmer und Investoren. Unzählige Satelliten verschicken Riesenmengen an Daten. Wer sie lesen kann, hat auch Möglichkeiten, der Erde zu helfen.

Von Reinhart Brüning

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Aus dem Weltall aufgenommenes Bild des Amazonas, der sich als blaue Linie durch grellrünen Regenwald schlängelt. Städte und Siedlungen sind in leuchtendem Pink dargestellt. (Mundialis)
Satellitenbild vom Amazonas im brasilianischen Regenwald (Mundialis)

Der unscheinbare Eingang liegt etwas abseits vom Verkehrslärm der Bonner Innenstadt. Der Zugang zu dem dreistöckigen Bürogebäude ist über einen kleinen Innenhof. auf dem Firmenschild an der Tür steht Mundialis. Im Treppenhaus hängen großformatige Bilder an der Wand, in kräftigen Farben. Erst auf den zweiten Blick wird deutlich, dass es Landschaftsaufnahmen sind, aufgenommen aus extremer Vogelperspektive. Besonders auffällig eines mit einem mäandernden Fluss. Für Geschäftsführer Markus Neteler sind diese Satellitenbilder etwas ganz Besonderes. Der promovierte Geograph, schlank, dunkelhaarig und etwa Ende 40, zeigt auf die Flusslandschaft.

"Wir haben jetzt hier konkret einen Ausschnitt gewählt, der den Amazonas abdeckt, in Brasilien. Hier in diesem großen Ausdruck, der ungefähr zwei Meter mal ein Meter lang ist, kann man eben genau sehen, wie der Regenwald abgeholzt wird. Wie sich das über die Zeit entwickeln wird.  Typischerweise hier zum Beispiel Anfänge von Siedlungen. Und dann gehen von da aus rechtwinklig oft einzelne Straßen ab, von denen dann wiederum sich nochmal kleinere wieder rechtwinklig andere Straßen oder Wege verzweigen, und so letztlich breitet sich der Mensch im Regenwald aus".

Auch das Büro von Markus Neteler hängt voller Satellitenbilder. Die Daten dafür sind kostenlos und frei zugänglich. Aber um sie praktisch nutzen zu können, müssen sie gewissermaßen veredelt werden. Und genau das macht das junge Bonner Unternehmen.

"Es geht letztlich darum: Was macht das Ökosystem Regenwald hier konkret? Welche Fortschritte oder Rückschritte sind zu verzeichnen? Wo müssen Politiker zum Beispiel eingreifen, um Schutzgebiete auszuweisen und so weiter? Dazu braucht man Informationen."

Copernicus ist die Quelle

Seit 2014 sendet Copernicus, der Erdbeobachtungssatellit der EU, pausenlos Daten. Und das war gewissermaßen der Startschuss für die Gründung von Mundialis.

"Wir haben jetzt acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hier. Das heißt, wir sind in wenigen Jahren doch sehr gut gewachsen und haben zu tun."

Co-Geschäftsführer Hinrich Paulsen ist zu dem Gespräch mit hinzugekommen. Er ist etwa gleich alt, aber deutlich größer als sein Kompagnon. Die beiden teilen sich das schlichte, funktional eingerichtete Büro.

"Wir haben das ganze Wachstum aus eigener Kraft hinbekommen. Wir haben kein Venture-Capital in Anspruch genommen - schlicht und ergreifend, weil das auch risikobehaftet ist. Wenn nämlich die Geschäfte nicht so laufen, wie die Investoren es gerne hätten, dann ist man auch schon sehr schnell wieder weg vom Fenster".

Weltall-Daten als Open-Source

Mit-Geschäftsführer Hinrich Paulsen ergänzt:

"Wir haben es eigentlich ständig geschafft, Gewinn zu machen. Und so, wie sich die Geschäfte entwickeln, sieht es eigentlich sehr positiv aus für die Zukunft, dass wir eben auch weitere Leute einstellen können".

Die Bonner Firma gehört zur Open-Source-Bewegung. Das heißt: Alle Software, die sie entwickelt, ist für alle frei zugänglich und kostenlos. Das unterscheidet sie von den klassischen Softwarefirmen, die Lizenzgebühren verlangen. Den Programmieraufwand zahlen die Auftraggeber, zum Beispiel Behörden, die auf verlässliche Planungsdaten angewiesen sind, sagt Hinrich Paulsen.

Ihn hat von Anfang an überzeugt, dass jeder die Software einsehen, auf Sicherheitslücken überprüfen und weiterentwickeln kann. Er hat schon vor 20 Jahren als Open-Source-Programmierer angefangen.

"Da waren wir die Schmuddelkinder, die freien Softwareentwickler, von denen gesagt wurde: Ach, das sind die langhaarigen Bombenleger. Abends im Keller bei Pizza und Cola programmieren die irgendwas, und wenn was schiefgeht, sind sie nicht da."

Auch die ESA ist Kunde

Aber das hat sich inzwischen geändert. Auch große Firmen interessieren sich für die freie Software. So ist zum Beispiel auch die Weltraumagentur ESA Kunde bei Mundialis. Wer in freie Software investiert, macht sich eben von keinem Anbieter abhängig, denn jeder kann damit weiterarbeiten.

Auf diese Weise erweitern sich die Möglichkeiten der Auswertung von Satellitenbildern Schritt für Schritt. Sehr viele der drängenden Probleme der Menschheit lassen sich damit angehen. Das Spektrum reicht von der Planung einer Hochspannungstrasse bis hin zur Überwachung riesiger landwirtschaftlicher Flächen, sagt Markus Neteler:  

"An meinem Beruf begeistert mich am meisten, dass wir ganz spannende interessante Informationen aus anscheinend langweiligen Datensilos extrahieren können. Und diese Daten stehen zur Verfügung und wollen analysiert werden. Das sind Dinge, die wir gerne machen. Wir haben ja nun wirklich genug Probleme auf der Welt, die wir lösen müssen."

Hinrich Paulsen begeistert die Vielfältigkeit bei Mundialis:

"Das heißt, wir sind per Definition räumlich nicht gebunden. Wir können global agieren. Und es geht ja bis hin in den Weltraum. Das heißt, wir sind nicht mal nur auf die Erde eingeschränkt, sondern wir könnten auch auf dem Mars, Mond und sonstigen Planeten tätig werden."

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